idw - Informationsdienst
Wissenschaft
Laut VFED, dem Verband für Ernährung und Diätik, leben in Deutschland rund neun Prozent der Menschen mit einer Autoimmunerkrankung – Tendenz steigend. Zwischen 2012 und 2022 nahm die Prävalenz um rund 22 Prozent zu. Zu den häufigsten Erkrankungen zählen u.a. Rheumatoide Arthritis, Typ-1-Diabetes sowie Zöliakie.
Anlässlich des Tags der gesunden Ernährung am 7. März, der den Fokus auf entzündungshemmende Ernährung legt, erläutert Ernährungsexpertin Anna Hüsing vom IST-Studieninstitut den Zusammenhang zwischen Ernährung und Autoimmunerkrankungen.
Das IST-Studieninstitut bietet seit vielen Jahren berufsbegleitende Weiterbildungen rund um das Thema Ernährung an.
Frau Hüsing, warum rückt das Thema Autoimmunerkrankungen zunehmend in den Fokus?
Anna Hüsing: Wir sehen seit Jahren steigende Fallzahlen. Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt, aber man geht von einem Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, Umweltfaktoren und Lebensstil aus. Dazu zählt auch die Ernährung.
Autoimmunerkrankungen sind häufig mit chronischen Entzündungsprozessen verbunden. Deshalb wird verstärkt untersucht, wie Ernährungsweisen diese Prozesse beeinflussen können.
Sie sind Ernährungswissenschaftlerin und keine Ärztin. Wie nähern Sie sich dem Thema?
Hüsing: Ich beschäftige mich mit der Frage, wie einzelne Nährstoffe, Inhaltsstoffe und Verarbeitungsprozesse im Körper wirken. Dabei geht es um biochemische Zusammenhänge: Welche Lebensmittel fördern eher entzündliche Prozesse? Welche wirken möglicherweise regulierend?
Wichtig ist mir die klare Abgrenzung: Ernährung kann unterstützend wirken, aber sie ersetzt keine medizinische Diagnose oder Therapie.
Welche Rolle spielt die Ernährung konkret im Verlauf von Autoimmunerkrankungen?
Hüsing: Eine ausgewogene, entzündungshemmend ausgerichtete Ernährung kann dazu beitragen, das Immunsystem zu regulieren, Entzündungen zu reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden zu verbessern. Sie ist damit ein wichtiger Bestandteil einer ganzheitlichen Betrachtung.
Das bedeutet vor allem: viel Gemüse, ballaststoffreiche Lebensmittel, hochwertige Fette wie Omega-3-Fettsäuren, möglichst wenig stark verarbeitete Produkte und Zucker.
Gibt es Erkrankungen, bei denen Ernährung eine besonders zentrale Rolle spielt?
Hüsing: Ja, ein klassisches Beispiel ist die Zöliakie. Dabei handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem auf das Klebereiweiß Gluten – das in Weizen, Roggen und Gerste vorkommt – reagiert. Schon geringe Mengen können eine Entzündungsreaktion in der Dünndarmschleimhaut auslösen.
Die Folge ist, dass sich die Darmschleimhaut zurückbildet und Nährstoffe schlechter aufgenommen werden können. Typische Beschwerden reichen von Bauchschmerzen und Durchfall bis hin zu Müdigkeit oder konkreten Nährstoffmängeln. Das Symptomspektrum kann jedoch weitreichend und unspezifisch sein. Eine Diagnose ist daher zum Teil schwierig und langwierig.
Liegt eine diagnostizierte Zöliakie vor, ist eine strikt glutenfreie Ernährung zwingend erforderlich, weil Gluten Entzündungsprozesse im Darm auslöst.
Bei anderen Autoimmunerkrankungen gibt es hingegen keine pauschale „Verbotsliste“. Hier geht es eher um ein entzündungshemmendes Ernährungsmuster und eine individuelle Anpassung.
Der Darm wird häufig als Schlüsselorgan genannt. Warum?
Hüsing: Der Darm ist ein zentrales Immunorgan. Ein großer Teil unseres Immunsystems steht in engem Austausch mit dem sogenannten Mikrobiom – also den Darmbakterien.
Ballaststoffe aus Vollkornprodukten, Gemüse und Hülsenfrüchten dienen den Darmbakterien als „Nahrung“ und können deren Vielfalt fördern. Eine vielfältige Darmflora wird wiederum mit einer stabileren Immunregulation in Verbindung gebracht. Das ist ein spannendes Forschungsfeld, auch wenn noch nicht alle Mechanismen vollständig verstanden sind.
Gibt es bestimmte Ernährungsformen, die als besonders geeignet gelten?
Hüsing: Eine pauschale „Autoimmun-Diät“ gibt es nicht. Allerdings wird die mediterrane Ernährung häufig als günstiges Modell genannt. Sie zeichnet sich durch viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Nüsse, Olivenöl und Fisch aus und enthält vergleichsweise wenig stark verarbeitete Produkte.
Entscheidend ist jedoch die individuelle Situation. Was einer Person guttut, muss nicht automatisch für eine andere gelten.
Was ist Ihr persönliches Fazit?
Hüsing: Ernährung kann das Immunsystem beeinflussen, aber sie ist kein Allheilmittel. Gerade bei Autoimmunerkrankungen ist eine interdisziplinäre Betreuung wichtig.
Ich wünsche mir mehr Aufklärung und weniger einfache Versprechen. Gesunde Ernährung bedeutet informierte Entscheidungen und individuelle Lösungen.
Über die Expertin
Anna Hüsing ist studierte Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaftlerin. Am IST-Studieninstitut und der IST-Hochschule für Management ist sie für die Konzeption von Weiterbildungen sowie für die Beratung und Betreuung von Studierenden und Interessierten im Themenkomplex Ernährung zuständig.
Anna Hüsing
Anna Hüsing, Ernährungsexpertin am IST-Studieninstitut
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, jedermann
Ernährung / Gesundheit / Pflege
überregional
Buntes aus der Wissenschaft
Deutsch

Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.
Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).
Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.
Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).
Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).