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MHH-Forschungsteam will Biomarker für Grunderkrankungen bei interstitieller Nephritis finden und wird mit einer halben Million Euro gefördert.
Unsere Nieren haben vielfältige Funktionen, so sind sie unter anderem für die Entgiftung des Körpers zuständig. Täglich säubern viele tausende Filtereinheiten der beiden bohnenförmigen Organe etwa 1.800 Liter Blut und geben die Abfall- und Giftstoffe über den Harn ab. Diese sogenannten Nephrone bestehen aus einem Nierenkörperchen und einem angeschlossenen Nierenkanälchen. Wenn sich das Nierengewebe zwischen den feinen Nierenkanälchen entzündet, wandern Immunzellen in die Nieren ein. In der Folge ist die Nierenfunktion gestört und es kann im Verlauf zu chronischem Nierenversagen kommen. Häufigste Gründe für die in der Fachsprache als interstitielle Nephritis (IN) bezeichnete Erkrankung sind Reaktionen auf Medikamente – etwa Antibiotika oder Schmerzmittel – und Infektionen. Aber auch seltene Erkrankungen können eine IN auslösen. Die Diagnose lässt sich mit Hilfe einer Nierenbiopsie feststellen. Über die genaue Ursache gibt die Gewebeprobe in vielen Fällen jedoch keine Auskunft. Hier liegt die Chance für die frühzeitige Erkennung einer seltenen Erkrankung, bevor weitere Schäden auftreten. In ihrem Projekt „Seltene Erkrankungen mit interstitieller Nephritis“ suchen Prof. Dr. Christian Hinze und Dr. Vega Gödecke aus der Klinik für Nieren und Hochdruckerkrankungen der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) nun nach Biomarkern, welche diese diagnostische Lücke schließen sollen. Das Vorhaben wird im Rahmen der Ausschreibung „Innovative Diagnostik und Therapieansätze zur Bekämpfung seltener Erkrankungen“ vom Förderprogramm zukunft.niederachsen mit rund einer halben Million Euro unterstützt.
Schnellere und verlässlichere Typisierung
„Häufig wird die Entzündung fälschlicherweise auf medikamentöse Ursachen zurückgeführt, sobald eine Infektion ausgeschlossen werden kann“, sagt Professor Hinze, Oberarzt an der Klinik. Es kann allerdings auch sein, dass eine unbekannte seltene Erkrankung ursächlich ist, die man diagnostisch nicht verpassen sollte. „Das ist in etwa so, wie man bei Hufgetrappel automatisch an Pferde denkt, obwohl ein Zebra ebenfalls als Verursacher in Frage käme.“ Die Forschenden suchen nun eine Möglichkeit, die häufiger auftretenden „Pferde“ von den seltenen „Zebras“ zu unterscheiden. Dafür wollen sie Biomarker finden, die eine schnellere und verlässlichere Typisierung verschiedener Formen der IN und das Vorliegen seltener Erkrankungen ermöglichen, um so dem Verlust der Nierenfunktion bei betroffenen Patientinnen und Patienten vorbeugen können.
Dieses Ziel wollen sie mit Hilfe klinischer Daten IN-Betroffener, eines umfangreichen Nierenbiopsie-Programms sowie molekularer und bioinformatischer Methoden erreichen. „Wir verfügen in unseren Ambulanzen für seltene Nierenerkrankungen über umfangreiche und einzigartige Patientenkohorten und ein großes Nierenbiopsie-Programm“, stellt der Nephrologe fest. „Wir wollen Biopsien von 60 IN-Patientinnen und Patienten nutzen.“ So hoffen die Forschenden Biomarker zu entdecken, mit denen es künftig möglich ist, bereits beim Blick auf die Gewebeschnitte unter dem Mikroskop zwischen den häufigen arzneimittelinduzierten Ursachen und den durch seltene Erkrankungen verursachten Entzündungen unterscheiden zu können.
Biomarker für systemische Autoimmunerkrankungen
In einem zweiten Schritt, sollen dann nicht nur die „Pferde“ von den „Zebras“ unterschieden, sondern auch die Zebras selbst genauer differenziert werden. Denn diese sehen sich zwar ähnlich, aber ihr Fellmuster ist individuell einmalig. Ähnlich verhält es sich auch mit den seltenen Erkrankungen im Zusammenhang mit IN. „Es sind aktuell etwa 8.000 seltene Erkrankungen bekannt, von denen nicht wenige mit Nierenproblemen einhergehen“, sagt Oberärztin Dr. Gödecke. „Insbesondere seltene systemische Autoimmunerkrankungen als Ursache einer IN in Erwägung zu ziehen ist für eine Vorhersage wichtig, denn diese stellen neben Infektionen immerhin die zweithäufigste Ursache für eine IN dar und sind behandelbar.“ Diese chronisch entzündlichen Erkrankungen sind mitunter schwer zu diagnostizieren, da sie individuell unterschiedlich verlaufen und die Symptome zeitversetzt auftreten können. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass das Immunsystem fälschlicherweise gesundes körpereigenes Gewebe angreift. Hierbei können unter anderem die Nieren, aber auch andere Organe betroffen sein. Während einige der seltenen Krankheiten durch den Nachweis von Antikörpern identifiziert werden können, müssen andere mit einer Gewebeprobe gesichert werden. In sehr seltenen Fällen liegt der IN eine angeborene Erkrankung zugrunde. Zu den erworbenen Autoimmunerkrankungen, die eine IN auslösen können, zählen die Sarkoidose, eine entzündliche Erkrankung mit möglichem Nierenbefall, sowie das Sjögren-Syndrom, eine rheumatische Erkrankung der Speichel- und Tränendrüsen, die ebenfalls die Nieren betreffen kann.
In dem Projekt stehen die beiden Autoimmunerkrankungen daher beispielhaft im Fokus. Ziel ist es, auch für die seltenen IN-Auslöser spezifische Biomarker zu finden, damit seltene Erkrankungen selbst bei unspezifischen Befunden frühzeitig in Betracht gezogen werden. „Die Niere ist das Fenster, über das wir eine seltene Erkrankung in der IN erkennen können“, sagt Professor Hinze. „Nun wollen wir über die Biopsien den Blick auf die Ursachen richten und so einen schnelleren Zugang zu einer geeigneten Behandlung ermöglichen.“
SERVICE:
Weitere Informationen erhalten Sie bei Prof. Dr. Christian Hinze, hinze.christian@mh-hannover.de und Dr. Vega Gödecke, goedecke.vega@mh-hannover.de.
Wollen bei der Ursachenforschung von Nierenentzündungen die häufigen „Pferde“ von den seltenen „Zebr ...
Copyright: Karin Kaiser/MHH.
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