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07.04.2026 10:30

Cochrane Review: Was bringt hochintensives Intervalltraining für gesunde, aber bisher inaktive Menschen?

Mirjam Mischke-Stöckel Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Cochrane Deutschland

    Freiburg, 7.4.2026. Fast ein Drittel der Weltbevölkerung bewegt sich weniger als die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt – also pro Woche weniger als 150 Minuten in moderater Intensität bzw. weniger als 75 Minuten intensiv. Ein aktueller Cochrane Review hat jetzt untersucht: Inwiefern profitieren gesunde Menschen, denen es nach WHO-Standards bislang an Bewegung mangelte, von mehreren kurzen, aber intensiven Trainingsintervallen mit kurzen Pausen dazwischen?

    Der Review zeigt knapp zusammengefasst: Diese Trainingsform – das so genannte hochintensive Intervalltraining (HIIT) – hat im Vergleich zu „keiner Trainingsintervention“ wahrscheinlich deutliche Vorteile mit Blick auf die kardiorespiratorische Fitness (gemessen über die maximale Sauerstoffaufnahme, VO₂max). Auch verglichen mit klassischem, also moderat anstrengendem Ausdauertraining ohne Pause hat HIIT möglicherweise Vorteile – jedoch nur leichte.

    „Allerdings: Bei wichtigen Markern für die Herz-Kreislaufgesundheit – dem Blutdruck zum Beispiel – gibt es möglicherweise keinen Unterschied zwischen HIIT und klassischem Ausdauertraining“, ergänzt Prof. Dr. Lukas Schwingshackl, Arbeitsgruppenleiter am Institut für Evidenz in der Medizin am Universitätsklinikum Freiburg. Schwingshackl ist einer der Autoren des neuen Reviews. „Für manche Menschen könnte HIIT aber aus einem anderen Grund attraktiv sein: Diese Trainingsform ist kompakter und abwechslungsreicher und könnte deshalb für den einen oder anderen interessanter sein als das klassische, für manche vielleicht etwas monotone Ausdauertraining.“

    Die Cochrane-Autor*innen haben 58 Studien mit insgesamt über 2.000 Männern und Frauen in ihren Review eingeschlossen – darunter sowohl Menschen mit Übergewicht als auch Normalgewichtige. Einige Studien untersuchten nur Männer, andere nur Frauen – und etwa die Hälfte der Studien untersuchte beide Geschlechter gleichzeitig. Die meisten Studien waren mit 14 bis 90 Teilnehmenden klein. Untersucht wurde, ob HIIT die kardiorespiratorische Fitness, den Blutdruck, die Triglycerid-Spiegel im Blut und den Bauchumfang – als Maß für abdominale Fettverteilung – verbessert. Diese Kenngrößen hängen mit dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammen. Die HIIT-Programme, die in den 58 Studien untersucht wurden, unterschieden sich stark: Sie reichten von sehr kurzen Maximalsprints bis zu mehreren vierminütigen Belastungsphasen und fanden je nach Studie über 4 bis 16 Wochen an zwei bis fünf Tagen pro Woche statt. Der Cochrane Review kommt bei der gemeinsamen Auswertung der Studien zu folgenden Ergebnissen:

    • Im Vergleich zu klassischem Ausdauertraining verbessert HIIT möglicherweise die kardiorespiratorische Fitness etwas stärker (37 Studien, GRADE: niedrig). Dieser Vorteil könnte bei Frauen größer sein als bei Männern; darauf weist eine Subgruppenanalyse hin. Bei den Triglycerid-Spiegeln im Blut und dem Blutdruck gibt es dagegen möglicherweise keinen Unterschied zwischen HIIT und herkömmlichem Ausdauertraining (18 Studien, GRADE: niedrig). Wahrscheinlich ist die Wirkung auf den Bauchumfang bei HIT und herkömmlichen Ausdauertraining ähnlich (5 Studien, GRADE: moderat).
    „Es ist überraschend, dass sich in zahlreichen Studien kaum Unterschiede zwischen HIIT und klassischem Ausdauertraining zeigen und wichtige klinische Endpunkte wie Herzinfarkte, die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes und Sterblichkeit gar nicht untersucht wurden. Das dürfte vor allem daran liegen, dass die meisten Studien klein, kurz und daher in ihrer Aussagekraft begrenzt sind – belastbare Aussagen zu langfristigen Effekten fehlen“, ordnet Prof. Dr. Lukas Schwingshackl diese Ergebnisse ein.

    • Einige eingeschlossene Studien, die allesamt zwischen 4 und 16 Wochen liefen, verglichen HIIT auch mit „keiner Trainingsintervention“. Dabei zeigte sich: HIIT sorgt nicht nur wahrscheinlich für eine bessere kardiorespiratorische Fitness, sondern auch der Bauchumfang schrumpft – und zwar durchschnittlich um rund 3,6 cm. Mit Blick auf Blutdruck und Triglyceride war die Datenlage beim Vergleich von HIIT und „keine Trainingsintervention“ nicht gut genug, um belastbare Aussagen ableiten zu können.

    Der Review liefert ebenfalls keine belastbaren Informationen zur Sicherheit von HIIT, etwa zu Verletzungen oder Überlastung. Keine der 58 eingeschlossenen Studien berichtete über unerwünschte Ereignisse, und es ist unklar, ob diese überhaupt systematisch erfasst wurden. „Aus dem Review lässt sich daher nicht schließen, dass HIIT für gesunde Menschen mit Bewegungsmangel sicher ist – sondern nur, dass die Studien dazu kaum verwertbare Daten liefern“, erläutert Lukas Schwingshackl. „Zudem wurden alle HIIT-Programme unter Aufsicht durchgeführt. Ob Erwachsene, die sich bisher zu wenig bewegen, HIIT auch im Alltag alleine – also ohne Begleitung durch Fachleute – sicher und praktikabel umsetzen können, bleibt also offen.“

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    Über Cochrane Deutschland und Cochrane Reviews:
    Cochrane Deutschland mit Sitz in Freiburg ist Teil der internationalen, gemeinnützigen Cochrane Collaboration. Dieses Netzwerk unabhängiger Wissenschaftler*innen erstellt systematische Übersichtsarbeiten zu verschiedensten medizinischen und gesundheitlichen Fragen – die so genannten Cochrane Reviews. Darin fassen die Forschenden die weltweite Studienlage transparent zusammen und bewerten deren Qualität. Ziel ist es, dadurch eine evidenzbasierte, verlässliche Grundlage für medizinische und gesundheitspolitische Entscheidungen zu schaffen. Seit seiner Gründung 1993 hat das Netzwerk bereits etwa 9.500 Cochrane Reviews veröffentlicht. Eine der vielen Tätigkeiten von Cochrane Deutschland ist es, besonders relevante Reviews aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen und sie so der Öffentlichkeit hierzulande leichter zugänglich zu machen.

    In allen Cochrane Reviews wird das vierstufige GRADE-System verwendet, um auszudrücken, wie vertrauenswürdig die Evidenz zur jeweiligen Fragestellung ist. Ist die Vertrauenswürdigkeit „hoch“, sind wir annähernd sicher, dass die vorhandenen Studienergebnisse die Wirklichkeit gut widerspiegeln. Eine „moderate“ Vertrauenswürdigkeit heißt, dass eine etwas größere Restunsicherheit besteht. Wir machen das durch einschränkende Formulierungen mit „wahrscheinlich“ deutlich – beispielsweise „Medikament X senkt Fieber wahrscheinlich nicht besser als Medikament Y“. Bei Evidenz mit „niedriger“ Vertrauenswürdigkeit ist die Unsicherheit noch grösser, ausgedrückt durch Formulierungen mit „möglicherweise“. Wird die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz im GRADE-System mit „sehr niedrig“ bewertet, sind gar keine Schlussfolgerungen möglich. Den Nutzen einer untersuchten Maßnahme bezeichnen wir dann als „unklar“. Das heißt aber nicht, dass die Maßnahme sicher nutzlos ist – sondern eben nur, dass die vorliegende Evidenz nicht ausreicht, um etwas über ihre Wirksamkeit zu sagen.

    https://www.cochrane.de


    Originalpublikation:

    Strauss JA, Kirwan R, Ranasinghe C, Schwingshackl L, Shepherd SO, Chaplin M, Sguassero Y, Petkovic J, Villanueva G, Dwan K. High‐intensity interval training for reducing cardiometabolic syndrome in healthy but sedentary populations. Cochrane Database of Systematic Reviews 2026, Issue 3. Art. No.: CD013617.


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

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