idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Grafik: idw-Logo

idw - Informationsdienst
Wissenschaft

idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
13.04.2026 09:15

Studie zeigt: Hochbegabte Männer sind weniger konservativ als durchschnittlich Intelligente

Friederike Meyer zu Tittingdorf Pressestelle der Universität des Saarlandes
Universität des Saarlandes

    Hochbegabte bekleiden häufig Führungspositionen in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Ob ihr hoher Intelligenzquotient mit einer bestimmten politischen Orientierung einhergeht, konnte bisher nicht eindeutig belegt werden. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass es eine signifikante, geschlechtsbezogene Besonderheit gibt: Hochbegabte Männer sind weniger konservativ als durchschnittlich begabte Männer. Maximilian Krolo und Jörn Sparfeldt haben dies im Fachjournal „Intelligence“ publiziert.

    „Unsere Studie zeigt, dass Hochbegabte in ihren politischen Orientierungen den durchschnittlich Begabten ähnlicher sind, als viele vielleicht erwarten würden“, sagt Psychologe und Intelligenzforscher Maximilian Krolo von der Universität des Saarlandes. Der einzige Unterschied betreffe den gesellschaftlichen Konservatismus bei Männern. „Hier zeigten durchschnittlich begabte Männer höhere Werte als hochbegabte – ein Unterschied, der bei Frauen nicht zu beobachten war und damit auf eine geschlechtstypische Dynamik hinweist, die in der Forschung bisher kaum untersucht wurde“, erklärt Erstautor Krolo, der gemeinsam mit den Professoren Jörn Sparfeldt von der Saar-Universität und Detlef Rost von der Philipps-Universität Marburg die Studie durchgeführt hat.

    Die Grundlage dafür war das Marburger Hochbegabtenprojekt, für das bereits im Schuljahr 1987/1988 gut 7000 Grundschulkinder mit Intelligenztests untersucht wurden. Rund 150 Mädchen und Jungen erzielten einen Intelligenzquotienten von 130 und höher, das entspricht der Quote von etwa zwei Prozent Hochbegabten in der Bevölkerung. Dieser Schülergruppe wurde eine Vergleichsgruppe von durchschnittlich intelligenten Kindern mit ähnlichem sozio-ökonomischen Status zugeordnet. Im Zuge einer erneuten Intelligenztestung in der neunten Klassenstufe wurden daraus 107 hochbegabte Jugendliche und eine Vergleichsgruppe von 107 durchschnittlich begabten Jugendlichen identifiziert. Im Rahmen einer Längsschnittstudie wurden sie über viele Jahre beobachtet und immer wieder zu verschiedenen Themen befragt. „Nun, mehr als 35 Jahre später, konnten wir dieser Personengruppe Fragen zu ihren politischen Ansichten stellen. Es antworteten 87 hochbegabte und 71 durchschnittlich begabte Erwachsene, was einer beachtlich hohen Rücklaufquote von cirka 75 Prozent entspricht“, erläutert der Bildungswissenschaftler und Psychologe Jörn Sparfeldt.

    Die Forscher legten ihrer Studie die Annahme zugrunde, dass Menschen mit höherer Intelligenz im Allgemeinen offener für neue Erfahrungen sind. „Wir nahmen also an, dass Hochbegabte besser in der Lage sind, mit komplexen oder nuancierten Ideen umzugehen. Entsprechend lässt sich vermuten, dass begabtere Menschen starre politische Dogmen ablehnen“, sagt Maximilian Krolo. Ob sich diese gedankliche Flexibilität im Erwachsenenalter in konkreten politischen Ansichten niederschlägt, war eine der Kernfragen der Studie.

    Die Forscher baten dafür die Studienteilnehmer aus dem Marburger Hochbegabtenprojekt, sich auf einer Skala von links bis rechts politisch einzuordnen. Anschließend sollten sie einen differenzierten Fragebogen zur politischen Orientierung ausfüllen. Darin ging es um folgende vier Themenbereiche: Hinsichtlich des ökonomischen Libertarismus wurde zum Beispiel gefragt, ob man es als gerecht empfindet für Menschen aufkommen zu müssen, die nicht so viel leisten wie man selbst. „Mit Blick auf mögliche konservative Einstellungen wollten wir wissen, ob man die gemeinsame Kultur als wesentlichen Faktor betrachtet, der das Land zusammenhält. Beim Thema Sozialismus sollten sich die Probanden beispielsweise dazu äußern, ob sie Einkommensunterschiede als ungerecht empfänden, weil alle Menschen gleich seien“, erläutert Maximilian Krolo. Bei dem vierten Themenfeld, dem Liberalismus, sollten die Befragten etwa dazu Position beziehen, ob das Wichtigste für sie sei, ihr Leben so zu leben, wie sie möchten, solange sie niemandem schadeten.

    „Wir haben dann nach Unterschieden zwischen der Gruppe der Hochbegabten und der Gruppe der durchschnittlich Begabten geschaut und auch geschlechtsspezifische Differenzen analysiert. Bei der einfachen Links-Rechts-Skala zeigten die Ergebnisse keinen statistisch signifikanten Unterschied. Beide Gruppen neigten dazu, sich nahe der Mitte des Spektrums einzuordnen“, erläutert Krolo. Auch bei den Themenfeldern ökonomischer Libertarismus, Sozialismus und Liberalismus zeigte die Analyse keinen statistisch nachweisbaren Unterschied zwischen den Gruppen, auch unabhängig vom Geschlecht. „Eine besonders hohe Intelligenz scheint die Menschen weder in Richtung dieser spezifischen politischen Orientierungen zu lenken noch diese davon abzuhalten“, so Krolo.

    Einen deutlichen Unterschied stellte das Forscherteam jedoch bei den Antworten zum Konservatismus fest. „Hier zeigte sich, dass die Gruppe der durchschnittlich begabten Männer dazu neigte, Werte zu befürworten, die mit Tradition und strenger sozialer Ordnung verbunden sind. Die Männer mit hohem Intelligenzquotienten vertraten diese traditionellen konservativen Ansichten seltener“, fasst Maximilian Krolo die Ergebnisse zusammen. Bei den in der Studie befragten Frauen ließen sich diese Unterschiede hingegen nicht feststellen. „Gerade in Zeiten, in denen populistische Bewegungen, links wie rechts, in Deutschland und Europa an Zulauf gewinnen und die politische Polarisierung zunimmt, ist es wichtig, solche Zusammenhänge empirisch zu untersuchen – statt diese lediglich zu vermuten. Unsere Daten liefern dafür eine belastbare Grundlage, denn es wurden erstmals die politischen Orientierungen hochbegabter Erwachsener betrachtet“, unterstreicht Maximilian Krolo.

    Bisherige Studien - auch im Rahmen des Marburger Hochbegabtenprojekts – zeigen, dass Hochbegabte durch ihre besseren schulischen und beruflichen Leistungen oft Vorteile haben. Bei Themengebieten, die weniger mit Leistung zu tun haben, finden sich hingegen meist keine Unterschiede zu durchschnittlich begabten Menschen. „Da Hochbegabte häufig einflussreiche Positionen innehaben, ist es von Interesse zu verstehen, welchen Blick diese auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft haben. Mit ihren Ideen und differenzierten Sichtweisen können sie eine Gesellschaft voranbringen“, sagt Professor Jörn Sparfeldt, der seit drei Jahren das Marburger Hochbegabtenprojekt wissenschaftlich leitet. Die aktuelle Studie habe gezeigt, dass hohe Intelligenz nicht – wie man vermuten könnte - zu radikalen politischen Positionen führe, sondern dass hochbegabte Erwachsene zumeist politisch im Mittel ebenso vielfältig und moderat sind wie der Rest der Bevölkerung. „Hier gibt es aber noch weiteren Forschungsbedarf, etwa zu der Frage, ob sich die konservativeren Einstellungen auch im politischen Handeln niederschlagen“, sagt Jörn Sparfeldt.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Maximilian Krolo, M.Sc.
    Wissenschaftlicher Mitarbeiter
    Lehrstuhl für Diagnostik, Beratung, Intervention
    Tel: 0681 302-3534
    Mail: maximilian.krolo@uni-saarland.de

    Prof. Dr. Jörn Sparfeldt
    Lehrstuhl für Diagnostik, Beratung, Intervention
    Tel.: 0681 302-57490
    j.sparfeldt@mx.uni-saarland.de


    Originalpublikation:

    Maximilian Krolo, Jörn R. Sparfeldt und Detlef H. Rost: Exploring exceptional minds: Political orientations of gifted adults, erschienen in dem Fachmagazin „Intelligence“
    https://doi.org/10.1016/j.intell.2025.101986


    Bilder

    Maximilian Krolo ist Erstautor der Studie zur politischen Orientierung von Hochbegabten.
    Maximilian Krolo ist Erstautor der Studie zur politischen Orientierung von Hochbegabten.
    Quelle: James Zabel
    Copyright: Universität des Saarlandes

    Jörn Sparfeldt, Professor für Diagnostik, Beratung, Intervention der Universität des Saarlandes
    Jörn Sparfeldt, Professor für Diagnostik, Beratung, Intervention der Universität des Saarlandes
    Quelle: Lukas Wilms
    Copyright: Universität des Saarlandes


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Gesellschaft, Pädagogik / Bildung, Politik, Psychologie, Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).