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In kaum einer anderen Region Europas ist Mehrsprachigkeit so selbstverständlich wie in der Euregio Maas-Rhein. Unterschiedliche Muttersprachen, alltägliche Sprachwechsel über Landesgrenzen hinweg und vielfältige kulturelle Kontexte prägen das Leben der Menschen. Vor diesem Hintergrund ist die RWTH Aachen ein idealer Standort für die neue, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Forschungsgruppe „Bilinguale Flexibilität – Die Psychologie der Sprachkontrolle“, die zum Sommersemester 2026 offiziell ihre Arbeit aufnimmt.
Unter der Leitung von Professorin Anna K. Kuhlen vom Lehr- und Forschungsgebiet Biologische Psychologie und Sozialpsychologie und Professor Iring Koch vom Lehrstuhl Kognitive Psychologie der RWTH untersucht die Forschungsgruppe, wie bilinguale Menschen ihre Sprachen flexibel und kontextsensitiv einsetzen. Im Zentrum steht dabei das Konzept der Sprachbalance – also das dynamische Verhältnis zwischen zwei oder mehr beherrschten Sprachen – und die Frage, wie das menschliche Gehirn steuert, welche Sprache in welcher Situation verwendet wird.
Bilingualismus neu gedacht
Bilingualismus beschreibt generell den regelmäßigen Gebrauch mehrerer Sprachen – unabhängig davon, wann oder wie sie erlernt wurden. „Wenn man bedenkt, dass in Europa rund drei Viertel der Bevölkerung zwei oder mehr Sprachen sprechen, wird deutlich, wie relevant ein besseres Verständnis bilingualer Sprachverwendung ist“, erklärt Kuhlen. In einer zunehmend globalisierten Welt nimmt diese Bedeutung weiter zu.
Bilinguale Sprecherinnen und Sprecher stehen permanent vor der Herausforderung, eine Zielsprache auszuwählen und gleichzeitig Interferenzen mit anderen Sprachen zu vermeiden. Besonders anspruchsvoll ist dies, wenn in einer weniger dominanten Sprache kommuniziert wird, die mit einer dominanteren Sprache konkurriert. Wie leicht oder schwer diese Auswahl fällt, hängt entscheidend von der individuellen Sprachbalance ab. Bilinguale Flexibilität ermöglicht den Sprechenden daher, ihren Sprachgebrauch an aktuelle aufgaben- und situationsspezifische linguistische und soziale Anforderungen anzupassen. Sie erfordert die Auflösung des Wettbewerbs zwischen den Sprachen auf der Grundlage kontextsensitiver kognitiver Sprachkontrollprozesse.
Sprachbalance als dynamischer Prozess
Die Forschungsgruppe geht davon aus, dass Sprachbalance kein statischer Zustand ist. Vielmehr wird zwischen einer dispositionellen Sprachbalance – also längerfristigen, stabilen Sprachverhältnissen – und einer kontextsensitiven, situativen Sprachbalance unterschieden, die sich flexibel an aktuelle Kontexte anpasst. „Wir müssen das Konzept der Sprachdominanz neu denken“, so Kuhlen. „Menschen können je nach Situation sehr bewusst und fließend in eine nicht dominante Sprache wechseln – etwa im Urlaub, im Beruf oder im sozialen Umfeld.“
Zentrale Annahme der Forschungsgruppe ist, dass kognitive Sprachkontrollmechanismen diese Verschiebungen von einer dispositionellen Sprachbalance hin zu einer kontextsensitiven, situativen Sprachbalance ermöglichen. Sie sorgen dafür, dass die jeweils relevante Sprache aktiviert und konkurrierende Sprachen gehemmt werden. Faktoren wie Lesen, Filme schauen oder soziale Interaktion in einer bestimmten Sprache können diese Balance kurzfristig verändern – sie wird gewissermaßen immer wieder neu ausgehandelt.
Forschung zwischen Labor und Alltag
Der Forschungsschwerpunkt liegt auf kurzfristigen Verschiebungen der Sprachbalance aufgrund von Sprachkontrollprozessen, die auf Anforderungen der Aufgabe und der sozialen Situation reagieren, sowie auf längerfristigen Anpassungen der dispositionellen Sprachbalance aufgrund von Spracherwerb und Sprachentwicklung.
Bilinguale Flexibilität wird dabei mit einem breiten methodischen Ansatz untersucht, der kognitiv-behaviorale und neurowissenschaftliche Methoden umfasst. Insbesondere untersuchen die Forschenden bilinguale Flexibilität im Hinblick auf kognitive Mechanismen wie die Hemmung der Nicht-Zielsprache, auf Lernmechanismen wie dem Wortlernen beim Zweit- oder Drittsprachenerwerb, auf ihre sozial-kulturelle Einbettung und auf angewandte Kontexte, zum Beispiel bilinguale Arbeitsumgebungen und Aufenthalte im Ausland. Ihre Ansätze werden vereint durch eine psychologische und kognitive Perspektive auf Sprachkontrolle als Mechanismus, der bilinguale Flexibilität ermöglicht.
In experimentellen Studien benennen Probandinnen und Probanden beispielsweise Bilder in unterschiedlichen Sprachen, während Reaktionszeiten, Blickbewegungen oder neuronale Aktivität gemessen werden. Dabei kommen unter anderem EEG-Verfahren und andere neurowissenschaftliche Methoden zum Einsatz, um sichtbar zu machen, wann und wie kognitive Kontrolle im Gehirn greift. „Es fasziniert mich, wie Menschen Sprachen anwenden und was dabei in ihren Köpfen geschieht“, sagt Kuhlen. „Oft bemerken bilinguale Personen gar nicht bewusst, welche Sprache sie gerade sprechen – denn die Prozesse laufen hochautomatisiert ab.“
Langfristig will die Forschungsgruppe in der Euregio ein starkes Netzwerk zur Erforschung von Mehrsprachigkeit aufbauen – mit Aachen als zentralem Knotenpunkt. Die Ergebnisse sollen nicht nur zum theoretischen Verständnis der Sprachkontrolle beitragen, sondern auch für angewandte Kontexte relevant sein, etwa für bilinguale Arbeitsumgebungen, Bildung oder internationale Zusammenarbeit.
Hintergrund: DFG-Forschungsgruppen
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat im Herbst vier neue Forschungsgruppen eingerichtet, die zu Beginn des Jahres 2026 ihre Arbeit aufgenommen haben. Eine davon ist die an der RWTH Aachen angesiedelte Forschungsgruppe „Bilinguale Flexibilität – Die Psychologie der Sprachkontrolle“, die für vier Jahre mit rund 4,5 Millionen Euro gefördert wird. Insgesamt stellt die DFG für die vier Neueinrichtungen rund 20,5 Millionen Euro inklusive einer Programmpauschale von 22 Prozent für indirekte Projektausgaben bereit.
DFG-Forschungsgruppen ermöglichen es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, gemeinsam an aktuellen und drängenden Fragen ihrer Fachgebiete zu arbeiten und innovative Forschungsansätze zu entwickeln. Derzeit unterstützt die DFG insgesamt 188 Forschungsgruppen, zehn Klinische Forschungsgruppen und 17 Kolleg-Forschungsgruppen.
Professorin Anna K. Kuhlen
Lehr- und Forschungsgebiet Biologische Psychologie und Sozialpsychologie
Tel.: +49 241 80-91914
anna.kuhlen@psych.rwth-aachen.de
https://gepris.dfg.de/gepris/projekt/548577702?context=projekt&task=showDeta...;
Das Team der Forschungsgruppe „Bilinguale Flexibilität – Die Psychologie der Sprachkontrolle"
Quelle: Lilli Kallen
Copyright: RWTH
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler
Psychologie, Sprache / Literatur
überregional
Forschungsprojekte, Wissenschaftspolitik
Deutsch

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