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14.04.2026 10:18

Scharfer Blick in heißes Plasma: Forschungsteam zeigt auf, wie Kupferatome ihre Elektronen verlieren

Simon Schmitt Kommunikation und Medien
Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf

    Treffen Laserblitze auf Materie, werden Elektronen aus ihren Bahnen rund um die Atomkerne gestoßen. Dabei können extrem heiße Plasmen aus geladenen Teilchen – Ionen und Elektronen – entstehen. Forscher*innen vom HZDR beobachteten diesen Prozess der Ionisation nun so genau wie nie zuvor, wie sie im Fachjournal Nature Communications berichten. Dazu kombinierten sie zwei Laser der Extraklasse: den Freie-Elektronen-Röntgenlaser am European XFEL und den optischen Hochintensitäts-Laser ReLaX der HED-HiBEF-Experimentierstation in Schenefeld bei Hamburg. Ihre Ergebnisse liefern nicht nur grundlegende Erkenntnisse über die Wechselwirkung von Hochenergielasern und Materie unter extremen Bedingungen.

    Eine Ionisation verläuft extrem schnell – im Pikosekunden-Bereich, innerhalb weniger billionstel Sekunden. Um diesen Prozess im Detail verfolgen zu können, müssen die Laserblitze noch deutlich kürzer sein. „Genau diese Bedingungen bieten uns die beiden Laser mit Pulsdauern von nur 25 und 30 Femtosekunden – also billiardstel Sekunden“, erklärt Dr. Lingen Huang, Leiter der Experimente in der HZDR-Abteilung „Hoch-Energiedichte“.

    Zunächst trifft ein extrem intensiver optischer Lichtblitz auf einen filigranen Kupferdraht, der nur etwa ein Siebtel so dick ist wie ein menschliches Haar. Die Intensität des Pulses beträgt dabei rund 250 Billionen Megawatt pro Quadratzentimeter – konzentriert auf eine winzige Fläche und für extrem kurze Zeit. Solche Werte werden sonst nur unter außergewöhnlichen Bedingungen erreicht, etwa in extremen astrophysikalischen Umgebungen wie der unmittelbaren Nähe von Neutronensternen oder bei Gammastrahlenausbrüchen.

    Der Draht verdampft schlagartig, und es entsteht ein mehrere Millionen Grad heißes Plasma. Dabei verlieren die Kupferatome viele ihrer Elektronen – sie werden gleich mehrfach ionisiert. Auf den sogenannten Pump-Puls, der das Plasma erzeugt, folgt in kurzen, variablen Zeitabständen ein zweiter Lichtblitz, der Probe-Puls. Dieser ist ein extrem brillanter Blitz im harten Röntgenspektrum, erzeugt vom European XFEL. Dessen Interaktion mit dem Plasma wird von einem Detektor aufgezeichnet. Wie bei einer Fotokamera entstehen so Momentaufnahmen des Prozesses. Mit diesem Pump-Probe-Verfahren, bei dem ein erster Puls einen Prozess auslöst und ein zweiter ihn zeitaufgelöst „abfragt“, können die Forschenden die Dynamik im Plasma Schritt für Schritt verfolgen.

    Die Energie der Röntgenpulse ist dabei exakt so eingestellt, dass sie bevorzugt von Cu²²⁺-Ionen absorbiert wird – also von Kupferatomen, denen 22 Elektronen fehlen. Die Photonenenergie von 8,2 Kiloelektronenvolt passt dabei genau zu einem spezifischen elektronischen Übergang in diesen Ionen. Physiker*innen sprechen von resonanter Absorption.

    Nach der Absorption senden die Kupferionen ihrerseits eine charakteristische Röntgenstrahlung aus. „In unserem Pump-Probe-Experiment messen wir genau die zeitliche Entwicklung dieser stimulierten Röntgenemission“, sagt Huang. „Denn sie zeigt uns, wie viele Cu²²⁺-Ionen zu jedem Zeitpunkt im Plasma vorhanden sind.“

    Auf Laserpulse folgen heizende Elektronenwellen

    Das Ergebnis zeigt eine ausgeprägte Zeitstruktur des Prozesses: Unmittelbar nachdem der Laser auf den Kupferdraht trifft, bilden sich die ersten Cu²²⁺-Ionen. Ihre Zahl steigt rasch an und erreicht nach etwa zweieinhalb Pikosekunden ein Maximum. Anschließend nimmt die Ionenzahl infolge von Rekombinationsprozessen wieder ab. Bereits nach rund zehn Pikosekunden sind keine Cu²²⁺-Ionen mehr nachweisbar. „So genau hat noch niemand zuvor auf diese Art von Ionisation geschaut“, sagt Prof. Tom Cowan, ehemaliger Direktor des Instituts für Strahlenphysik am HZDR.

    Gestützt von ausgeklügelten Simulationen am Computer kennen die Physiker*innen um Cowan und Huang auch die Gründe für diesen Verlauf der Ionisation. So wirkt der erste intensive Laserpuls als Trigger und entreißt den Kupferatomen nur wenige Elektronen. „Diese sind so energiereich, dass sie sich wie eine Welle ausbreiten und immer mehr Elektronen aus benachbarten Kupferatomen herausschlagen“, erläutert Cowan. Doch nach und nach geht den Elektronen quasi die Puste aus. Sie werden wieder von den Kupferionen eingefangen. Am Ende dieser Rekombination liegen schließlich wieder neutrale Kupferatome vor.

    „Dieses Experiment zeigt die Leistungsfähigkeit unserer Laser und ebnet darüber hinaus den Weg für zukünftige Laserfusionsanlagen“, resümiert Dr. Ulf Zastrau, am European XFEL verantwortlich für die HED-HiBEF-Experimentierstation. Denn auch die Laserfusion basiert auf extrem heißen Plasmen, die durch Laser und die darauffolgenden Elektronenwellen aufgeheizt werden. „Dank der neuen konkreten Ergebnisse lassen sich vor allem die Simulationen dieser Prozesse weiter verfeinern“, erklärt Zastrau. Diese sind wesentlich, um einen Laserfusionsreaktor präzise planen zu können.

    Publikation:
    L. Huang et al.: Probing ultrafast heating and ionization dynamics in solid density plasmas with time-resolved resonant X-ray absorption and emission, Nature Communications, 2026. (DOI: 10.1038/s41467-026-71429-5)

    Weitere Informationen:
    Dr. Lingen Huang
    Institut für Strahlenphysik am HZDR
    Tel.: +49 351 260 2231 | E-Mail: lingen.huang@hzdr.de

    Medienkontakt:
    Simon Schmitt | Leitung und Pressesprecher
    Abteilung Kommunikation und Medien am HZDR
    Tel.: +49 351 260 3400 | Mobil: +49 175 874 2865 | E-Mail: s.schmitt@hzdr.de

    Dr. Bernd Ebeling | Gruppenleiter und Pressesprecher
    Abteilung Kommunikation am European XFEL
    Tel.: +49 40 8998 6921 | E-Mail: bernd.ebeling@xfel.eu

    Das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) forscht auf den Gebieten Energie, Gesundheit und Materie. Folgende Fragestellungen stehen hierbei im Fokus:
    • Wie nutzt man Energie und Ressourcen effizient, sicher und nachhaltig?
    • Wie können Krebserkrankungen besser visualisiert, charakterisiert und wirksam behandelt werden?
    • Wie verhalten sich Materie und Materialien unter dem Einfluss hoher Felder und in kleinsten Dimensionen?

    Das HZDR entwickelt und betreibt große Infrastrukturen, die auch von externen Messgästen genutzt werden: Ionenstrahlzentrum, Hochfeld-Magnetlabor Dresden und ELBE-Zentrum für Hochleistungs-Strahlenquellen.
    Es ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, hat sechs Standorte (Dresden, Freiberg, Görlitz, Grenoble, Leipzig, Schenefeld bei Hamburg) und beschäftigt fast 1.500 Mitarbeiter*innen – davon etwa 700 Wissenschaftler*innen inklusive 200 Doktorand*innen.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Lingen Huang
    Institut für Strahlenphysik am HZDR
    Tel.: +49 351 260 2231 | E-Mail: lingen.huang@hzdr.de


    Originalpublikation:

    L. Huang et al.: Probing ultrafast heating and ionization dynamics in solid density plasmas with time-resolved resonant X-ray absorption and emission, Nature Communications, 2026. (DOI: 10.1038/s41467-026-71429-5)


    Weitere Informationen:

    https://www.hzdr.de/presse/probing_hot_plasma


    Bilder

    Im Experiment wurde die XFEL-Photonenenergie gezielt so eingestellt, dass sie einer bestimmten elektronischen Übergangsenergie in hochgeladenen Kupferionen entspricht
    Im Experiment wurde die XFEL-Photonenenergie gezielt so eingestellt, dass sie einer bestimmten elekt ...
    Quelle: B. Schröder
    Copyright: B. Schröder/HZDR


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Chemie, Energie, Physik / Astronomie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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