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Eine neue DJI-Analyse zeigt, welche Familien ungeplante Ausfälle im Kita-Alltag am häufigsten erleben und welche Qualitätsbedenken Eltern haben
Wenn Fachkräfte fehlen oder krank sind, kommt es in Kindertageseinrichtungen immer wieder zu unerwarteten Schließtagen. In den Jahren 2023/24 waren 43 Prozent aller Familien mit Kita-Kindern im Alter von einem Jahr bis zum Schuleintritt davon betroffen – bei rund 13 Prozent summierten sich die Schließungen im laufenden Kita-Jahr auf mehr als eine Woche. Aktuelle Auswertungen repräsentativer Daten der Kinderbetreuungsstudie (KiBS) des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zeigen: Eltern, die kurzfristige Betreuungsausfälle erleben, zweifeln eher an der Qualität ihrer Einrichtung.
„Ungeplante Schließtage werden offenbar nicht nur als organisatorisch zu lösende Ereignisse wahrgenommen, sondern stehen für Eltern in engem Zusammenhang mit der Qualität der Kita“, sagt DJI-Wissenschaftler Dr. Franz Neuberger. Zudem weisen die Daten darauf hin, dass Eltern, die (noch) keine Angebote der Kindertagesbetreuung nutzen, immer häufiger Qualitätsbedenken als Begründung für die Nicht-Nutzung anführen.
Besonders von Kita-Schließungen betroffen: Familien mit Einwanderungsgeschichte
Nicht alle Familien erleben Betreuungseinschränkungen im gleichen Ausmaß. Familien mit Einwanderungsgeschichte berichteten in den Jahren 2023/24 im Krippenbereich sowohl häufiger von ungeplanten Schließungen im Umfang von bis zu einer Woche als auch häufiger von solchen, die sich auf mehr als eine Woche im laufenden Kita-Jahr summierten. Damit lagen sie im Schnitt um 10 Prozentpunkte über dem Durchschnitt aller Familien.
Für den Kindergarten zeigt sich der Unterschied noch deutlicher und konzentriert sich auf unerwartete Schließungen, die in der Summe mehr als eine Woche im laufenden Kita-Jahr ausmachten (siehe Abbildung 1): Familien mit Einwanderungsgeschichte waren häufiger gezwungen, solche zu überbrücken (18 Prozent) als Familien ohne Risikofaktoren (12 Prozent). Überdurchschnittlich häufig von ungeplanten Betreuungsausfällen betroffen waren auch Familien, die Transferleistungen erhalten (19 Prozent) sowie Familien, bei denen zwei oder mehr Risikofaktoren vorliegen (23 Prozent). Als Familien mit Risikofaktoren gelten in der Analyse solche mit Einwanderungsgeschichte, Alleinerziehendenstatus oder Transferleistungsbezug. Alle drei Gruppen haben tendenziell einen erhöhten Unterstützungsbedarf – hinsichtlich der Chancengleichheit der Kinder bis zum Schuleintritt und/oder hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
„Studien zeigen, dass Familien mit Einwanderungsgeschichte und weiteren Risikofaktoren häufiger in Stadtteilen mit weniger Kitas leben. Auch unsere Daten legen nahe, dass der Personalmangel gerade dort besonders spürbar ist, wo vulnerable Familien konzentriert leben — auch wenn wir auf Basis unserer Elternbefragung keine direkten Rückschlüsse auf einzelne Einrichtungen ziehen können", erklärt Franz Neuberger. Zusammen mit den DJI-Wissenschaftlerinnen Mariana Grgic und Kerstin Lippert sowie DJI-Forschungsdirektorin Prof. Dr. Susanne Kuger hat er die Analysen auf Basis der KiBS-Daten erstellt.
Je mehr Schließtage, desto schlechter die wahrgenommene Qualität
Über alle Familien und alle Altersgruppen der Kinder hinweg zeigt sich ein konsistenter Zusammenhang: Je mehr Schließtage die Eltern insgesamt überbrücken mussten, desto negativer bewerteten sie die Qualität der Einrichtung (siehe Abbildung 2). Dabei ist zu beachten, dass die Qualitätseinschätzungen nicht auf standardisierten Beobachtungsverfahren durch Fachleute beruhen, sondern auf den subjektiven Einschätzungen der befragten Eltern – und zwar über mehrere Aspekte hinweg: von der Beziehungsqualität zwischen Eltern und Fachkräften und der wahrgenommenen Kompetenz der Fachkräfte über die Interaktionserfahrungen des Kindes bis hin zur Zufriedenheit mit der Personalausstattung und den Öffnungszeiten.
40 Prozent der Familien mit Einwanderungsgeschichte geben an, vor Ort kein Angebot zu haben
Gleichzeitig weisen die Auswertungen darauf hin, dass sich die Gründe, die Eltern dafür anführen, kein Angebot der Kindertagesbetreuung zu nutzen, zwischen den Jahren 2018/19 und 2023/24 geändert haben: Immer mehr Familien ohne Risikofaktoren äußern Qualitätsbedenken im Sinne einer befürchteten unzureichenden Förderung aufgrund mangelnder pädagogischer Qualität. Im Krippenbereich ist ihr Anteil um rund 6 Prozentpunkte auf 17 Prozent gestiegen und im Kindergartenbereich um rund 14 Prozentpunkte auf 25 Prozent. Auch Familien mit Einwanderungsgeschichte, deren Kinder zum Zeitpunkt der Befragungen keinen Kindergarten besuchten, äußerten 2023/24 häufiger Qualitätsbedenken als 2018/19 (+8,4 Prozentpunkte auf 14,4 Prozent). Das sind niedrige Werte – aber sie haben sich teilweise mehr als verdoppelt.
Bei Familien mit Einwanderungsgeschichte, die keinen Kindergartenplatz in Anspruch nehmen, haben aber nicht nur Qualitätsbedenken zugenommen: Im Vergleich zu den Jahren 2018/19 berichten sie deutlich häufiger von einem fehlenden Angebot vor Ort (+16 Prozentpunkte auf 40 Prozent). Der Wunsch, das Kind selbst zu erziehen, spielte 2023/24 hingegen immer seltener eine Rolle (–14 Prozentpunkte auf 49 Prozent). Auch bei Familien ohne Risikofaktoren sank der Wunsch deutlich, das eigene Kind ausschließlich selbst erziehen zu wollen (–16,5 Prozentpunkte auf 60 Prozent).
„Es zeigt sich, dass die Akzeptanz für institutionelle frühe Bildung und Betreuung insgesamt immer größer wird und gerade auch Familien mit Einwanderungsgeschichte zunehmend ein Angebot nutzen wollen. Allerdings berichten genau diese Familien immer häufiger, dass sie vor Ort kein Angebot finden“, warnt Neuberger. „Dieser Befund ist bildungspolitisch alarmierend, weil die seit 2022 sinkenden Geburtenraten eigentlich Spielraum für eine höhere Bildungsbeteiligung für Kinder aus Familien mit Einwanderungsgeschichte bieten würden“.
Dem Nationalen Bildungsbericht zufolge besuchen rund 80 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen aus Familien mit Einwanderungsgeschichte einen Kindergarten – im Durchschnitt aller Familien sind es 96 Prozent. Gerade Kinder aus Familien mit Einwanderungsgeschichte könnten besonders von früher Sprachförderung profitieren. „Wenn der steigenden Nachfrage in diesen Familien aber kein oder nur ein als qualitativ unzureichend empfundenes Angebot gegenübersteht, verspielen wir das gerade erst entstehende Vertrauen“, so Neuberger.
Datenbasis
Mit der Kinderbetreuungsstudie (KiBS) des DJI werden jährlich etwa 33.000 Eltern befragt. Die vorliegenden Analysen beziehen sich auf Familien mit Kindern im Krippen- und Kindergartenalter (20.000 Fälle pro Welle).
Dr. Franz Neuberger
089/62306-356
fneuberger@dji.de
Neuberger, Franz, Grgic Mariana, Lippert Kerstin, Kuger, Susanne (2026): „Wenn es erst an Personal und dann an Vertrauen mangelt“. DJI-Preprint.
https://www.dji.de/veroeffentlichungen/literatursuche/detailansicht/literatur/38... DJI-Preprint
Abbildung 1: Anteil der Familien, die in den Jahren 2023/24 von unerwarteten Schließungen im Kinderg ...
Abbildung 2: Wahrgenommene Kita-Qualität der Eltern nach Umfang unerwarteter Schließungen im Kinderg ...
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Gesellschaft, Pädagogik / Bildung
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch

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