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Wissenschaft
• Nestbau bei Fischen: Schneckenbuntbarsche bauen aus leeren Schneckenhäusern Nester, um dort Schutz zu suchen und Nachwuchs großzuziehen
• Feste Verhaltensmuster: Mit einer typischen Abfolge verschiedener Verhaltensmotive verbuddeln sie das Schneckenhaus im Sand. Sie können jedoch flexibel auf Veränderungen (z.B. der Geometrie des Schneckenhauses) reagieren
• Angeborenes Verhalten: Auch Fische ohne vorherigen Kontakt mit Schneckenhäusern wissen, wie das Nest zu bauen ist. Beim ersten Mal brauchen sie zwar länger, werden durch Übung aber geschickter
• Kognitive Komponente: Beim Nestbau spielen neben angeborenen Verhaltensmustern auch die Fähigkeit zur Anpassung und zum Lernen eine Rolle
Mit einem Nest verbinden wir Schutz, Wärme und einen sicheren Rückzugsort – und denken meist an ein Vogelnest aus Zweigen, Gras und Federn. Doch die Vorteile eines solchen Rückzugsorts nutzen viele Tiere: Nester werden von Termiten bis hin zu Menschenaffen gebaut und beeindrucken durch die unterschiedlichsten Formen und die vielfältigsten Materialien, die zum Einsatz kommen.
Unter Wasser und „nur“ mit Flossen ausgestattet scheint der Nestbau bei Fischen auf den ersten Blick etwas schwierig. Doch auch hier gibt es erstaunliche Erfindungen: Höhlen im Sandboden, Schaumnester oder verlassene Schneckenhäuser, die zu Nestern umfunktioniert werden – so wie bei dem Schneckenbuntbarsch Lamprologus ocellatus.
Diese Fische kommen ausschließlich im Tanganjikasee in Afrika vor und nutzen leere Schneckenhäuser, um darin Schutz zu suchen und ihren Nachwuchs großzuziehen. Dazu wird das Schneckenhaus für die Art spezifische Weise in den Sand positioniert und bedeckt – erst dann ist es das perfekte Zuhause.
Und genau da ergeben sich aus biologischer Sicht interessante Fragen: Woher wissen die Schneckenbuntbarsche, wie das Nest auszusehen hat und wie sie ans Ziel kommen? Bekommen sie dieses Wissen vererbt oder müssen sie es erst erlernen? Ein Team aus Herwig Baiers Abteilung am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz hat nun genau diese Fragen in einer neuen Studie untersucht.
Zunächst zeigte das Team mit 3D-gedruckten Schneckenhäusern, dass der Nestbau aus einer klar definierten Abfolge von verschiedenen Verhaltensweisen besteht und etwa drei Stunden dauert: Nach dem ersten Kontakt mit dem Schneckenhaus graben die Fische mit dem Körper und dem Maul eine Grube. Dann greifen sie mit dem Maul das Schneckenhaus und manövrieren es im Uhrzeigersinn in diese Grube. Das wiederholen sie so oft, bis es mit der Spitze nach unten im Sand liegt und die Öffnung oben herausragt. Zuletzt wird mit schnellen Körperbewegungen Sand in die Richtung des Schneckenhauses geschleudert, um das Nest damit zu bedecken.
Um zu testen, ob dies ein angeborenes Verhaltensprogramm ist, zog das Team Fische in Aquarien ohne Schneckenhäuser auf. Wurden sie als ausgewachsene Fische dann mit Schneckenhäusern zusammengebracht, zeigten auch sie das typische Nestbauprogramm. Allerdings stellten sich die ungeübten Tiere etwas ungeschickt an und brauchten bis zum perfekten Nest im Durchschnitt etwa 12 Stunden.
Doch diese Unbeholfenheit war nicht von Dauer: Wurden die Tiere zu einem späteren Zeitpunkt erneut mit Schneckenhäusern zusammengebracht, waren sie deutlich schneller und geschickter (im Durchschnitt etwa viereinhalb Stunden bei ihrem dritten Nestbau).
Die einzelnen Schritte beim Nestbau sind demnach angeboren, zu richtigen Bau-Experten werden Schneckenbuntbarsche aber erst durch Übung. Das Erstaunliche: Erhielten die Tiere nach einem Jahr ohne Schneckenhaus wieder die Gelegenheit zum Nestbau, waren sie immer noch geübte Architekten und mussten nicht bei Null anfangen – sie konnten sich selbst nach dieser langen Zeit noch an das Erlernte erinnern.
Doch sind die Fische während des angeborenen Nestbau-Programms in der Lage, auf Veränderungen einzugehen oder läuft der Prozess nach einem starren Muster ab? Um das zu verstehen, statteten die Forscherinnen und Forscher die Aquarien mit 3D-gedruckten, linksdrehenden Schneckenhäusern aus. Diese kommen in der Natur nur äußert selten vor und sind genau spiegelverkehrt zu den Häusern, die die Tiere sonst gewöhnt sind. Interessanterweise hatten die Tiere nach kurzer Zeit sprichwörtlich den Dreh raus und passten ihr Verhalten an: Sie bewegten das Schneckenhaus nicht im, sondern gegen den Uhrzeigersinn in den Sand.
„Die längste Zeit wurde angenommen, dass der Nestbau aus rein angeboren Verhaltensmustern besteht. Untersuchungen bei Vögeln und unsere Studie zeigen aber, dass kognitive Fähigkeiten wie Lernen, Erinnern oder Anpassen eine wichtige Rolle spielen“, sagt Swantje Grätsch, Projektleiterin am Max-Planck-Institut für biologische Intelligenz und Erstautorin der Studie. „Dementsprechend konnten wir zeigen, dass während des Nestbaus beim Schneckenbuntbarsch die Gehirnregionen aktiv sind, die genau für solche Fähigkeiten verantwortlich sind. Wir beginnen erst allmählich zu verstehen, wie komplex dieses zielgerichtete Verhalten und die zugrundeliegenden Vorgänge im Gehirn sind.“
Dr. Swantje Grätsch
Projektleiterin
MPI für biologische Intelligenz
Swantje.graetsch@bi.mpg.de
Cognitive ethology of nest building in a shell-dwelling cichlid
Swantje Grätsch, Alessandro Dorigo, Vaishnavi Agarwal, Ash V. Parker, Isabela Hernández Murcia, Manuel Stemmer, Abdelrahman Adel, Alex Jordan, Herwig Baier
Current Biology, online 10. April 2026
https://www.bi.mpg.de/baier/de - Webseite der Abteilung
Schneckenbuntbarsche bauen sich Nester aus verlassenen Schneckenhäusern. Eine neue Studie zeigt, das ...
Copyright: © MPI für biologische Intelligenz / Swantje Grätsch
Der Nestbau der Schneckenbuntbarsche besteht aus einer klar definierten Abfolge verschiedener Verhal ...
Copyright: © MPI für biologische Intelligenz / Christina Bielmeier
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
Biologie
überregional
Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
Deutsch

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