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Wissenschaft
Der von der Europäischen Union im Jahr 2005 gestartete Handel mit Rechten zum Ausstoß von CO₂ könnte eines Tages auch im großen Stil für dessen Zurückholen aus der Atmosphäre sorgen. Eine neue Modellstudie beziffert das Potenzial – und skizziert eine schrittweise Integration der CO₂-Entnahmen in das Handelssystem als den richtigen Weg, um Fehlanreize zu vermeiden. Die Industrie bekäme Planungssicherheit für unvermeidbare Rest-Emissionen. Die Studie dockt an Diskussionen in Brüssel zur künftigen Regulierung an. Sie wurde geleitet vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und publiziert in Joule.
Demnach könnte allein der bestehende EU-Emissionshandel für Energiewirtschaft und energieintensive Industrie die Anreize so setzen, dass die Firmen bis 2050 zwischen 68 und 86 Millionen Tonnen CO₂ jährlich aus der Atmosphäre zurückholen, je nach Kostenentwicklung. Das Forschungsteam nutzt das am PIK entwickelte Rechenmodell LIMES-EU, das Investitionsentscheidungen optimiert. Die Analyse bezieht sich auf die EU plus das Vereinigte Königreich und Norwegen. Und sie beschränkt sich auf zwei neuartige, aussichtsreiche Entnahme-Methoden: über Luftfilter-Systeme („Direct Air Capture“) und über das Verfeuern von Biomasse mit CO₂-Abscheidung („Bioenergy with Carbon Capture“).
Akzeptanz der Klimapolitik kann profitieren
„Das von uns bezifferte Entnahme-Potenzial wäre ein starker Beitrag zur Umsetzung der EU-Klimaziele“, sagt Darius Sultani, PIK-Forscher und Leitautor der Studie. „Sicherlich braucht es zudem auch spezielle Entnahme-Förderprogramme, um 2050 die Klimaneutralität zu schaffen und danach auch unterm Strich CO₂ zurückzuholen. Doch der fiskalische Spielraum ist begrenzt, und es liegt nahe, das marktwirtschaftliche Instrument des Emissionshandels gut zu nutzen. Wir zeigen, wie es gehen könnte – und dass es sogar die Akzeptanz der Klimapolitik stärkt.“
Derzeit schaut die Wirtschaft nämlich in Sorge auf das Jahr 2039: Die jährlich sinkende Zahl der Emissionsrechte für Energiewirtschaft und energieintensive Industrie ist dann bei null und CO₂-Ausstoß im Prinzip tabu. Es gibt Überlegungen, den Zeitpfad aufzuweichen. Doch es eröffnet sich ein eleganterer Ausweg, wenn künftig auch Entnahme-Betriebe mit im System sind. Diese werden für ihre „negativen Emissionen“ mit Zertifikaten aus dem Handelssystem belohnt. Und dürfen sie dann an Betriebe weiterverkaufen, die ihren CO₂-Ausstoß (noch) nicht ganz beendet haben.
Die Studie rechnet vor, was sich in einem solchen Umfeld im Marktgleichgewicht ergibt. Investitionen in die beiden neuen Entnahme-Verfahren werden attraktiver. Der Technologie-Mix hängt stark davon ab, inwieweit technischer Fortschritt bei den Luftfiltern die Kosten senkt. Und der im Emissionshandel gebildete CO₂-Preis, der bis 2050 stetig auf gut 400 Euro je Tonne steigt, stabilisiert sich durch die Einbeziehung der Entnahmen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts auf etwas niedrigerem Niveau.
Ein Stufen-Modell für die Umsetzung
Gestützt auf die Modellanalyse liefert das Forschungsteam schließlich ein Konzept für die Integration der CO₂-Entnahmen in den Emissionshandel. Es empfiehlt ein Vorgehen in Stufen – um sicherzustellen, dass die rasche Ausstoßminderung in Richtung null Priorität hat und überdies die CO₂-Entnahme über Bioenergie nicht die biologische Vielfalt oder den Wasserkreislauf gefährdet. Zunächst sollten präzise Standards für Monitoring, Reporting und Verifizierung etabliert werden. Anschließend werden Entnahme-Projekte schrittweise in das Handelssystem überführt – in zunehmend größeren Mengen und in einer Weise, die Fehlanreize bei den Investoren vermeidet. Erst im dritten Schritt, um das Jahr 2040 herum, würden dann sämtliche Entnahmen und Rest-Emissionen über einen einheitlichen CO₂-Preis gesteuert.
„Mit diesem wissenschaftlich fundierten Vorschlag zielen wir auf die aktuelle politische Diskussion in Brüssel über die künftige Regulierung der CO₂-Entnahmen“, erklärt Michael Pahle, PIK-Forscher und ein Co-Autor der Studie. „Die Entscheidung, ob man die Entnahmen in den EU-Emissionshandel überführt, steht jetzt an, die Europäische Kommission muss noch 2026 dazu einen Vorschlag vorlegen. Unsere Studie zeigt: Die Einwände dagegen lassen sich entkräften.“
Sultani, D., Osorio, S., Günther, C., Pahle, M., Sievert, K., Schmidt, T., Steffen, B., Edenhofer, O., (2026): How the EU can utilize its carbon market to scale up Carbon Dioxide Removal. – Joule. [DOI: 10.1016/j.joule.2026.102395]
Weblink, sobald der Artikel veröffentlicht ist:
https://www.cell.com/joule/fulltext/S2542-4351(26)00079-6
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler
Energie, Meer / Klima, Politik, Umwelt / Ökologie, Wirtschaft
überregional
Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
Deutsch

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