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Wissenschaft
Große Landesstudie zu Risikogruppen, räumlicher Verteilung und Folgen von Einsamkeit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt
Soziologen der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg starten eine landesweite Studie zu Einsamkeit im digitalen Alltag. Untersucht wird, welche Bevölkerungsgruppen in Sachsen-Anhalt besonders betroffen sind, welche Rolle digitale Medien dabei spielen und wie sich soziale Isolation auf Gesundheit, Teilhabe und Vertrauen in die Gesellschaft auswirkt. Ziel des Forschungsprojektes ist die Entwicklung einer wissenschaftlich fundierten Kartografie von Einsamkeit im Raum Sachsen-Anhalt. Dafür erhalten in den kommenden Monaten 5000 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger des Landes einen Fragebogen.
Das Team um die Wissenschaftlerin Prof. Heike Ohlbrecht vom Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie/Mikrosoziologie will im Rahmen des vom Land finanzierten Vorhabens erstmals systematisch erfassen, wie Einsamkeit in Sachsen-Anhalt in der Bevölkerung verteilt ist: nach Alter, Geschlecht, Bildung, Wohnort und sozialem Umfeld. Im Zentrum stehen zudem Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen sowie die Frage, ob digitale Kommunikation Nähe schafft oder Distanz vertieft. Auf Grundlage der repräsentativen Umfrage sollen auch politische Dimensionen und gesellschaftliche Folgen von Einsamkeit analysiert und daraus (digitale) Handlungsstrategien für Politik und Gesellschaft entwickelt werden.
In einem zweiten Schritt folgen sogenannte leitfadengestützte und ethnografische Interviews mit Personen, die vorher den Fragebogen ausgefüllt haben. In tiefergehenden Gesprächen mit einsamkeitsbetroffenen Menschen soll sichtbar gemacht werden, wie Einsamkeit entsteht, wie sie im Alltag erlebt wird und welche Wege Menschen finden, um mit ihr umzugehen. Das Projekt Mixed-Methods-Forschungsprojekt zu den Auswirkungen des digitalen Wandels auf die Verbreitung und das Erleben von Einsamkeit in Sachsen-Anhalt baut auf Vorarbeiten des Forschungsteams auf, das bereits zu Einsamkeit in der digitalen Lebens- und Arbeitswelt Sachsen-Anhalts sowie zu Wohnformen, sozialen Netzwerken und Einsamkeitserfahrungen gearbeitet hat.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes fühlt sich in Deutschland jede sechste Person ab zehn Jahren oft einsam. Besonders betroffen sind junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren. „In einer Gesellschaft, in der immer mehr Kontakte über Bildschirme liefen und immer mehr Menschen allein wohnten, wird Einsamkeit vom stillen Privatgefühl zu einer sozialen Frage von öffentlichem Gewicht", so Prof. Heike Ohlbrecht. „Wo Kontakte abbrechen, schwindet oft nicht nur Nähe, sondern auch das Gefühl, gesehen zu werden und etwas bewirken zu können. Einsamkeit ist also längst nicht mehr nur ein persönliches Gefühl, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung.“
Das Einsamkeitsbarometer der Bundesregierung zeige, dass Einsamkeit mit geringerem Vertrauen in demokratische Strukturen, geringerer politischer Selbstwirksamkeit und wachsender Entfremdung von Politik zusammenhängen könne, so die Soziologin weiter. Unter den stark Einsamen sei die Unzufriedenheit mit der Demokratie deutlich höher als unter nicht einsamen Befragten. „Einsamkeit wirkt damit nicht nur nach innen, sondern auch in die Gesellschaft hinein. Sie kann Rückzug verstärken, Teilhabe reduzieren." Gerade für ein Flächenland wie Sachsen-Anhalt sei das relevant, erklärt die Wissenschaftlerin. „Wo Wege weit sind, Treffpunkte verschwinden und soziale Infrastruktur nicht überall gleich dicht ist, kann Einsamkeit wachsen und unser Miteinander schwächen."
Das Forschungsprojekt „Mixed-Methods-Forschungsprojekt zu den Auswirkungen des digitalen Wandels auf die Verbreitung und das Erleben von Einsamkeit in Sachsen-Anhalt“ läuft vom 1. September 2025 bis zum 31. Dezember 2028. Es wird vom Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt gefördert.
Prof. Heike Ohlbrecht
Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie/Mikrosoziologie
0391 67-56536
heike.ohlbrecht@ovgu.de
https://link.ovgu.de/einsamkeitsachsenanhalt Weitere Informationen
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
Gesellschaft
überregional
Forschungsprojekte
Deutsch

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