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10.02.2026 12:02

KI-Patientinnen und -Patienten für die Ausbildung in Psychotherapie

Gunnar Bartsch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Würzburg entsteht ein virtueller Übungsraum, in dem Studierende therapeutische Gespräche mit einem KI-generierten Gegenüber trainieren können.

    Ein Raum, ein Stuhl, ein Gegenüber. Die Stimme klingt bestimmt, vielleicht auch etwas besorgt: „Ich will nicht zurück in alte Muster“, sagt die Patientin. Ihr gegenüber sitzt ein angehender Psychotherapeut. Doch die Frau vor ihm existiert nicht wirklich, sie ist eine Simulation aus Künstlicher Intelligenz und Virtueller Realität.

    Neuer Master bringt neue Anforderungen für die Lehre

    Im Zuge der Reform der Psychotherapieausbildung ist an der Universität Würzburg ein neuer Masterstudiengang entstanden, an den sich – nach erfolgreichem Abschluss – direkt die Approbationsprüfung für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten anschließen lässt. Diese Veränderung hat dazu geführt, dass die Lehre, etwa das Training psychotherapeutischer Interaktionen, deutlich praxisorientierter gestaltet sein muss.

    Bislang wurde dabei hauptsächlich auf Rollenspiele mit Schauspielerinnen und Schauspielern oder Mitstudierenden gesetzt. Beide Varianten sind jedoch mit Herausforderungen verbunden: Sie sind entweder kosten- und betreuungsintensiv oder stoßen bei der authentischen Darstellung belastender Situationen oder bestimmter Personengruppen an ihre Grenzen.

    KI-Patientinnen und -Patienten für authentische Interaktionen

    An einer kreativen Lösung für diese Herausforderung experimentiert ein Lehrprojekt am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie: „Die Studierenden bekommen eine VR-Brille auf, mit der sie in einen virtuellen Therapieraum versetzt werden. Ihnen gegenüber sitzt eine virtuelle Person. Sie bekommen dann eine bestimmte Aufgabe für das therapeutische Gespräch. Sie sollen zum Beispiel abklären, was für eine Problematik die Person mitbringt.“, erklärt Dr. Daniel Gromer, einer der Projektleiter.

    Das Besondere: Die Antworten der Patientinnen und Patienten folgen keiner vorprogrammierten Antwortkette, sondern reagieren auf Grundlage eines detaillierten Prompts auf das, was die Studierenden in das Gespräch einbringen. „Die Idee ist, glaubwürdige, authentische soziale Interaktionen darzustellen“, sagt Dr. Sabrina Gado, die den technischen Teil des Projekts leitet.

    Zusammenspiel von Hard- und Software ist technisch komplex

    Was die Studierenden sagen, wird über ein Mikrofon aufgenommen, in Text umgewandelt und an ein KI-Sprachmodell geschickt. Die generierte Textantwort wird anschließend wiederum in Sprache übersetzt und in der VR-Umgebung zusammen mit einer passenden Animation der sprechenden Person abgespielt.

    Technisch ist das Vorhaben komplex, da die verschiedenen Hard- und Softwarekomponenten nahtlos ineinandergreifen und ständig an den neuen Stand der Technologie angepasst werden müssen. Finanziell gefördert wurde das Projekt von WueDive am Zentrum für wissenschaftliche Bildung und Lehre (ZBL).

    Spielerischer Zugang kann die Angst vorm Scheitern nehmen

    Aus psychotherapeutischer Sicht liegen für Projektleiterin Dr. Isabel Neumann die Vorteile auf der Hand: Studierende könnten denselben Fall mehrfach durchspielen und dabei unterschiedliche Gesprächsstrategien erproben. Außerdem fühlten sie sich mit generierten Gegenübern freier, auch mal Gesprächsstrategien außerhalb ihrer Komfort-Zone auszuprobieren. „VR erlaubt einen spielerischen Zugang“, bekräftigt Sabrina Gado, „und das kann die Angst vorm Scheitern nehmen.“

    Darüber hinaus bietet das System die Möglichkeit, Interaktionen aufzuzeichnen und so Augenbewegungen, Stimmlage und sogar physiologische Reaktionen wie die Herzrate der Studierenden auszuwerten. Dazu erläutert Isabel Neumann: „Durch die Aufzeichnung kann ich im Nachhinein reflektieren, ob es vielleicht Themen gibt, die für mich unangenehm sind, wo ich zum Beispiel den Augenkontakt nicht halte. So kann ich mich langsam an die eigene Therapeutenpersönlichkeit herantasten.“

    Perspektiven auch für andere Berufsgruppen

    Langfristig stellt sich dem Entwicklungsteam die Frage, wie das System zugänglicher gestaltet werden kann: Lässt sich die Simulation neben der Variante in VR auch webbasiert realisieren? Eine Bildschirmversion wäre zwar weniger immersiv und ohne physiologische Messungen, dafür aber jederzeit auch von zu Hause zugänglich, so Daniel Gromer. Zudem ließe sich das zugrunde liegende KI-Modell auch auf andere Kontexte übertragen, etwa auf medizinische Anamnesegespräche oder anspruchsvolle Gesprächssituationen im Lehramtsberuf.

    Ob virtuelle Patientinnen und Patienten die Ausbildung langfristig verändern werden, ist offen. Klar ist aber, dass sie den Möglichkeitsraum erweitern. Sie erlauben intensives Üben an äußerst vielfältigen Szenarien und neue Formen der Reflexion. Dabei soll die Technologie kein Ersatz sein, sondern die sonst in der Therapieausbildung stattfindenden Gespräche und Seminare ergänzen. Aktuell läuft bereits eine Testphase mit Studierenden.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Sabrina Gado, T +49 931 31-83948, sabrina.gado@uni-wuerzburg.de


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Psychologie
    überregional
    Forschungsprojekte, Studium und Lehre
    Deutsch


     

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