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10.04.2026 12:55

Unsichtbarer Strom: Wie unser digitales Leben Energie frisst – und wie wir damit umgehen können

Camilla Frei Hochschulkommunikation und Marketing
HBC Hochschule Biberach

    Scrollen, streamen, Musik hören – digitale Anwendungen gehören zum Alltag. Doch im Hintergrund läuft eine Infrastruktur, die viel Energie benötigt.

    Matthias Hillebrand, Absolvent des Bachelorstudiengangs Energie-Ingenieurwesen an der Hochschule Biberach, hat in seiner Abschlussarbeit untersucht, wie hoch der externe Stromverbrauch durch digitale Dienste tatsächlich ist. Das Ergebnis: Je nach Nutzungsverhalten können bis zu 141 kWh pro Person und Jahr entstehen.

    Wir tippen, klicken, streamen – und merken kaum, dass jede digitale Handlung Strom verbraucht. Sei es das Scrollen durch Social Media, das Streamen einer Serie auf Netflix, das Anhören einer Spotify-Playlist oder die schnelle Antwort einer KI: Für uns unsichtbar, doch im Hintergrund laufen Server, Netzwerke und Cloud-Systeme rund um die Uhr – und verbrauchen Energie.

    Matthias Hillebrand, Absolvent des Bachelor-Studiengangs Energie-Ingenieurwesen der Hochschule Biberach, hat sich in seiner Abschlussarbeit genau diesem externen Stromverbrauch gewidmet. Betreut wurde die Arbeit von Prof. Dr.-Ing. Roland Koenigsdorff. „Die grundsätzliche Idee, sich mit dem Energieverbrauch im Privatbereich zu befassen, stammt von Herrn Hillebrand selbst“, erklärt Koenigsdorff. „Im gemeinsamen Gespräch entwickelte sich daraus die konkrete Fragestellung zum extern verursachten Stromverbrauch durch digitale Dienste.“ Daraus sei eine „herausragende und interdisziplinäre Arbeit“ entstanden. Denn neben dem Studiengang war auch das Institut für Bildungstransfer (IBiT) der HBC involviert: Frau Linda Vogt unterstützte beim Design und der Durchführung der Umfrage, während Prof. Dr. André Bleicher, Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Strategisches Management und Organisation, als Sozialwissenschaftler Zweitprüfer im Kolloquium der Bachelorarbeit war.

    Heute setzt Hillebrand sein Studium im Masterstudiengang Energiemanagement und Energietechnik an der Hochschule Ansbach fort, das Thema seiner Bachelorarbeit begleitet ihn aber weiterhin – vor allem auf privater Ebene. „Ich habe mir vorher selbst kaum Gedanken darüber gemacht“, sagt er. Erst während der Recherche wurde ihm klar, wie viel Energie im Hintergrund verbraucht wird. Auch in seinem Freundes- und Kommiliton*innen-Kreis sei das Thema auf großes Interesse gestoßen.

    Auf Basis einer Umfrage, Literaturrecherche und eines selbst entwickelten Berechnungsmodells ermittelte Hillebrand einen jährlichen externen Stromverbrauch von 1 bis 141 Kilowattstunden pro Person. Zum Vergleich: 1 kWh entspricht ungefähr 10 - 20 Stunden Laptopnutzung. „Die Spannbreite hängt stark vom individuellen Nutzungsverhalten ab. Wer viel streamt, online spielt oder Cloud-Dienste intensiv nutzt, erzeugt deutlich mehr Datenverkehr – und damit mehr Energieverbrauch“, erklärt der Absolvent. Konkrete Beispiele: Das Abspielen von Spotify-Playlists auf dem Smartphone erzeugt messbaren Energieaufwand in Rechenzentren. Auch Suchanfragen oder Video-Streaming verbrauchen Strom – oft ohne dass wir es merken.

    „Das Problem ist, dass viele Daten fehlen“, bedauert Hillebrand. Große Anbieter würden kaum konkrete Zahlen zum Energieverbrauch ihrer Dienste veröffentlichen. Seine Ergebnisse seien daher als fundierte Schätzung zu verstehen – nicht als absolute Wahrheit. Während Stromsparen im Haushalt für viele selbstverständlich ist, bleibt der externe Stromverbrauch meist unbeachtet. „Er ist für uns unsichtbar“, sagt Hillebrand. „Wir zahlen ihn indirekt über Abos oder Internetverträge und haben keinen direkten Bezug dazu.“

    Ein bewussterer Umgang unseres digitalen Konsums könnte dabei gleich doppelt wirken: Er schont nicht nur Energie und Umwelt, sondern kommt auch unserer mentalen Gesundheit zugute. Weniger Streaming, weniger parallele Nutzung mehrerer Geräte und weniger „Nebenbei-Konsum“ können helfen, die eigene Konzentration zu steigern, Stress zu reduzieren und insgesamt ausgeglichener zu leben. Dass solche Überlegungen bereits eine Rolle spielen, zeigt auch das Ergebnis der Arbeit: „Überraschend finde ich, dass zu den häufigsten Beweggründen, digitale Dienste einzuschränken, der Wunsch nach mehr Fokus und weniger Ablenkung zählt“, sagt Koenigsdorff. „Es gibt also durchaus ein Bewusstsein für die Kehrseite der digitalen Nutzung.“ Schon kleine Veränderungen machen dabei einen Unterschied: Wer etwa eine Spotify-Playlist einmal herunterlädt, statt sie immer wieder zu streamen, kann Datenverkehr vermeiden – und damit auch Energie sparen.

    Gleichzeitig wird der digitale Stromverbrauch weiter steigen und damit auch seine Bedeutung für den Klimaschutz. Strom ist nicht automatisch „grün“: Je nach Energiequelle entstehen bei der Erzeugung CO₂-Emissionen, die mit jeder zusätzlichen Datenanfrage zunehmen. Für die Zukunft sieht Hillebrand mehrere Ansatzpunkte: mehr Transparenz seitens der Anbieter, stärkere gesellschaftliche Sensibilisierung und gegebenenfalls politische Maßnahmen wie Vorgaben für Standard-Streamingqualitäten oder Kennzeichnungen des Energieverbrauchs. Auch in Forschung und Lehre gewinnt das Thema an Bedeutung: „Mehrere Studierende befassen sich bereits mit dem steigenden Stromverbrauch durch den Ausbau von Rechenzentren, die hinter KI, Streaming und Cloud-Diensten stehen“, so Koenigsdorff.

    Matthias Hillebrand wichtigste Erkenntnis: Digitaler Konsum hat reale Auswirkungen – auch wenn wir sie nicht sehen. Wer sein eigenes Verhalten bewusst hinterfragt, kann nicht nur Energie sparen, sondern auch konzentrierter, effizienter und insgesamt bewusster leben.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    koenigsdorff@hochschule-bc.de


    Bilder

    Matthias Hillebrand hat den externen Stromverbrauch durch Streaming-Dienste untersucht.
    Matthias Hillebrand hat den externen Stromverbrauch durch Streaming-Dienste untersucht.
    Quelle: Hochschule Biberach
    Copyright: Hochschule Biberach

    Tablet, Handy, Musik hören - alles parallel. So sieht der heutige Alltag bei vielen Menschen aus.
    Tablet, Handy, Musik hören - alles parallel. So sieht der heutige Alltag bei vielen Menschen aus.
    Quelle: Hochschule Biberach
    Copyright: Hochschule Biberach


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende
    Energie, Gesellschaft, Medien- und Kommunikationswissenschaften
    überregional
    Forschungsergebnisse, Studium und Lehre
    Deutsch


     

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