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03.03.2026 09:00

Leben und Tod im Mitteleuropa der späten Bronzezeit

Sandra Jacob Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

    Eine neue interdisziplinäre Studie liefert erstmals detaillierte Einblicke aus biomolekularer und archäologischer Perspektive in das Leben der Menschen in Mitteleuropa während der späten Bronzezeit (ca. 1300–800 v. Chr.), auch Urnenfelderzeit genannt. In der Studie wurden alte DNA sowie stabile Sauerstoff- und Strontiumisotope und osteoarchäologische Daten von nicht brandbestatteten Personen analysiert. Diese Daten wurden mit Strontiumisotopendaten aus Brandbestattungen verglichen, die an den Ausgrabungsstätten Kuckenburg und Esperstedt in Mitteldeutschland beerdigt wurden. Die Ausgrabungen wurden vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt durchgeführt.

    Auf den Punkt gebracht

    - Einblick in Lebenswelten der Spätbronzezeit: Interdisziplinäre Analysen (DNA, Isotope) liefern erstmals detaillierte Einblicke in die Abstammung, Mobilität, Ernährung, Gesundheit und Bestattungspraktiken der späten Bronzezeit in Mitteleuropa.
    - Genetische Abstammung: Die genetischen Daten zeigen langsam verlaufende, regional unterschiedliche Veränderungen der Abstammung mit zunehmenden Verbindungen ins Donaugebiet, ohne dass lokale Traditionen dabei verdrängt wurden.
    - Experimentieren mit Hirse: Der zeitweilige Umschwung auf Rispenhirse als Grundnahrungsmittel erfolgte offenbar innerhalb bestehender Gemeinschaften als flexible Anpassung. Später wurde der Anbau zugunsten von Weizen und Gerste wieder reduziert.
    - Gesundheit, Krankheit und Tod: Die Gemeinschaften zeigen eine vielfältige Bestattungskultur. Außerdem gibt es Hinweise auf körperlich anstrengende, aber insgesamt gesundheitlich stabile Lebensbedingungen ohne nachweisbare große Epidemien.

    Eine neue interdisziplinäre Studie liefert erstmals detaillierte Einblicke aus biomolekularer und archäologischer Perspektive in das Leben der Menschen in Mitteleuropa während der späten Bronzezeit (ca. 1300–800 v. Chr.), auch Urnenfelderzeit genannt. Diese war durch kulturelle Veränderungen, wie die weit verbreitete und namengebende Einführung der Brandbestattung, gekennzeichnet.

    Da bei einer Brandbestattung biologisches Material zerstört wird, war dieser Zeitraum für die genetische und isotopische Forschung lange Zeit ein blinder Fleck. Einem internationalen Team aus Archäogenetikern, Archäologen und anderen Wissenschaftlern der Biomolekularen Forschung gelang es jedoch, durch die Konzentration auf zu dieser Zeit seltene Körperbestattungen in Deutschland, Tschechien und Polen neue Erkenntnisse über Abstammungsmuster, Mobilität, Ernährung, physiologischen Stress und Bestattungspraktiken der Gemeinschaften der Spätbronzezeit zu gewinnen.

    In der Studie wurden alte DNA sowie stabile Sauerstoff- und Strontiumisotope und osteoarchäologische Daten von nicht brandbestatteten Personen analysiert. Diese Daten wurden mit Strontiumisotopendaten aus Brandbestattungen verglichen, die an den Ausgrabungsstätten Kuckenburg und Esperstedt in Mitteldeutschland beerdigt wurden. Die Ausgrabungen wurden vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt durchgeführt. Die Ergebnisse wurden in einen breiteren überregionalen Kontext gesetzt, indem sie mit zeitgenössischen genetischen Daten aus benachbarten Regionen verglichen wurden.

    Leben in Zeiten des Wandels

    „Mithilfe dieser Studie können wir nachvollziehen, wie Menschen den Wandel erlebt haben“, sagt Eleftheria Orfanou, Doktorandin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Erstautorin der Studie. „Die späte Bronzezeit wurde nicht als ein einziger Moment des Wandels erlebt, sondern als eine Reihe von Entscheidungen über Ernährung und Subsistenzstrategien, Bestattungen und soziale Beziehungen. Diese Gemeinschaften waren eng mit ihrer Landschaft verbunden, aber auch überregional vernetzt.“

    Die genetischen Belege dieser Studie zeigen allmähliche, regional unterschiedliche Veränderungen der Abstammung, die sich parallel zu etablierten lokalen Traditionen vollzogen. In Mitteldeutschland wurden diese Veränderungen erst in späteren Phasen der späten Bronzezeit sichtbar. Dies verdeutlicht, wie Gemeinschaften an größeren Interaktionsnetzwerken teilnahmen und dabei zunehmend Verbindungen zum mittleren Donaugebiet eingingen.

    Mithilfe der Strontium- und Sauerstoffisotopenanalysen lassen sich chemische Profile erstellen, die anzeigen wo Menschen aufgewachsen sind und gelebt haben. Somit können Forschende beurteilen, ob es sich um Einheimische oder Zugezogene handelte. Die meisten Personen aus Mitteldeutschland – sowohl Körper- als auch brandbestattet – weisen lokale Isotopensignaturen auf. Dies deutet darauf hin, dass neue Ideen und Bestattungspraktiken vor allem durch Kontakte und Austausch und nicht durch Einwanderung von Bevölkerungsgruppen verbreitet wurden.

    Einführung der Hirse in Europa

    Auch die Erkenntnisse über die Ernährung unterstreichen die Flexibilität der Gesellschaften der späten Bronzezeit. In der frühen Phase dieser Zeit begannen die Menschen, Hirse – eine kurz zuvor aus Nordostchina nach Europa gelangte Getreideart – zu verzehren, vermutlich als Reaktion auf ökologische oder wirtschaftliche Zwänge. Diese Ernährungsumstellung ging ebenfalls nicht mit demografischen oder genetischen Veränderungen einher, was darauf hindeutet, dass die Hirse innerhalb bestehender Gemeinschaften eingeführt wurde. In der späteren Phase der späten Bronzezeit ging der Hirseverzehr jedoch stark zurück und die Menschen kehrten zu den traditionelleren Getreidesorten Weizen und Gerste zurück. Dieses Muster deutet eher auf Experimentierfreudigkeit, Anpassungsfähigkeit, Widerstandsfähigkeit und kulturelle Präferenzen hin als auf eine Intensivierung des Hirseanbaus.

    Die Forschenden suchten auch nach Spuren alter Krankheiten und setzten diese Informationen mit den Erkenntnissen aus den Skeletten der Menschen in Beziehung. Zwar fanden sie DNA von Bakterien, die häufig mit Erkrankungen der Mundhygiene und Zahnerkrankungen in Verbindung gebracht werden, jedoch keine Anzeichen für weit verbreitete epidemische Infektionen. Hinweise auf Stress in der Kindheit, degenerative Gelenkerkrankungen und gelegentliche Traumata deuten auf ein körperlich anstrengendes Leben hin. Dennoch scheinen die meisten Menschen insgesamt in guter Verfassung gewesen zu sein.

    Vielfältige Bestattungskultur

    Die Studie gibt auch Einblicke in eine vielfältige Bestattungskultur, die aus moderner, westlicher Perspektive ungewohnt erscheinen mag. Dazu zählen Brandbestattung, Erdbestattung, die alleinige Beisetzung von Schädeln sowie mehrstufige Riten, die alle innerhalb derselben Gemeinschaften nebeneinander existierten. „Diese Praktiken scheinen keine Randerscheinungen beziehungsweise Ausnahmen gewesen zu sein“, erklärt Orfanou, „sondern Teil eines breiteren Repertoires, aus dem die Menschen während der Urnenfelderzeit wählen konnten. Dieses Repertoire war mit der Schaffung von Erinnerung, Identität und Vorstellungen darüber verbunden, was es bedeutete, in der späten Bronzezeit ein Mensch zu sein.“

    Unter Einbeziehung archäologischer, anthropologischer, genetischer und isotopischer Belege rekonstruiert die Studie die Gesellschaften der späten Bronzezeit als dynamische soziale Welten. „Veränderung und Innovation wurden in bestehende Traditionen integriert. Diese Gemeinschaften gestalteten ihre Lebensweisen aktiv und schufen hybride Praktiken, die in einer zunehmend vernetzten Welt lokal von Bedeutung waren“, schliesst Wolfgang Haak, Leiter des Projekts am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Eleftheria Orfanou
    Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
    eleftheria_orfanou@eva.mpg.de

    Dr. Wolfgang Haak
    Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
    wolfgang_haak@eva.mpg.de

    Prof. Dr. Patrick Roberts
    Max-Planck-Institut für Geoanthropologie, Jena
    roberts@gea.mpg.de

    Prof. Dr. Peter Ettel
    Institut für Orientalistik, Indogermanistik, Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie
    Friedrich-Schiller-Universität Jena
    p.ettel@uni-jena.de

    PD Dr. Florian Schneider
    Institut für Orientalistik, Indogermanistik, Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie
    Friedrich-Schiller-Universität Jena
    f.n.schneider@uni-jena.de


    Originalpublikation:

    Eleftheria Orfanou et al.
    Reconstruction of the lifeways of Central European Late Bronze Age communities using ancient DNA, isotope and osteoarchaeological analyses
    Nature Communications, 24 February 2026, https://doi.org/10.1038/s41467-026-69895-y


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Geschichte / Archäologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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