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02.03.2026 13:00

Außergewöhnliche Bestattungen aus Sachsen-Anhalt gewähren Einblick in Leben und Tod in der Bronzezeit

Dr. Oliver Dietrich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt - Landesmuseum für Vorgeschichte

    Eine neue Studie widmet sich den Körpergräbern der Späten Bronzezeit aus Esperstedt und Kuckenburg mittels DNA- und Isotopenuntersuchungen. Für die betrachtete Region in Mitteldeutschland ergeben sich Hinweise auf eine weitgehende Bevölkerungskontinuität seit der Frühbronzezeit. Erst in den späteren Abschnitten der Späten Bronzezeit treten Abstammungslinien aus dem mittleren Donauraum hinzu. In einem frühen Abschnitt der Späten Bronzezeit beginnt man, vor allem Rispenhirse anzupflanzen. Die genetischen Untersuchungen unterstreichen, dass dieser Wandel nicht durch einen Bevölkerungswechsel, sondern als Reaktion auf wirtschaftliche und Umweltbedingungen zu erklären ist.

    Hintergrund: Die Späte Bronzezeit
    Die Späte Bronzezeit (etwa 1300-800 v. Chr.) geht in Mitteleuropa mit einem einschneidenden Wandel der Glaubensvorstellungen einher. An die Stelle von Körpergräbern treten weitgehend Brandbestattungen, weshalb die Epoche auch als Urnenfelderzeit bezeichnet wird. Gleichzeitig handelt es sich um einen Abschnitt der Vorgeschichte, der durch weiträumige Verbindungen gekennzeichnet ist. Insbesondere Waffen und Prestigegüter wie Bronzegefäße sind in ähnlicher Form in ganz Europa anzutreffen. Neben den neuen Bestattungssitten verweist auch die weit verbreitete Wasservogelornamentik auf weiträumig ähnliche Vorstellungen. Dies wird zum einen mit Handel, etwa mit Kupfer und Zinn, den Bestandteilen von Bronze, erklärt. Zum anderen wurde aber auch immer wieder die Frage nach der Mobilität von Menschen aufgeworfen. Mit der Untersuchung von alter DNA (aDNA) und stabilen Isotopen stehen heute Methoden zur Verfügung, die nicht nur in Bezug auf die Frage nach der Mobilität Antwort geben können.

    Naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden geben Auskunft über Mobilität und Ernährung
    Die Genetik kann Blutsverwandtschaft und Abstammung vor- und frühgeschichtlicher Menschen bestimmen. Dies erlaubt es der Archäologie unter Einbeziehung von sozialwissenschaftlichen Methoden, ethnologischen Erkenntnissen und originär archäologischen Daten, Verwandtschaftsbeziehungen, Mobilität von Individuen und Migrationsbewegungen im Detail zu rekonstruieren. Die Untersuchung von aDNA erhellt zudem etwa über die DNA von Bakterien die Geschichte von Infektionskrankheiten. Isotopenuntersuchungen geben Auskunft zur Ernährung und zur geografischen Herkunft Verstorbener. Die Verhältnisse von Kohlenstoff- und Stickstoffisotopen im Kollagen von Langknochen oder Rippen spiegeln die Anteile pflanzlichen und tierischen Proteins an der Ernährung wider und können die Herkunft der Nahrungsressourcen (terrestrisch, aquatisch, marin) aufzeigen. Strontium- und Sauerstoffisotopen aus dem anorganischen Anteil des Zahnschmelzes, der sich in der frühen Kindheit/Jugend bildet und danach unverändert bestehen bleibt, bieten Indikatoren für die Herkunft von Menschen. Das Strontiumisotopenverhältnis reflektiert die Geologie des Raumes, in dem während des Heranwachsens Nahrung aufgenommen wurde. Die Sauerstoffisotopenverhältnisse werden durch Temperatur, Höhe und Entfernung zum Meer beeinflusst. Unterscheiden sich die Isotopenverhältnisse in den Zähnen eines Individuums von den Signaturen des Raumes, in dem die Bestattung erfolgte, darf auf Mobilität geschlossen werden.
    Nötig für diese Untersuchungen ist geeignetes Probenmaterial, das in der Späten Bronzezeit durch die Sitte der Leichenverbrennung aber weitgehend fehlt. An verbrannten Knochen sind lediglich Isotopenuntersuchungen in einem gewissen Umfang möglich, nicht jedoch aDNA-Analysen, für die biologisches Material erhalten sein muss.

    Außergewöhnliche Bestattungen aus Sachsen-Anhalt
    Mitteldeutschland stellt in dieser Beziehung einen archäologischen Glücksfall dar: In einigen Regionen beharrte man noch lange auf den alten Bestattungssitten und legte Körpergräber an; vor allem im Saalegebiet waren Bestattungen in Siedlungen üblich. Solche Bestattungen sind aus naturwissenschaftlicher Sicht besonders interessant. Kern einer von einer internationalen Forschergruppe um Erstautorin Eleftheria Orfanou (Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie Leipzig) nun im renommierten Fachjournal „Nature Communications“ (https://doi.org/10.1038/s41467-026-69895-y) vorgelegten Studie sind 36 Körperbestattungen von den spätbronzezeitlichen Fundstellen Esperstedt und Kuckenburg aus den Beständen des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Die Bestattungen wurden auf aDNA und stabile Strontium- und Sauerstoffisotopen untersucht und die Ergebnisse mit Befunden aus Nachbarregionen verglichen.
    Für die betrachtete Region in Mitteldeutschland ergeben sich Hinweise auf eine weitgehende Bevölkerungskontinuität seit der Frühbronzezeit. Auch die Strontiumisotopendaten deuten darauf hin, dass man weitgehend ortsstabil lebte. Der weiträumige Austausch, den die materielle Kultur nahelegt, geht damit hier eher nicht auf Wanderbewegungen zurück. Vielmehr deuten die Ergebnisse darauf hin, dass neue Ideen durch Kontakte und Kulturaustausch aufgenommen wurden. Erst in den späteren Abschnitten der Späten Bronzezeit treten Abstammungslinien aus den Regionen südlich und südöstlich der Donau hinzu.
    Auch zur Ernährung der betrachteten spätbronzezeitlichen Menschen legen die Forscherinnen und Forscher interessante Ergebnisse vor. In einem frühen Abschnitt der Späten Bronzezeit beginnt man, vor allem Rispenhirse anzupflanzen, die bereits seit der ausgehenden Mittelbronzezeit bekannt war. Dies bestätigen die in der vorliegenden Studie und bereits zuvor erhobene Isotopendaten (https://doi.org/10.1038/s41598-024-54824-0). Die genetischen Untersuchungen unterstreichen, dass dieser Wandel in der Ernährung nicht durch einen Bevölkerungswechsel zu erklären ist. Rispenhirse braucht verhältnismäßig wenig Wasser und gedeiht auch auf sandigen Böden, so dass der Wechsel möglicherweise als Reaktion auf verschlechterte ökonomische und Umweltbedingungen zu verstehen ist. In einer späten Phase der Späten Bronzezeit werden Weizen und Gerste wieder wichtiger.
    Die Forscher untersuchten zudem auch Spuren von Krankheiten. Anzeichen für Epidemien fehlen. Festgestellt werden konnten Bakterien, die für Zahnprobleme verantwortlich sind. Trotz Anzeichen für Mangelphasen in der Kindheit, degenerative Gelenkerkrankungen und vereinzelte Knochentraumata waren die Menschen insgesamt bei guter Gesundheit.


    Originalpublikation:

    Orfanou, E., Ghalichi, A., Rohrlach, A.B. et al. Reconstruction of the lifeways of Central European Late Bronze Age communities using ancient DNA, isotope and osteoarchaeological analyses. Nat Commun 17, 1992 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-69895-y


    Bilder

    Ausgrabungen bei Esperstedt auf der Trasse der BAB 38.
    Ausgrabungen bei Esperstedt auf der Trasse der BAB 38.
    Quelle: Hauke Arnold
    Copyright: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

    Steinpackungen spätbronzezeitlicher Gräber bei Esperstedt.
    Steinpackungen spätbronzezeitlicher Gräber bei Esperstedt.
    Quelle: Hauke Arnold
    Copyright: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wissenschaftler
    Geschichte / Archäologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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