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13.03.2026 11:37

Alter, Krankheit oder beides? Ein neuer Blick in die Vergangenheit

Jan Steffen Media and Public Outreach
Cluster of Excellence ROOTS - Social, Environmental, and Cultural Connectivity in Past Societies

    Internationale Studie gefördert vom Exzellenzcluster ROOTS diskutiert Lösungsansätze für grundlegende Herausforderungen bei der Alters- und Krankheitsforschung vergangener Gesellschaften.

    Ernährung, Krankheiten, Unfälle, körperliche Aktivität und Arbeit – vieles, was wir Menschen tun oder erleben, hinterlässt Spuren in unserem Skelett. Diese Spuren können auch Jahrtausende nach dem Tod noch faszinierende Einblicke in das individuelle Leben und die Krankheitsgeschichte eines Menschen, aber auch in die Entwicklung ganzer Gesellschaften, gewähren.

    „Eine sehr wichtige Information für uns ist dabei das Alter, in dem ein Mensch gestorben ist. Wir können aber keine Geburtstage zählen. Deshalb müssen wir das Sterbealter anhand der körperlichen Entwicklung und Abnutzungsspuren am Skelett bestimmen. Die können jedoch stark durch krankhafte Prozesse beeinflusst sein. In der Vergangenheitsforschung wird das bisher kaum berücksichtigt“, erklärt Dr. Katharina Fuchs, Expertin für Biologische Anthropologie am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sie und neun weitere renommierte Wissenschaftler*innen verschiedener Fachrichtungen aus Großbritannien, Dänemark, den USA und Deutschland präsentieren in der Fachzeitschrift International Journal of Paleopathology jetzt Lösungsansätze für diese wissenschaftliche Herausforderung.

    Jo Appleby, zweite Hauptautorin der Studie und Archäologin mit osteologischem Schwerpunkt an der Universität Leicester (UK) fasst die Ausgangslage für die Studie so zusammen: „Bis wann altert ein Mensch ‚gesund‘ oder ‚normal‘? Was definiert altersbedingte Krankheiten und wie kann man ‚normale‘ Prozesse der Zellalterung von krankhaften Prozessen unterscheiden? Das sind aktuelle Fragen im Fach Paläopathologie.“

    Als pragmatischen Ansatz zur Klärung dieser Fragen greifen die Autor*innen das Konzept der altersbedingen oder „altersassoziierten“ Krankheiten aus der modernen Medizin auf und schlagen das „krankheitsbedingte Alter“ als neues Konzept für die Paläopathologie vor.
    „Bei heutigen altersbedingten Krankheiten ist die Abgrenzung zwischen normalem Altern und altersbedingten Erkrankungen unklar. Das ist auch in der paläopathologischen Forschung so. Zudem spielt das krankheitsbedingte Alter eine Rolle, wenn wir das Sterbealter anhand von Skelettresten schätzen“, erklärt Appleby. „Es macht beispielsweise einen großen Unterschied, ob jemand mit 30 oder mit 80 an Arthrose oder Arthritis litt“, führt Fuchs weiter aus.

    Anhand weiterer Beispiele wie Osteoporose, Entzündungsprozessen, Zahn- und Tumorerkrankungen oder dem Zahn- und Knochenwachstum bei Kindern und Jugendlichen verdeutlicht die Studie die Komplexität der Wechselwirkungen von Alter und Krankheit. Sie zeigt dabei auf, wie die genannten Konzepte helfen können, diesen Herausforderungen gezielt zu begegnen.

    Die Autor*innen betonen, dass schon verhältnismäßig einfache Anpassungen in der alltäglichen Labor- und Publikationspraxis einen tiefgreifenden Effekt haben können. Sie ermutigen zu zukunftsträchtigen Forschungsansätzen, wie zum Beispiel neuen Methoden in Biomedizin und statistischer Modellierung.

    Besonders wichtig ist dabei auch der interdisziplinäre Austausch mit Kolleg*innen benachbarter Felder wie der Medizin, Paläogenetik, Umwelt- und Sozialarchäologie, Geschichtswissenschaften und Forensik. „Entscheidend ist immer, den archäologisch-historischen, biologischen und sozioökonomischen Hintergrund der menschlichen Überreste miteinzubeziehen. Die Lebensbedingungen waren über die Jahrtausende extrem unterschiedlich – das ist ja heute noch so“ unterstreicht Fuchs.

    Da die Zusammenhänge zwischen Alter, Altern, Gesundheit und Krankheit so viele verschiedene Wissens- und Interessensstränge der Vergangenheitsforschung zusammenführen und auch in der Gegenwart sehr aktuell sind, hoffen die Autor*innen, mit dieser Studie neue Perspektiven aufzuzeigen.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Katharina Fuchs
    Institut für Ur- und Frühgeschichte der CAU
    Labor für Humane Osteologie
    +49 431 500 15228
    k.fuchs@ufg.uni-kiel.de


    Originalpublikation:

    Katharina Fuchs, Jo Appleby, Marie Louise Schjellerup Jørkov, George R. Milner, Niels Lynnerup, Katherine D. van Schaik, Julia Gresky, Fabian Crespo, Molly Zuckerman, Kathryn E. Marklein (2026). Age-related disease or disease-related age? Perspectives for paleopathological research, International Journal of Paleopathology, Volume 53, 2026, https://doi.org/10.1016/j.ijpp.2026.02.003


    Weitere Informationen:

    https://www.cluster-roots.org Der Exzellenzcluster ROOTS


    Bilder

    Dr. Katharina Fuchs untersucht im Labor für Humane Osteologie der CAU Knochen aus archäologischen Fundstellen.
    Dr. Katharina Fuchs untersucht im Labor für Humane Osteologie der CAU Knochen aus archäologischen Fu ...
    Quelle: Sara Jagiolla
    Copyright: Uni Kiel


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Geschichte / Archäologie, Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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