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In einer aktuell in der Fachzeitschrift "Population and Development Review" veröffentlichten Studie haben Wissenschaftler*innen quantifiziert, wie viele Kolumbianer*innen mindestens ein Familienmitglied durch konfliktbedingte Gewalt im Land verloren haben. Diese Morde und Verschleppungen können als bewusste Taktik angesehen werden, um Familien und Gemeinschaften zu destabilisieren.
Während der bewaffneten Konflikte in Lateinamerika setzten staatliche Streitkräfte, Rebellen und Paramilitärs systematisch Massaker, Folter, Entführungen und gezielte Tötungen ein, um soziale Strukturen zu zerstören. Die Comisión para el Esclarecimiento de la Verdad, la Convivencia y la No Repetición - CEV (Kommission zur Aufklärung der Wahrheit, des Zusammenlebens und der Nichtwiederholung) kam zu dem Schluss, dass alle bewaffneten Gruppen im Land Morde und Entführungen als bewusste Taktik einsetzen, um die Gewalt über die unmittelbaren Opfer hinaus auszudehnen, ganze Familien und Gemeinschaften zu destabilisieren und ihre territoriale und wirtschaftliche Kontrolle zu festigen. Dies ist der Schwerpunkt einer neuen Studie über den bewaffneten Konflikt in Kolumbien, die von Enrique Acosta vom Centre d'Estudis Demogràfics (CED), Diego Alburez-Gutierrez vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR), María Garguilo von der London School of Hygiene and Tropical Medicine sowie Catalina Torres von der Universidad de la República in Montevideo, Uruguay, geleitet wird. „Wir haben uns gefragt, wie viele Menschen Familienangehörige im Krieg verloren haben und wie lange dieser Schmerz in der Gesellschaft noch anhalten wird”, erklärt Diego Alburez-Gutierrez.
„Ausgehend von der Erkenntnis, dass Trauer als Mittel der Terrorisierung eingesetzt wurde, haben wir das Ausmaß des Leids und der Gewalt untersucht, das die Täter der kolumbianischen Bevölkerung durch mehr als 740.000 Morde und Verschleppungen während der gewalttätigsten Phase des Konflikts strategisch zugefügt haben”, sagt Enrique Acosta. „Die Bewertung der Häufigkeit und der demografischen Zusammensetzung der durch den Konflikt hinterbliebenen Bevölkerung ist von entscheidender Bedeutung, da sie massive Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Überlebenden, ihre wirtschaftliche und emotionale Unterstützung sowie die Herausforderungen für den Aufbau von Versöhnung und Erinnerung hat“, so der Forscher.
Nicht nur die Todesopfer zählen – Fokus auf die Überlebenden von Gewalt
Die Forschenden stellen eine neue Methode vor, um die menschlichen Kosten von bewaffneten Konflikten und Gewalt zu verstehen. Sie verlagern den Fokus von der Zählung der Toten auf die Zählung der Hinterbliebenen, also der Menschen, die den Konflikt überlebt haben, aber aufgrund des Krieges ein oder mehrere Familienmitglieder verloren haben. Dies ist das erste Mal, dass demografische Verwandtschaftsmodelle verwendet wurden, um die Belastung der Bevölkerung durch den Verlust von Angehörigen aufgrund bewaffneter Konflikte zu quantifizieren. Für ihre Studie untersuchten die Wissenschaftler*innen Todesfälle und gewaltsame Entführungen im Zusammenhang mit dem bewaffneten Konflikt in Kolumbien. Sie verwendeten Aufzeichnungen über Todesfälle und vermisste Personen und kombinierten diese mit langfristigen demografischen Daten. So konnten sie die Zahl der Menschen schätzen, die im Konflikt Angehörige verloren haben. Die Daten zur Sterblichkeit und zu gewaltsamen Verschleppungen stammen aus einem überarbeiteten Datensatz der kolumbianischen Wahrheitskommission und decken den Zeitraum von 1985 bis 2018 ab. In der Analyse wurden sie mit demografischen Daten aus den Weltbevölkerungsprognosen der Vereinten Nationen, der lateinamerikanischen Mortalitätsdatenbank und dem kolumbianischen Statistikamt DANE kombiniert.
Vier von zehn Kolumbianer*innenn verloren im Konflikt einen Familienangehörigen
„Der bewaffnete Konflikt in Kolumbien hat aufgrund des Verlusts von Familienangehörigen enorme und lang anhaltende Belastungen verursacht“, erklärt Diego Alburez-Gutierrez. Bis 2018 hatten etwa 7,5 Prozent der Kolumbianer*innen einen nahen Verwandten (Kernfamilie) verloren und fast 40 Prozent hatten mindestens ein Familienmitglied durch konfliktbedingte Morde oder Verschleppungen verloren. „Jeder gewaltsame Tod oder jedes Verschwinden verursacht Trauer bei vielen Angehörigen – im Durchschnitt bei etwa fünf nahen Verwandten und mehr als dreißig, wenn man die erweiterte Familie mit einbezieht. Die sozialen Auswirkungen von Gewalt werden durch Verwandtschaftsnetzwerke um ein Vielfaches verstärkt“, sagt der Forscher. Frauen sind etwa 20 Prozent häufiger von Trauerfällen betroffen als Männer, was die geschlechtsspezifische Natur der Sterblichkeit in Kriegszeiten widerspiegelt.
Die Forschenden gehen davon aus, dass ihre Ergebnisse die tatsächliche Belastung durch Trauerfälle unterschätzen, da aufgrund der begrenzten Datenlage der Verlust von Partnern und Ehepartnern nicht berücksichtigt wurde.
Die Studie zeigt, wie lang und schwer der Schatten ist, den Gewalt auf die Bevölkerung wirft. Enrique Acosta: „Selbst im optimistischsten Szenario, wenn wir davon ausgingen, dass seit 2018 keine Gewalttaten mehr begangen wurden, zeigen unsere Prognosen, dass die demografischen Spuren der Trauerfälle bis zum Jahr 2080 sichtbar sein werden. Die Auswirkungen des Krieges werden über Generationen hinweg zu spüren sein. Die Ergebnisse zeigen deutlich, wie Gewalt Familienstrukturen zerstört, den sozialen Zusammenhalt schwächt und Ungleichheit verfestigt.“ Der Wiederaufbau von Verwandtschafts- und Gemeinschaftsbeziehungen ist ein wesentlicher Bestandteil der Versöhnung und der Verhinderung neuer Konflikte. Damit das geschehen kann, muss Trauer jedoch als Folge des Krieges auf der Bevölkerungsebene anerkannt werden.
Diego Alburez-Gutierrez (MPIDR) und Enrique Acosta (CED) haben mehrere Studien zur Demografie bewaffneter Konflikte und Kriege veröffentlicht. Sie haben unter anderem untersucht, welche Auswirkungen eine wachsende Zahl von Trauernden auf Gemeinschaften hat und wie lange die Trauer in vom Krieg zerrütteten Gesellschaften andauert. Zudem waren sie an der im November 2025 veröffentlichten Studie beteiligt, in der die Zahl der Todesopfer und die Lebenserwartung in Gaza berechnet wurden.
Diego Alburez-Gutierrez, Leitung der Forschungsgruppe Verwandtschaftsungleichheiten am MPIDR
alburezgutierrez@demogr.mpg.de
Enrique Acosta, Wissenschaftler am CED – Centre d’Estudies Demogràfics
eacosta@ced.uab.cat
Enrique Acosta, Diego Alburez-Gutiérrez, Maria Gargiulo, and Catalina Torres: Weaponizing Kinship: A Demographic Analysis of Bereavement in the Colombian Conflict in Population and Development Review (2026), DOI: 10.1111/padr.70048
Prognosen zum Anteil von Hinterbliebenen in der kolumbianischen Bevölkerung
Copyright: MPIDR
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Geowissenschaften, Gesellschaft
überregional
Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
Deutsch

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