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19.02.2026 15:21

Selbst zur Künstlerin, zum Künstler werden

Charlotte Brückner-Ihl Presse, Kommunikation und Marketing
Justus-Liebig-Universität Gießen

    Psychologische Studie zur Wahrnehmung von Kunstwerken in Publikation i-Perception erschienen – „K. Malevich sein: Ein praktischer Ansatz zur Kompositionspräferenz“

    Wie entsteht in der Kunst der Eindruck von Ruhe, Balance oder Dynamik? Warum empfindet eine Person ein Bild als ästhetisch ansprechend und harmonisch, und eine andere Person dasselbe Bild als unausgewogen? Diesen Fragen ging ein Team von Psychologinnen und Biologinnen der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) in einer Studie nach: Statt Kunstwerke nur zu betrachten und zu bewerten, wurden die Teilnehmenden eingeladen, selbst aktiv Kompositionen zu gestalten. Die Ergebnisse sind jetzt unter dem Titel „Being K. Malevich: A hands-on approach to compositional preference“ „K. Malewitsch sein: Ein praktischer Ansatz zur Kompositionspräferenz“ in der renommierten Fachzeitschrift i-Perception erschienen.

    Wie das Urteil der Betrachterinnen und Betrachter über ein Kunstwerk ausfällt, hängt stark von der wahrgenommenen „visuellen Balance“ und individuellen Vorlieben ab. Dr. Doris Braun, Mara Hofmann und Prof. Dr. Katja Dörschner untersuchten dazu den Zusammenhang zwischen wahrgenommener Stabilität, Dynamik, Ausgewogenheit und ästhetischer Bewertung von Kunstwerken.

    Im Rahmen ihrer Studie wurde zunächst für jedes von zehn ausgewählten abstrakten Werken der suprematistischen Kunstbewegung eine Papierversion aus ausgeschnittenen Bildelementen erstellt. Diese Werke eignen sich besonders gut für interaktive Gestaltungsaufgaben, da sie aus geometrischen, teils farbigen Formen wie Dreiecke, Rechtecke, Kreise etc. bestehen. Der bekannteste Vertreter der Suprematisten war der Künstler Kasimir Malewitsch (engl. Malevich) – geboren 1879 in Kyiv/ Ukraine, gestorben 1935 in St. Petersburg /Russland –, ein Vertreter der russischen Avantgarde, der zu den wichtigsten Pionieren der abstrakten Kunst zählt.

    „Zu verstehen, warum wir visuelle Kunst schätzen und warum Menschen unterschiedliche Arten von Kunst mögen, ist nicht nur für die Wahrnehmungsforschung bedeutsam, sondern betrifft auch Fragen, die sich interessierte Laien immer wieder stellen“, sagt Psychologin Dörschner: „Anlass genug, uns diesem Thema mit einem ungewöhnlichen kreativen Ansatz aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven zu nähern.“

    Insgesamt 21 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten die Aufgabe, mit den Bildelementen eines jeden der zehn Kunstwerke eigene Kompositionen zu erstellen, die „stabil“ oder „dynamisch“ erscheinen sollten. Am Ende der Gestaltung übertrug jeder Teilnehmerin bzw. jeder Teilnehmer die eigene Komposition in eine digitale Version. Im zweiten Teil wurden die 20 selbsterstellten Kompositionen mit den Orginalkunstwerken nach dem Zufallsprinzip gezeigt. Die Teilnehmenden beurteilten bei jeder Komposition, wie dynamisch, stabil, balanciert und ansprechend ihnen jedes einzelne Bild erschien.
    „Dieser aktive Ansatz orientiert sich bewusst an künstlerischen Arbeitsweisen und erlaubt, ästhetische Entscheidungen direkt im Entstehungsprozess zu untersuchen. Die Teilnehmenden erlebten, wie ästhetische Eindrücke durch gezielte Veränderungen von Position, Ausrichtung und Anordnungen entstehen“, erklärt Neurowissenschaftlerin Braun. Bei der „stabilen“ Kompositionsaufgabe stapelten die Teilnehmenden die einzelnen Bildelemente im unteren Drittel der Bildfläche in ähnlicher Weise symmetrisch übereinander, bei der „dynamischen“ Kompositionsaufgabe wurden die Elemente über die gesamte Bildfläche verteilt. Die Analyse ergab deutliche Unterschiede bei den individuellen Vorlieben für stabile oder dynamische Anordnungen. In ihren Beurteilungen bevorzugten die Teilnehmenden insgesamt die selbstgestalteten dynamischen Kompositionen den stabilen Kompositionen – und interessanterweise auch den Originalwerken. Indem die Forschenden ästhetische Wahrnehmung als aktiven, kreativen Prozess untersuchten, eröffneten sie neue Perspektiven auf die Frage, wie Kunst erlebt wird – und warum Menschen sich in ihrem Geschmack so deutlich unterscheiden.

    Die Studie unterstreicht die Stärke der Gießener Wahrnehmungsforschung an der Schnittstelle von Psychologie, Kunst und Kognitionswissenschaft. Sie zeigt zugleich, wie wissenschaftliche Experimente gestaltet werden können, damit kreative Prozesse nicht abstrahiert betrachtet, sondern gezielt in die Versuchsanordnung einbezogen werden können.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Doris Braun
    Fachbereich 06 – Psychologie und Sportwissenschaft der JLU Gießen
    Abteilung Allgemeine Psychologie
    Telefon: 0641 99-26103; E-Mail: Doris.Braun@psychol.uni-giessen.de

    Prof. Katja Dörschner-Boyaci, Ph.D.
    Allgemeine Psychologie & Visuelle Neurowissenschaften
    Otto-Behaghel-Straße 10F, 35394 Gießen
    Telefon: 0641 99-26111; E-Mail: katja.doerschner@psychol.uni-giessen.de


    Originalpublikation:

    Braun, D. I., Hofmann, M., & Doerschner, K. (2026). Being K. Malevich: A hands-on approach to compositional preference. i-Perception, 17(1), 1–31. https://doi.org/10.1177/20416695261421103


    Weitere Informationen:

    https://www.uni-giessen.de/de/fbz/fb06/psychologie/abt/allgemeine-psychologie


    Bilder

    Digitale Bilder der verwendeten suprematistischen Kunstwerke des Künstlers Kasimir Malewitsch (M1-M7) und der Künstlerin Ljubow Sergejewna Popowa (P1-P2).  Abbildung: Figure 2
    Digitale Bilder der verwendeten suprematistischen Kunstwerke des Künstlers Kasimir Malewitsch (M1-M7 ...

    Copyright: https://doi.org/10.1177/20416695261421103


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Kunst / Design, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
    Deutsch


     

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