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Im brandaktuellen MedLabPortal-Interview mit DGKL-Vorstand Jan Wolter wird klar: Die wahre Achillesferse der deutschen Labormedizin liegt in den globalen Lieferketten – und in der dramatischen Abhängigkeit von Nicht-EU-Ländern. Wolter fordert daher unmissverständlich: Produktion vor Ort, staatlich finanzierte Vorhalte-Kapazitäten und ein Umdenken in Richtung strategischer Resilienz.
MedLabPortal: Herr Wolter, Deutschland debattiert derzeit heftig darüber, ob unsere Nachrichtendienste in Zukunft Geheimdienste sein sollen – fühlen Sie sich als Vorstand einer medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaft wie die DGKL es ist durch mehr echte Geheimagenten besser gegen hybride Angriffe und Sabotageakte geschützt?
Wolter: Unsere Sicherheitsarchitektur ist auf die aktuellen Herausforderungen nicht vorbereitet. Das liegt allerdings weniger an den operativen Befugnissen des Bundesamts für Verfassungsschutz. Und wir dürfen uns in der Diskussion auch nicht nur auf Behörden und ihre Befugnisse fokussieren. Kliniken und Labore sind bei der Absicherung Ihrer Einrichtungen, ob physisch oder digital, doch ziemlich alleingelassen. Da müsste mehr Unterstützung vonseiten des Staates kommen.
MedLabPortal: Auf die Risiken und möglichen Lösungsansätze im Bereich der Cyberbedrohungen für die Labormedizin haben Sie bereits im vergangenen Jahr hingewiesen, und dadurch bundesweit für Aufsehen gesorgt, als Sie die Einführung des Cybercent forderten (wir berichteten). Allein das wird aber wenig helfen, wenn eines Tages ganze Lieferketten aus dem Ausland kollabieren, weil es Staatsoberhäupter in fernen Ländern vielleicht gerade so wollen. Wie würden Sie dieses Risiko minimieren?
Wolter: Das Aufsehen hätte größer sein können: Leider hat sich hier nichts getan. Die Finanzlage der Krankenhäuser wird immer schlechter, gleichzeitig steigt der Bedarf an Sicherheitsvorkehrungen. Aber Sie sprechen da einen absolut wichtigen Punkt an, nämlich die Sicherheit von Lieferketten. Für Laboranalysen benötigen Sie Reagenzien. Ohne diese ist das Analysegerät wertlos. Nun wird aber ein wesentlicher Teil der Reagenzien aus Nicht-EU-Ländern importiert. Diese Abhängigkeit ist ein enormes Risiko. Gestörte Lieferwege, sei es durch Naturkatastrophen, Kriege oder Terror, ein steigender globaler Bedarf, beispielsweise durch eine Pandemie, oder politische Instabilitäten in den Herkunftsländern können zu Verknappung, Preissteigerungen oder einem vollständigen Ausfall führen. Wir benötigen daher Produktionskapazitäten vor Ort.
MedLabPortal: Verstehen wir Sie richtig? Große Unternehmen der Labordiagnostik- und Pharmabranche sollen im Krisenfall für uns einspringen?
Wolter: Ja. Deutschland und Europa sind weiterhin ein starker Standort für Biotech, Pharma und Medizintechnik. Wir verfügen über das notwendige Know-How. Und es würde natürlich auch Arbeitsplätze schaffen.
MedLabPortal: Warum aber sollte ein multinational agierender Konzern, der seinen Aktionären verpflichtet ist, in Vorhaltelogistik und -produktionsstätten investieren?
Wolter: Weil er dafür entsprechend bezahlt wird. Wenn die Produktion in Deutschland höhere Kosten verursacht als in anderen Teilen der Welt, muss das entsprechend vergütet werden. Das sollte nicht aus den Krankenkassenbeiträgen finanziert werden, sondern aus Steuermitteln. So wie wir Feuerwehrfahrzeuge vorhalten, Sandsäcke und Treibstoff einlagern und vieles mehr, so sollten wir es auch bei Arzneimitteln und Reagenzien halten. Wobei eine Bevorratung zu kurzgegriffen wäre. Damit lässt sich schließlich nur ein begrenzter Zeitraum überbrücken, wenn beispielsweise Lieferrouten gestört sind. Wir merken jetzt jedoch, dass wir uns auf immer weniger Partner in der Welt verlassen können und sollten daher dringend unsere Abhängigkeiten reduzieren.
MedLabPortal: Als Vorstand der DGKL sprechen Sie mit CEOs und politischen Entscheidungsträgern der Laborbranche. Wie ist die derzeitige Stimmung angesichts der von Ihnen skizzierten Bedrohungslage?
Wolter: Je mehr und intensiver man sich Gedanken macht, desto höher wird der Handlungsdruck eingeschätzt. Die Bedrohungen sind ja vielfältig. Bislang verlässliche Verbündete wandeln sich zu Gegnern, rivalisierende Staaten werden aggressiver, die globale Verschuldung wächst dramatisch, Länder werden instabiler. Hinzu kommen dramatische Folgen des Klimawandels. Extremwetterereignisse sind eine enorme Belastung für Menschen, Umwelt, Infrastruktur, Finanz- und Versicherungsmärkte. Das kann bei einem Unternehmenschef durchaus zu Sorgenfalten auf der Stirn führen. Und der Punkt ist ja der: Fällt die Labormedizin aus, dann steht auch im Gesundheitssystem vieles still. Ohne gesicherte Diagnose, ohne Therapieüberwachung fischen Sie im Drüben. Das bedeutet im Zweifel mehr und längere Krankheitsfälle.
MedLabPortal: Wenn, wie Sie soeben sagten, der Ausfall der Labormedizin durch die dann fehlenden Diagnosen zu einem massiven Ausfall der Produktionsfähigkeit Deutschlands führt, weil schlichtweg mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer krank bleiben werden – ist die Labormedizin systemisch nicht wichtiger als eine Panzerbrigade in Litauen?
Wolter: Ich fürchte, dass wir in der jetzigen Situation weder auf das eine noch auf das andere werden verzichten können.
MedLabPortal: In Sachen Bevölkerungsschutz wiederum setzt die Bundesregierung auf Aufklärung: Wir wissen genau, wie viele Dosen Ravioli für den Notfall nötig sind. Sollten wir uns in Zukunft auch einen Vorrat an POCT – als Heimtests für verschiedene Erkrankungen – im Keller zulegen?
Wolter: Davon würde ich abraten. Das Testen sollten wir Profis überlassen, die wissen, wann sie wie auf was testen müssen.
MedLabPortal: Herr Wolter, vielen Dank für Ihre Zeit!
Abdruck inkl. Bild bei Nennung der Quelle www.medlabportal.de honorarfrei.
https://medlabportal.de/labormedizin-dgkl-vorstand-jan-wolter-fordert-staatlich-...
Jan Wolter, Vorstand der DGKL
Copyright: DGKL
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
Medizin
überregional
Buntes aus der Wissenschaft
Deutsch

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