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23.02.2026 09:12

Wie „Clean-up-Zertifikate“ für besseren Klimaschutz sorgen

Ulrich von Lampe Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

    Eine bahnbrechende ökonomische Studie rechnet die Wirkungskraft dieses neuartigen Politik-Instruments vor. Dessen Idee lautet: Du darfst das Klimagas CO₂ in die Luft pusten – wenn du versprichst, später „sauberzumachen“ und CO₂ zurückzuholen. Die durch Clean-up-Zertifikate aktivierten Marktkräfte können ohne Extra-Belastung der Wirtschaft den Kampf gegen die Erderhitzung enorm stärken. Die Studie wurde erstellt vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und veröffentlicht in der Top-Fachzeitschrift Journal of Environmental Economics and Management.

    „Das Ausstoßrecht an eine Rückholpflicht zu koppeln, wäre eigentlich nichts grundlegend Neues“, erklärt Kai Lessmann, PIK-Forscher und Leitautor der Studie. „In Teilen der Wirtschaft wird sowas längst praktiziert – etwa bei der Rücknahme von Pfandflaschen oder Elektro-Altgeräten. Es ist das Prinzip der erweiterten Produzenten-Verantwortung: Die Firmen stehen nicht nur für die Qualität ihrer Waren ein, sondern auch für die Entsorgung ihres Abfalls. Und wir zeigen hier, welches Potenzial dieses Prinzip für den Klimaschutz bietet.“

    Laut der Studie kann ein solcher Kombi-Deal für Firmen aus zwei Gründen attraktiv sein. Erstens findet die Rücknahme ja anders als die Emission erst in der Zukunft statt, die Kosten werden also bei der Investitionsplanung mit einem kalkulatorischen Zinssatz abdiskontiert. Und zweitens reduzieren sich diese Kosten durch Fortschritt bei Entnahme-Technologien, etwa wenn Filtersysteme zum Direktabscheiden von CO₂ aus der Luft zukünftig mit weniger Energie auskommen. So entsteht ein Gestaltungsspielraum für den Regulierer. Er kann den Umfang der Rückhol-Verpflichtung relativ zur emittierten Menge CO₂ austarieren. Und damit die Balance zwischen „Wirtschaft entlasten“ und „Saubermachen der Atmosphäre“.

    Künftiger EU-Beitrag zur Erderhitzung könnte sich halbieren

    Um die mögliche Wirkungskraft der Clean-up-Zertifikate zu beziffern, bildet das Forschungsteam die Nachfrage und die Preisbildung in einem mathematischen Modell ab – und rechnet damit exemplarisch die Klimawende in Europa durch. In Anlehnung an eine Berechnung des EU-Klimabeirats ESABCC unterstellt das Team ein Restbudget von 14 Gigatonnen CO₂, die ab dem Jahr 2030 EU-weit noch insgesamt ausgestoßen werden dürfen, wenn das Limit von 1,5 Grad Erderhitzung langfristig Bestand haben soll. In dem Modell wird dieses Restbudget vollständig über einen Emissionshandel verwaltet, es kursieren also für 14 Gigatonnen CO₂ einfache Emissionsrechte ohne Rückholverpflichtung, für die die Firmen bezahlen.

    In der modellgestützten Analyse geht es nun unter anderem um die folgende Frage: Wenn die Politik kein zusätzliches Geld in die Klimawende stecken und auch die Wirtschaft nicht zusätzlich belasten will – wie kann sie unter diesen Prämissen mit Clean-up-Zertifikaten für maximale Wohlfahrt sorgen? In der Analyse werden die wohlfahrtsmindernden Schäden durch den CO₂-Ausstoß und den dadurch ausgelösten Klimawandel automatisch gegengerechnet.

    Die Antwort lautet: Die Politik müsste die Menge der Clean-up-Zertifikate auf 17 Gigatonnen CO₂-Emissionen beschränken. Sie würde für je zehn ausgegebene Clean-up-Zertifikate vier einfache Emissionsrechte vom Markt nehmen. Und die Firmen würden sich durch den Kauf dieser Clean-up-Zertifikate verpflichten, insgesamt 6,8 Gigatonnen CO₂ mehr zurückholen, als sie emittieren. Im Ergebnis ist dann die Belastung aus CO₂-Handel und Klimaschäden um 4 Prozent niedriger als ohne Clean-up-Zertifikate. Und der Kampf gegen die Erderhitzung wird dann enorm gestärkt: Statt der insgesamt 14 Gigatonnen CO₂ emittiert die EU dann ab dem Jahr 2030 unterm Strich, inklusive der Rückhol-Anstrengungen laut den Verpflichtungen, nur 7,2 Gigatonnen CO₂. Europas Beitrag zum künftigen Klimawandel wird also fast halbiert.

    Finanzierung für netto-negative Emissionen nach 2050

    Die Studie zeigt zudem, dass sich die Wirkungskraft der Clean-up-Zertifikate noch weiter verbessern lässt, wenn die Politik für sich selbst (nicht aber für die Wirtschaft) die Prämisse „keine zusätzlichen Kosten“ kippt. Wenn sie also bereit ist, den Staatshaushalt für die Klimawende stärker zu belasten. Das ermöglicht EU-weit sogar 8 Prozent weniger Belastung aus CO₂-Handel und Klimaschäden, rund 28 Milliarden Euro pro Jahr, was dem Nutzen des Freihandelsabkommens mit Kanada entspricht, wie das Forschungsteam zur Illustration anmerkt. Die Studie gibt auch Orientierung zur Höhe einer Sicherheit, die die Käufer von Clean-up-Zertifikaten hinterlegen sollten, und empfiehlt für die institutionelle Absicherung die Gründung einer Europäischen Kohlenstoff-Zentralbank.

    „Angesichts des potenziellen Nutzens, der in dieser ökonomischen Analyse deutlich wird, sollte die EU die Einführung von Clean-up-Zertifikaten ernsthaft in Erwägung ziehen“, sagt Ottmar Edenhofer, PIK-Direktor und Vorsitzender des EU-Klimabeirats ESABCC, der die Studie als ein Co-Autor mitverfasst hat. „Der Kombi-Deal aus Emissionsrecht und Rückhol-Verpflichtung würde der Wirtschaft auf dem Weg zur Klimaneutralität wichtige Flexibilität verschaffen. Und er würde anschließend, nach 2050, die mit Blick auf das 1,5-Grad-Limit notwendigen netto-negativen Emissionen finanzieren helfen.“


    Originalpublikation:

    Lessmann, K., Gruner, F., Kalkuhl, M., Edenhofer, O., (2026): Emissions trading with clean-up certificates: How carbon debt can increase climate ambition levels. – Journal of Environmental Economics and Management. [DOI: 10.1016/j.jeem.2026.103307]
    https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0095069626000276


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Energie, Meer / Klima, Politik, Umwelt / Ökologie, Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

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