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17.03.2026 08:00

Langzeitarbeitslose: Jobcenter-Mitarbeitende sind kompetent – aber Arbeitsmarkt-Chancen bleiben gering

Stefan Schelp Pressestelle
Bertelsmann Stiftung

    Bürgergeld-Empfänger:innen stellen den Mitarbeitenden der Jobcenter ein gutes Zeugnis aus. 68 Prozent der Leistungsbeziehenden sind mit der Arbeit des Jobcenters zufrieden,
    72 Prozent finden, die Berater:innen seien kompetent. Trotzdem sagt knapp die Hälfte,
    dass ihnen die Termine beim Jobcenter "nichts bringen“, also ihre Erfolgschancen auf dem Arbeitsmarkt nicht verbessern. Das ist das Ergebnis einer Befragung von 1.006 Personen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, die seit mindestens einem Jahr Bürgergeld beziehen.

    Gütersloh, 17. März 2026. Die Bertelsmann Stiftung hat Langzeitarbeitslose gebeten, die Betreuung in den Jobcentern zu bewerten. Befragt wurden mehr als 1.000 Personen im Alter von 25 bis 50 Jahren, die aktuell arbeitslos sind und seit mindestens einem Jahr Bürgergeld beziehen. Die Rückmeldungen fallen in vielen Punkten positiv aus: Mehr als zwei Drittel der Befragten sind mit der Arbeit ihres Jobcenters zufrieden, knapp drei Viertel halten die Mitarbeitenden für kompetent. Zwei Drittel geben an, dass im Beratungsgespräch auch Weiterbildungsangebote thematisiert wurden.

    Wirksame Aktivierung von Langzeitarbeitslosen kommt zu kurz

    Trotz dieser insgesamt positiven Einschätzung zweifeln viele Langzeitarbeitslose an der Wirkung der Gespräche. 47 Prozent stimmen der Aussage zu, dass ihnen Termine im Jobcenter „nichts bringen“, also ihre Erfolgschancen auf dem Arbeitsmarkt nicht verbessern. „Beratung und Vermittlung sind Kernaufgabe der Jobcenter. Vermittlungshemmnisse müssen abgebaut werden. Doch gerade bei Personen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt kommen diese Aufgaben häufig zu kurz“, sagt Tobias Ortmann, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung. „Jobcenter nutzen ihre begrenzten Kapazitäten vor allem zur regelmäßigen Betreuung von Leistungsbeziehenden, die größere Chancen auf die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt haben. Deswegen fehlt die Zeit, Arbeitslose mit Vermittlungshemmnissen zu betreuen.“ 46 Prozent der Arbeitslosen im Bürgergeld haben mehrere Vermittlungshemmnisse, wie beispielsweise Krankheiten oder fehlende Qualifikationen. Der Erfolg der Betreuung müsse deswegen – entgegen bisheriger Konzepte – auch an der Förderung marktfernerer Langzeitarbeitsloser bemessen werden. Wenn solche Angebote in Form von Coaching, Qualifikation oder konkreten Stellenangeboten stattfinden, honorieren die Langzeitarbeitslosen das: Dann fällt das Urteil über ihre Betreuung deutlich positiver aus.

    Aber Zufriedenheit mit dem Jobcenter allein ist kein Gradmesser: Von arbeitsmarktnäheren Leistungsbeziehenden sollte stärker eine eigenständige Jobaufnahme gefordert werden, auch wenn darunter die Zufriedenheit leidet. Sanktionierte Langzeitarbeitslose oder solche, die zur Jobsuche aufgefordert wurden, sind tendenziell unzufriedener mit dem Jobcenter. Dennoch gilt es, die Vermittlung in Arbeit zu intensivieren. Die Vermittlungsquote der Arbeitsverwaltung ist von 13,9 Prozent im Jahr 2014 auf 4,9 Prozent im Jahr 2024 gesunken.

    Die Bertelsmann Stiftung hatte sich bereits zuvor in zwei Publikationen mit dem Bürgergeld und Langzeitarbeitslosen beschäftigt. Die bereits veröffentlichte Studie zu den Eigenbemühungen der Leistungsempfänger:innen zeigte, dass mehr als die Hälfte der Bürgergeld-Empfänger:innen, die seit mehr als einem Jahr arbeitslos sind, in den vergangenen vier Wochen nicht nach einem Job gesucht hat, allerdings haben 43 Prozent noch nie ein Jobangebot bekommen. Das Focus Paper mit Daten zur Grundsicherung und Reformoptionen zeigte, dass die Jobcenter immer mehr Geld für das Verwalten und deutlich weniger für die Arbeitsförderung ihrer Kund:innen ausgeben.

    Zu viel Verwaltung, zu wenig Zeit für Beratung

    39 Prozent der Befragten bemängeln in der aktuellen Umfrage, dass Mitarbeitende des Jobcenters nur schwer erreichbar sind. Viele machen dafür strukturelle Probleme verantwortlich: Vermittlungsfachkräfte hätten zu wenig Zeit für Gespräche, es komme häufig zu Personalwechseln. Zudem werde ein erheblicher bürokratischer Aufwand wahrgenommen, der Kapazitäten bindet. „Jobcenter-Mitarbeitende verbringen zu viel Zeit mit Bürokratie. Damit mehr Zeit für individuelle Beratung bleibt, müssen Verfahren vereinfacht und stärker digitalisiert werden“, sagt Roman Wink, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung. „Wir sollten Leistungen zusammenfassen und pauschalieren und Verwaltungsprozesse so gestalten, dass sie Mitarbeitende der Jobcenter entlasten. So schaffen wir mehr Raum für Kundenkontakte.“

    Fördern und Fordern mit klaren Regeln auf beiden Seiten

    In den Beratungsgesprächen gilt es außerdem, Erwartungen frühzeitig zu klären – auf beiden Seiten. 82 Prozent der befragten Langzeitarbeitslosen sagen, der Staat müsse Menschen in schwierigen Lebenslagen finanziell unterstützen. Gleichzeitig ist eine Mehrheit der Ansicht, dass mit dieser Unterstützung auch Pflichten verbunden sein können: 55 Prozent stimmen der Aussage zu, dass von Bürgergeld-Empfänger:innen eine Gegenleistung erwartet werden kann. Diese Einstellungen sollten auch den Vermittlungsprozess prägen. Deshalb müssen die Kooperationsvereinbarungen zwischen den Arbeitslosen und den Jobcentern über die gesamte Betreuungsdauer hinweg gepflegt werden. Ziele, Pflichten und Unterstützung müssen verständlich vereinbart und bei Bedarf nachjustiert werden, damit sich weder falsche Vorstellungen noch überzogene Erwartungen verfestigen.

    Hier ist der Link zur Studie.

    Zusatzinformationen: Die Studie ist Teil der Untersuchung "Lebenssituation und Erfahrungen von Bürgergeldbeziehenden (LEBez)" des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) und des SOKO Instituts im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Die Erhebung erfolgte vom 15. April bis 18. Juni 2025. Zielgruppe waren erwerbsfähige Leistungsbeziehende zwischen 25 und 50 Jahren, die mindestens seit einem Jahr Bürgergeld beziehen und arbeitslos oder arbeitsuchend sind. Zum 1. Juli soll das Bürgergeld zur „neuen Grundsicherung“ reformiert werden. Die Stichprobe wurde vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gezogen. Die Genehmigung erfolgte durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS).

    Ansprechpartner:

    Tobias Ortmann, Telefon: 0 52 41 81 81-181
    E-Mail: tobias.ortmann@bertelsmann-stiftung.de

    Roman Wink, Telefon: 0 52 41 81 81-560
    E-Mail: roman.wink@bertelsmann-stiftung.de


    Originalpublikation:

    https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2026/langzeitar...


    Weitere Informationen:

    https://www.bertelsmann-stiftung.de


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Gesellschaft, Politik, Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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