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Ein breit gefächertes Programm von konservativen und chirurgischen Themen wird auf der diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, vom 13.–16. Mai in Ulm präsentiert. Mit Bezug auf das Kongressmotto werden moderne chirurgische Zugangswege, Robotik, präzise Visualisierungstechniken, neue Wege in der Tumorchirurgie und innovative Konzepte zur Ambulantisierung vorgestellt. Welche Entwicklungen das Fach derzeit prägen und welche Impulse aus Ulm zu erwarten sind, erläutert Tagungspräsident Univ.-Prof. Dr. med. Thomas Hoffmann im Gespräch.
Herr Professor Hoffmann, das Motto lautet „Faszination Kopf-Hals-Chirurgie“. Was macht diesen Bereich für Sie persönlich so faszinierend?
Univ.-Prof. Dr. Hoffmann: Meine Begeisterung für die Kopf-Hals-Chirurgie hat tatsächlich schon sehr früh begonnen – durch ein Schulpraktikum – und ist im Laufe des Studiums sowie der fachärztlichen Ausbildung immer weiter gewachsen. Diese Faszination hat mich bis heute nie losgelassen. Umso wichtiger ist es mir, sie an junge Kolleginnen und Kollegen weiterzugeben. Genau dazu soll auch dieser Kongress beitragen. Was macht nun den Kopf-Hals-Bereich gerade so besonders? Sicherlich ist es seine außergewöhnliche Komplexität. Hier sitzen unsere zentralen Sinnesorgane, hier berühren sich Körper und Geist. Außerdem sind sowohl der Kopf als auch der Hals ästhetisch exponierte Bereiche, deren Erhalt und Wiederherstellung unser ganzes Können fordern. Die Kopf-Hals-Chirurgie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm weiterentwickelt. Kehlkopferhaltende Laserchirurgie, mikrochirurgische Ohr-Operationen mit modernen Implantaten, endoskopische Verfahren an der Rhino- und Otobasis oder hochkomplexe rekonstruktive Techniken prägen heute unseren klinischen Alltag. Und dennoch stehen wir längst nicht am Ende dieser Entwicklung. Große Herausforderungen und spannende Chancen liegen noch vor uns. Ihre Darstellung und Diskussion sind ein zentraler Bestandteil dieses Kongresses.
Wie spiegelt sich die Verbindung von Tradition und Fortschritt im Programm der Jahresversammlung wider?
Univ.-Prof. Dr. Hoffmann: Die Chirurgie, das ärztliche ,Gesundheitshandwerk`, hat sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt. In Ulm ist sie untrennbar mit dem Namen Johannes Scultetus (Schultheiß) verbunden, der 1595 in dieser Stadt geboren wurde. Als Stadtphysikus veröffentlichte er das berühmte ,Armamentarium Chirurgicum`, das erste Lehrbuch der Chirurgie mit eindrucksvollen Darstellungen, darunter die eines notfallmäßigen Luftröhrenschnitts. Die Kopf-Hals-Chirurgie wurde in den vergangenen Jahrhunderten erfolgreich weiterentwickelt und es wurden immer wieder relevante Meilensteine erreicht. Doch sind wir damit noch nicht am Ziel, denn es liegen sicherlich noch relevante Entwicklungen vor uns. Dazu gehören technische Innovationen in der Kopf-Hals-Chirurgie, beispielsweise die Integration von Robotik und künstlicher Intelligenz. Auch die Einbettung komplexer Chirurgie in begleitende Maßnahmen, wie zum Beispiel eine gegen den Tumor gerichtete Immuntherapie, gehört dazu. Das Ziel besteht darin, die Patientensicherheit und das Überleben bei guter Lebensqualität zu verbessern. Dabei ist es wichtig, chirurgische Maßnahmen einer Qualitätskontrolle und auch einer wissenschaftlichen Überprüfung zu unterziehen. Dadurch werden relevante Entwicklungen erkannt und ermöglicht.
Welche konkreten Innovationen in der Kopf-Hals-Chirurgie werden auf dem Kongress vorgestellt?
Univ.-Prof. Dr. Hoffmann: Die Innovationen umfassen verschiedene Teilbereiche der Kopf-Hals-Chirurgie. In der Otochirurgie geht es um den Einsatz von Gentherapie im Bereich des Innenohrs oder um die schonende, robotisch unterstützte und elektrophysiologisch kontrollierte Insertion von Elektroden bei Hörimplantaten. In der Rhinochirurgie werden sich die Experten über optimierte Zugänge und die Langzeiteffekte bestimmter Transplantate austauschen. In der Onkochirurgie geht es um die Anwendung neuartiger Roboter mit optimierten Darstellungs- und Expositionsmöglichkeiten im Bereich von Kehlkopf und Schlund. Gerade in der Onkologie wird die interdisziplinäre Verzahnung immer wichtiger, was einen hohen Planungsaufwand erfordert. Gleichzeitig unterstützt Künstliche Intelligenz die Entscheidungsfindung, ob und wann eine chirurgische Maßnahme zielführend ist, beispielsweise bei der Beurteilung der Bildgebung (Radiomics), und hilft auch bei der Erstellung von Prognosemodellen.
Robotik und Künstliche Intelligenz gelten als „disruptive Technologien“. Wo sehen Sie die größten Chancen – und welche Risiken müssen wir im Blick behalten?
Univ.-Prof. Dr. Hoffmann: Auch bei Robotik und Künstlicher Intelligenz stehen wir in der Kopf-Hals-Chirurgie noch am Anfang einer spannenden Entwicklung. Das große Potenzial dieser Technologien liegt ganz klar darin, die Behandlung unserer Patientinnen und Patienten weiter zu verbessern und Komplikationen zu vermeiden. Gleichzeitig können diese Technologien Ärztinnen und Ärzte sowie das gesamte OP-Team bei komplexen Entscheidungen unterstützen und von repetitiven, zeitintensiven Aufgaben entlasten. Konkrete Beispiele hierfür gibt es bereits heute: den hochpräzisen Elektrodenvorschub in der Innenohrchirurgie, die optimierte Zugangsplanung in der transoralen Tumorchirurgie oder die Unterstützung klinischer Entscheidungen durch die Analyse quantitativer Bildmerkmale und deren Abgleich mit großen medizinischen Bilddatenbanken. Gleichzeitig müssen wir uns jedoch auch ehrlich fragen, wie weit wir – sowohl als Behandelnde als auch als Patientinnen und Patienten – bereit sind zu gehen. Wie viel Verantwortung wollen wir an selbstlernende, selbstentscheidende Systeme abgeben? Genau hier liegt die Herausforderung: Die Integration von Robotik und KI eröffnet zwar enorme Chancen für Präzision, Individualisierung und Effizienz, wirft aber auch grundlegende ethische Fragen nach Verantwortung, Transparenz und Legitimation auf. Diese Themen werden wir auf dem Kongress in einem Hauptreferat sowie zahlreichen Einzelbeiträgen intensiv diskutieren.
Die Ambulantisierung ist ein zentrales Thema. Welche Auswirkungen erwarten Sie für die HNO-Chirurgie und die Patientenversorgung?
Univ.-Prof. Dr. Hoffmann: Die Ambulantisierung begleitet unser Fach bereits seit vielen Jahren. Gerade bei kleineren und unkomplizierten Eingriffen im Kopf-Hals-Bereich ist die Vermeidung eines stationären Aufenthalts längst gelebter Standard, und die praktizierenden Kolleginnen und Kollegen verfügen in diesem Bereich über eine hohe Kompetenz. Wenn wir dieses Konzept verantwortungsvoll auf weitere Eingriffe ausweiten wollen, müssen jedoch klare Voraussetzungen erfüllt sein. Eine sorgfältige Patientenselektion ist dabei ebenso entscheidend wie ein verlässliches postoperatives Monitoring, um drohende Komplikationen frühzeitig zu erkennen. Unsere Fachgesellschaft hat sich hierzu gemeinsam mit dem Berufsverband intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt und entsprechende „Leitplanken“ formuliert. Nicht zuletzt braucht es auch eine tragfähige finanzielle Grundlage, um die notwendige OP-Infrastruktur aufrechterhalten zu können. Gerade bei kindlichen Eingriffen sehen wir aktuell politischen Handlungsbedarf.
Die Weiterbildungsordnung steht im Fokus. Welche Änderungen sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig für die Zukunft des Fachs?
Univ.-Prof. Dr. Hoffmann: Die HNO-Heilkunde ist ein ausgesprochen vielseitiges Fach – mit einem breiten konservativen und operativen Spektrum. Der Wissenszuwachs der letzten Jahre ist enorm, und auch die chirurgischen Anforderungen sind durch technische Innovationen deutlich komplexer geworden. Vor diesem Hintergrund haben wir uns als Fachgesellschaft ganz bewusst gegen eine Verkürzung der fünfjährigen Facharztweiterbildung ausgesprochen und dies gegenüber der Bundesärztekammer mehrfach klar begründet. Unser Ziel ist es auch weiterhin eine qualitativ hochwertige Facharztausbildung mit konservativen und chirurgischen Anteilen zu gewährleisten, um ausreichend Fachärztinnen und Fachärzte mit hoher Kompetenz in Klinik und Praxis vorhalten zu können. Für eine weiterführende chirurgische Spezialisierung innerhalb der Kopf-Hals-Chirurgie gibt es nach der Facharztausbildung bereits die Zusatzweiterbildungsoption „Plastische und ästhetische Operationen“. Ergänzend hat unsere Fachgesellschaft neue Expertenzertifikate für die „Kopf-Hals-Onkochirurgie“ sowie die „Nasennebenhöhlen- und Schädelbasis-Chirurgie“ etabliert. Ziel ist es, chirurgische Qualifikationen sichtbar zu machen – und nicht zuletzt auch die nächste Generation dafür zu begeistern, sich diesem faszinierenden Teil unseres Fachs zuzuwenden.
Wie kann die Fachgesellschaft sicherstellen, dass Innovationen nicht zulasten der Versorgungsqualität gehen?
Univ.-Prof. Dr. Hoffmann: Unsere Fachgesellschaft versteht sich als wichtiges Bindeglied zwischen Wissenschaft, Politik, Patientinnen und Patienten sowie den Behandelnden. Innovationen müssen nicht nur angestoßen, sondern auch kritisch bewertet, verständlich kommuniziert und sinnvoll in die tägliche Versorgung integriert werden. Dabei spielen spezialisierte Gremien wie das Deutsche Studienzentrum der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie eine zentrale Rolle, etwa bei der Planung und Durchführung klinischer Studien. Unser Ziel ist es, ungedeckte medizinische Bedarfe zu identifizieren und relevante Evidenzlücken in der HNO-Heilkunde zu schließen. Neue Verfahren und Technologien werden schließlich in einem strukturierten Prozess in medizinischen Leitlinien bewertet und festgehalten. Dieser aufwändige Prozess wird meist von unserer wissenschaftlichen Fachgesellschaft initiiert oder begleitet und bindet auch Patienten-Selbsthilfegruppen eng ein. Unser gemeinsames Ziel ist es, die Versorgungsqualität kontinuierlich zu verbessern und unseren Kolleginnen und Kollegen Orientierung und Sicherheit im klinischen bzw. Praxisalltag zu geben.
Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen: Wo steht die Kopf-Hals-Chirurgie in zehn Jahren?
Univ.-Prof. Dr. Hoffmann: Die Kopf-Hals-Chirurgie wird auch in zehn Jahren eine tragende Säule in der Behandlung von HNO-Erkrankungen sein. Bewährte offene und minimalinvasive Verfahren, wie etwa endoskopische Zugänge über Nase oder Mund, werden durch technische Assistenzsysteme weiter optimiert. Komplexe Eingriffe werden noch stärker interdisziplinär eingebettet sein und von begleitenden Therapiekonzepten vor, während und nach der Operation profitieren. Die intraoperative Darstellung von Tumorgrenzen könnte durch innovative Visualisierungstechniken in Mikro-, Exo- oder Endoskopen deutlich verbessert werden. Gleichzeitig könnten Robotik und Automation repetitive Tätigkeiten mit höchster Präzision übernehmen. Spracherkennungssysteme könnten Großgeräte wie die intraoperative digitale Volumentomographie oder Navigationssysteme steuern, während Künstliche Intelligenz die OP-Planung und Entscheidungsfindung unterstützt, etwa in Tumor- oder Schädelbasis-Boards – unterstützt. Nach der Operation könnten Smart Devices das Monitoring begleiten und so mehr Freiheit und Sicherheit im Sinne der Ambulantisierung ermöglichen.
Was wünschen Sie sich, dass die Teilnehmenden aus dieser Jahresversammlung mitnehmen?
Univ.-Prof. Dr. Hoffmann: Die HNO-Heilkunde ist ein breit gefächertes Fachgebiet, das sowohl konservative als auch chirurgische Aspekte umfasst. Die Bandbreite reicht dabei vom Neugeborenen bis zum hochbetagten Menschen, vom kleinsten Knochen des Körpers, dem Steigbügel, bis hin zu großen Tumor- oder Schädelbasiseingriffen. Die Kopf-Hals-Chirurgie ist dabei ein besonders dynamisches und faszinierendes Feld, das bereits wegweisende Entwicklungen wie Cochlea-Implantate oder die moderne Schädelbasis-Chirurgie hervorgebracht hat – und auch in Zukunft eine enorme Innovationskraft besitzen wird. In den kommenden Jahren werden neue technische Entwicklungen zunehmend in die Versorgung integriert, um die Lebensqualität und das Überleben unserer Patientinnen und Patienten weiter zu verbessern. Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe, diese Faszination an die nächste Generation weiterzugeben und durch klare, verlässliche Ausbildungskonzepte zu fördern. Die Kopf-Hals-Chirurgie ist ein integraler Bestandteil unseres Heilberufs – mit großem Entwicklungspotenzial und hervorragenden Zukunftsperspektiven, auch im interdisziplinären Kontext.
Auf welches Highlight freuen Sie sich besonders auf der Tagung?
Univ.-Prof. Dr. Hoffmann: Es gibt nicht das eine Highlight der Jahrestagung in Ulm – vielmehr lebt der Kongress von vielen besonderen Momenten. Dazu zählen die sorgfältig vorbereiteten Hauptreferate ebenso wie die zahlreichen interaktiven Formate, etwa Graphical Glimpses, Voting Sessions, Bingo, International Sessions, praktische Akademiekurse oder Breaking News. Sie alle schaffen Raum für echten kollegialen und interprofessionellen Austausch. Auch der Pflegetag ist ein wichtiger Bestandteil. Ich freue mich sehr, in unserer schwäbischen Doppelstadt an der Donau Kolleginnen und Kollegen aus dem In- und Ausland begrüßen zu dürfen – sowohl aus der Klinik als auch aus der Praxis –, um gemeinsam den Dialog zur „Faszination Kopf-Hals-Chirurgie“ zu vertiefen. Und natürlich darf auch der informelle Austausch – gerade mit der jungen Generation – nicht zu kurz kommen: Late-Night-Partys und der Gesellschaftsabend gehören selbstverständlich dazu.
Die Fragen stellte Katrin Franz.
https://kongress-hno.de/ - Mehr Informationen zum HNO 2026
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Studierende, Wissenschaftler
Medizin
überregional
Wissenschaftliche Tagungen
Deutsch

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