idw - Informationsdienst
Wissenschaft
HU-Sozialwissenschaftler*innen untersuchen die Ursachen für den Zusammenhang zwischen wachsenden Einkommens- und Vermögensunterschieden und der zunehmenden Unterstützung populistischer Parteien in Europa.
In den letzten Jahrzehnten haben sich Einkommens- und Vermögensunterschiede in vielen europäischen Ländern deutlich vergrößert. Zugleich ist die Unterstützung für populistische Parteien gewachsen. Frühere Studien haben bereits darauf hingewiesen, dass steigende Ungleichheit das Wachstum populistischer Bewegungen möglicherweise begünstigt. Wie aber ist dieser Zusammenhang zu erklären? Warum wenden sich immer mehr Menschen populistischen Parteien zu?
Eine neue Studie von Prof. Dr. Heike Klüver und Prof. Dr. Johannes Giesecke vom Institut für Sozialwissenschaften (ISW) der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) sowie ihres ehemaligen Kollegen Prof. Dr. Lukas F. Stoetzer (inzwischen Universität Witten/Herdecke) zeigt, dass dabei nicht allein die objektive, an Zahlen zur Verteilung von Einkommen und Vermögen ablesbare soziale Ungleichheit eine Rolle spielt. Entscheidend ist vielmehr, wie Menschen solche Informationen verarbeiten, welche Schlüsse sie daraus ziehen und welche Gefühle sie hervorrufen. „Wenn Menschen den Eindruck haben, dass Vermögen in den Händen weniger konzentriert ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie populistische Einstellungen entwickeln“, sagt Heike Klüver, Leiterin des Lehrbereichs Politisches Verhalten im Vergleich am Institut für Sozialwissenschaften. „Diese Wahrnehmung prägt politische Einstellungen unabhängig davon, wie die objektive Verteilung tatsächlich aussieht.“
Populistische Parteien machen sich empfundene Ungleichheit zunutze
Im Gegensatz zu früheren Studien, die zeigen, dass steigende Ungleichheit populistische Bewegungen begünstigt, geht die neue Studie der Frage nach, warum und wie dieser Zusammenhang entsteht. Die Sozialwissenschaftler*innen argumentieren, dass es weniger die ökonomischen Strukturen an sich sind, die Populismus befeuern, sondern die Wahrnehmung, dass die Gesellschaft ungerecht organisiert ist und politische Eliten vor allem die Interessen der Wohlhabenden vertreten – eine Wahrnehmung, die populistische Parteien aufgreifen und sich zunutze machen.
Befragungen von 40.000 Personen in 20 Ländern zu sozialer Ungleichheit und ihrer Wahrnehmung
Um den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und die Unterstützung populistischer Parteien zu untersuchen, haben die Forschenden Daten des International Social Survey Programme (ISSP) des GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften ausgewertet und zusätzlich ein Verhaltensexperiment durchgeführt. Die Auswertung der ISSP-Befragungen von fast 40.000 Personen in 20 europäischen Ländern zu sozialer Ungleichheit und ihrer Wahrnehmung zeigt, dass Menschen, die ihre Gesellschaft als besonders ungleich empfinden, mit einer um 2,7 Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit eine populistische Partei unterstützen als jene, die ihre Gesellschaft als gerechter wahrnehmen. Ein solcher Unterschied ist in der Wahlforschung durchaus substanziell, da bereits wenige Prozentpunkte über den Erfolg oder Misserfolg politischer Parteien entscheiden können. Besonders deutlich zeigt sich dieser Zusammenhang bei größeren rechtspopulistischen Parteien wie der Dänischen Volkspartei (DF) oder der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), er gilt aber auch für andere populistische Parteien.
Verhaltensexperiment stützt zentrale These
Um diesen Befund zur Korrelation zwischen Wahrnehmung von Ungleichheit und populistischen Einstellungen auf seine Kausalität zu überprüfen, haben die Sozialforscher*innen ein Experiment durchgeführt, an dem jeweils etwa 3.000 zufällig ausgewählte Personen in Deutschland, Dänemark und Italien teilnahmen. Dafür wurde einem Teil der Probanden Informationen über die tatsächliche Vermögensverteilung im jeweiligen Land vorgelegt, bevor sie Fragen zur Wahrnehmung von Ungleichheit in der Gesellschaft beantworteten. Eine Kontrollgruppe hatte vorab keine Informationen bekommen. Das Experiment zeigte, dass die Wahrnehmung durch die Konfrontation mit Informationen über die tatsächliche Ungleichheit die Wahrnehmung gesellschaftlicher Ungleichheit bei den Probanden erhöhte – und populistische Einstellungen verstärkte. Dies führte bei den Probanden jedoch nicht unmittelbar zu einer höheren Wahlabsicht für populistische Parteien.
„Das Experiment stützt klar unsere zentrale These: Die Wahrnehmung von Ungleichheit kann eine Ursache für populistische Einstellungen sein“, so Heike Klüver. „Gleichzeitig zeigt es aber auch, dass die kurzfristige Veränderung von Einstellungen nicht unmittelbar zu einer höheren Wahlabsicht für populistische Parteien führt. Dies deutet darauf hin, dass weitere Faktoren eine Rolle spielen – etwa parteipolitische Angebote, parteipolitische Kampagnen oder andere politische Kontextfaktoren.“
Weitere Informationen
Zum Fachartikel im European Journal of Political Research: https://www.cambridge.org/core/journals/european-journal-of-political-research/a...
Prof. Dr. Heike Klüver
Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Sozialwissenschaften
Politisches Verhalten im Vergleich
E-Mail: heike.kluever@hu-berlin.de
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Politik
überregional
Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
Deutsch

Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.
Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).
Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.
Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).
Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).