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23.02.2026 15:22

Oxytocin-empfindlicher Schaltkreis im Gehirn fördert soziales Verhalten unter körperlicher Belastung

Torsten Lauer Referat Kommunikation und Medien
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit

    Eine neue tierexperimentelle Studie zeigt, wie das Neuropeptid Oxytocin gezielt soziale Verhaltensweisen fördert. Forschende weisen nach, dass Oxytocin direkt im medialen präfrontalen Kortex wirkt, einem zentralen Bereich des Gehirns, der für soziales Verhalten zuständig ist. Dort aktiviert es spezielle Nervenzellen, die soziale Annäherung fördern. Bemerkenswert ist, dass dieser Effekt auch unter körperlicher Belastung wie Hunger bestehen bleibt. Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise darauf, wie soziales Verhalten im Gehirn beeinflusst und angepasst wird und warum es auch in belastenden Situationen erhalten bleiben kann.

    Das Neuropeptid Oxytocin ist ein spezieller Botenstoff, mit dem Nervenzellen miteinander kommunizieren. Er ist vor allem dafür bekannt, soziales Verhalten zu fördern. Dennoch ist bislang weitgehend unklar, auf welche genauen Hirnstrukturen und welche Zelltypen Oxytocin während sozialen Verhaltens wirkt. Um mögliche Mechanismen im Gehirn zu identifizieren, hat ein internationales Forscherteam unter Federführung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim eine tierexperimentelle Studie durchgeführt, deren Ergebnisse nun im Fachjournal Nature Communications veröffentlicht wurden.

    Direkte Oxytocin-Wirkung im medialen präfrontalen Kortex

    Mithilfe optogenetischer Methoden lösten die Forschenden gezielt die lokale Freisetzung von Oxytocin aus Nervenfasern aus, die vom Hypothalamus in diesen kortikalen Bereich verlaufen. Diese lokal begrenzte Oxytocin-Freisetzung führte bei weiblichen Ratten zu einer deutlichen Zunahme sozialer Annäherung. Damit ist es gelungen, erstmals einen Schaltkreis in der Großhirnrinde genau zu beschreiben, der auf Oxytocin anspricht und soziales Verhalten fördert.

    Spezielle Nervenzellen fördern soziale Annäherung

    Im Fokus der Forschenden standen Zellen mit Oxytocin-Rezeptoren, die überwiegend hemmende Interneurone sind. Deren Aufgabe ist es, die Aktivität von Hauptnervenzellen zu dämpfen. Damit unterdrücken Sie vor allem die Aktivität jener Nervenzellen in der Großhirnrinde, die Signale an die Amygdala weiterleiten, ein Hirnareal, das an Angst- und Stressverarbeitung beteiligt ist. „Die hemmenden Interneurone wirken wie ein Verstärker für soziale Signale im medialen präfrontalen Kortex“, erklärt Stephanie Schimmer, Mitarbeiterin in der Abteilung Neuropeptidforschung in der Psychiatrie am ZI und Erstautorin der Studie. „Sind diese Zellen aktiviert, erhöhen sie gezielt die Bereitschaft der Tiere zur Interaktion.“

    Soziales Verhalten bleibt trotz Hungergefühl erhalten

    Besonders relevant ist, dass der prosoziale Effekt auch unter Hunger anhielt. Normalerweise konkurrieren soziale Bedürfnisse in solchen Situationen mit grundlegenden Überlebensmotiven. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein spezieller neuronaler Schaltkreis sozialen Kontakt auch dann aufrechterhält, wenn der Körper durch konkurrierende körperliche Bedürfnisse wie Hunger belastet ist“, sagt Prof. Dr. Valery Grinevich, Leiter der Abteilung Neuropeptidforschung in der Psychiatrie am ZI und Letztautor der Studie.

    Gezielte Hemmung angstbezogener Netzwerke

    Weitere Analysen der Forschenden zeigten, dass die aktivierten Interneurone vor allem Nervenzellen hemmen, die Signale zur Amygdala weiterleiten, einem Zentrum für Angst und emotionale Bewertung. „Dies könnte erklären, inwiefern Oxytocin gezielt angstbezogene Prozesse dämpft und soziales Verhalten begünstigt“, sagt Grinevich.

    Er ist überzeugt davon, dass ein besseres Verständnis der genauen anatomischen und zellulären Zielstrukturen von Oxytocin dazu beiträgt, die neuronalen Grundlagen von sozialem Verhalten, Empathie, Vertrauen und sozialer Entscheidungsfindung besser zu verstehen. Viele psychische Erkrankungen, wie Angststörungen, Autismus-Spektrum-Störung, Depressionen oder Schizophrenie gehen mit Veränderungen im sozialen Verhalten einher. Entsprechende Erkenntnisse können daher einen wichtigen Beitrag leisten, um wirksame Therapien entwickeln beziehungsweise bestehende Therapien verbessern zu können.

    An dieser Studie waren neben Forschenden des ZI auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät Heidelberg sowie der Universitäten in Straßburg (Frankreich), Haifa (Israel) sowie Krakau (Polen) beteiligt. Die Studie wurde vor mehr als einem Jahrzehnt von Valery Grinevich am Max-Planck-Institut für medizinische Forschung in Heidelberg initiiert.


    Originalpublikation:

    Schimmer S, Kania A, Lefevre A, Afordakos K, Wang K-Y, Lebedeva J, et al. Oxytocin facilitates social behavior of female rats via selective modulation of interneurons in the medial prefrontal cortex. Nat Commun. 2026;17:1932. DOI:10.1038/s41467-026-68347-x.
    https://doi.org/10.1038/s41467-026-68347-x


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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