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Wissenschaft
Befragte einer ZOiS-Studie in Estland, die einen familiären Hintergrund in Russland haben, blicken anders auf Russlands Krieg in der Ukraine, und sie nehmen Russland weniger stark als Bedrohung wahr. Dabei nähert sich die jüngere Generation den Ansichten der Bevölkerung ohne russischen Hintergrund an.
Ein neuer ZOiS Report untersucht, wie die estnische Bevölkerung mit und ohne familiären Hintergrund in Russland zu Themen wie nationaler Sicherheit, dem Krieg in der Ukraine und der estnischen Politik und Geschichte steht. Dafür wurden im Jahr 2025 in einer Umfrage 2.062 Personen in Estland befragt. Eine weitere Umfrage im Jahr 2024, ergänzt durch Fokusgruppendiskussionen, lieferte Einblicke in das Verhältnis zwischen älterer und jüngerer Generation. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung Estlands hat einen familiären Hintergrund in Russland (bzw. der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik) – eine Zusammensetzung, die immer wieder für Spannungen sorgt.
Russland und der Krieg gegen die Ukraine
Unter allen Befragten wird Russland mehrheitlich als die größte Gefahr für die globale Sicherheit eingeschätzt. Befragte mit einem familiären Hintergrund in Russland sind dabei jedoch weniger entschieden. Von ihnen sahen fast 30 % der älteren und 15 % der jüngeren Generation in Russland gar keine Bedrohung.
Ein ausgeprägter Unterschied zeigt sich mit Blick auf den Krieg gegen die Ukraine. Über 50 % der estnischen Befragten ohne familiären Hintergrund in Russland stimmen der Aussage, dass Russland allein für den Krieg verantwortlich ist, vollständig zu. Diese Einschätzung teilten dagegen nur ein Viertel der jüngeren und 20 % der älteren Befragten mit familiärem Hintergrund in Russland.
„In den Fokusgruppen zeigte sich besonders deutlich, dass mittlerweile eine abstrakte Vorstellung von Verantwortung für den Krieg vorzufinden ist. Hier beschuldigten Teilnehmende nicht Russland, sondern die globale Wirtschaft oder anonyme Mächte, sich gegen die Interessen der einfachen Menschen vereint zu haben“, berichten Félix Krawatzek und Hakob Matevosyan, die die Forschung durchgeführt haben.
Annäherung der jüngeren Generation
Historische Themen sind in Estland eng mit Fragen der Sicherheit und der estnischen Souveränität verknüpft. In der Interpretation von Geschichte, der Einschätzung der Demokratie und sozialer Fragen nähern sich die jüngeren Befragten mit einem russischen Familienhintergrund der restlichen estnischen Gesellschaft an. Die meisten von ihnen beziehen vorwiegend historische Positionen, die mit der estnischen Interpretation des 20. Jahrhunderts übereinstimmen, während die älteren Befragten mit einem russischen Hintergrund einen eher sowjetisch geprägten Blick auf Ereignisse wie den 9. Mai oder Estlands Zeit in der Sowjetunion haben. „Es zeigen sich Hinweise auf einen Generationswechsel, der sicher zu einem guten Teil durch die estnische Schulbildung erklärt werden kann. Gleichzeitig besteht weiterhin ein hohes Maß an Unsicherheit mit vielen „Weiß-nicht“-Antworten – ein Hinweis darauf, dass Geschichte ein gesellschaftlich kontroverses Thema bleibt“, erläutert Félix Krawatzek.
Zur Studie
Die Studie ist Teil des vom European Research Council finanzierten Projekts MoveMeRU. Anhand quantitativer und qualitativer Erhebungen in drei Ländern (Deutschland, Kanada und Estland) versuchen die Forschenden herauszufinden, wie Geschichtsbilder innerhalb von Familien weitergegeben werden. Das ist gerade bei Menschen mit familiären Wurzeln in Russland politisch relevant, nicht zuletzt, weil Russland diese Gruppe gezielt mit Desinformationskampagnen anspricht und besonders Geschichtsnarrative für seine Zwecke zu instrumentalisieren versucht.
Dr. Félix Krawatzek, felix.krawatzek@zois-berlin.de
Dr. Hakob Matevosyan, Tel. +49 30 2005949-28, hakob.matevosyan@zois-berlin.de
Félix Krawatzek and Hakob Matevosyan: Estonia’s Fractured Social Landscape: Views on Security, Politics and History, ZOiS Report 2/2026.
https://www.zois-berlin.de/publikationen/zois-report/estonias-fractured-social-l...
Gebäude in Tallinn mit einem Wandgemälde, das von estnischer und nordischer Symbolik inspiriert ist
Quelle: Hakob Matevosyan
Copyright: Hakob Matevosyan
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Politik
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch

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