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Wissenschaft
Keramische Materialien sind wahre Alleskönner und kommen in zahlreichen Bereichen zum Einsatz, sei es in der Medizin, im Maschinenbau oder in der Elektronik. Um sie weiter zu verbessern und ihre Eigenschaften gezielt zu steuern, schauen sich Empa-Forschende nicht nur die Ausgangsmaterialien und die Herstellungsprozesse genau an – sondern auch ihre mikroskopische Struktur. In einem SNF-Forschungsprojekt untersuchen sie die sogenannten Korngrenzen.
Wer schon einmal getöpfert hat, kennt den Prozess. Man nehme Ton oder Lehm – eine Mischung aus feinsten mineralischen Partikeln mit Wasser – und forme es zu einem noch rohen Grünkörper. Der Grünkörper wird getrocknet und dann bei hohen Temperaturen gebrannt. Was noch formbar und brüchig in den Ofen ging, kommt hart und widerstandsfähig heraus. Man erhält eine Keramik.
Ähnliche Prozessschritte, wie Künstler und Handwerkerinnen für Töpfe und Geschirr anwenden, kommen auch bei der Herstellung von technischer Keramik zum Einsatz. Auch hier wird ein Grünkörper aus feinen Partikeln – den Körnern – geformt. Wird der Grünkörper gebrannt, in der Fachsprache gesintert, fügen sich die Körner zu einem durchgehenden Material zusammen.
Steht bei der Alltagskeramik die Ästhetik im Vordergrund, dreht sich bei technischer Keramik alles um die Materialeigenschaften. Jeder Prozessschritt wird präzise kontrolliert. Unterschiedliche Ausgangsmaterialien, Korngrössen und Sinterprozesse ermöglichen es Materialforschenden, massgeschneiderte Hochleistungskeramiken für alle möglichen Anwendungen vom Maschinenbau bis hin zur Medizin zu entwickeln. «Es ist bereits gut verstanden, wie sich die Grösse und Dichte der Körner und die Art des Sinterverfahrens auf die Materialeigenschaften auswirken», sagt Empa-Forscher Michael Stuer, Gruppenleiter im Labor für Hochleistungskeramik. In einem vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützten Projekt richten Stuer und sein Team ihren Blick deshalb nicht auf die Körner, sondern dazwischen, auf die sogenannten Korngrenzen.
Obschon die einzelnen Körner in der gesinterten Keramik sich nicht mehr voneinander trennen lassen, bleiben sie im Material bestehen: mikroskopische kristalline «Stückchen», die dicht aneinander liegen. Überall, wo zwei Körner aufeinandertreffen, entsteht eine Grenzfläche. Da sich die Korngrenzen physikalisch und chemisch von den Körnern selbst unterscheiden, sind sie für die Materialwissenschaft besonders interessant. Sie können etwa Defekte begünstigen oder aber wünschenswerte Eigenschaften hervorbringen.
Unbegrenzte Möglichkeiten
Die Erforschung der Korngrenzen in polykristalliner Keramik ist eine noch junge Disziplin. Mit Grössen im Nanometerbereich und umschlossen von den eigentlichen Körnern, lassen sie sich nur schwer vermessen und charakterisieren. «Früher hat man Bikristalle hergestellt und untersucht, also nur zwei Körner aneinander», erklärt Stuer. «Wir wollen nun schauen, inwiefern sich die Erkenntnisse aus diesen Grundlagenstudien auf polykristalline Materialien anwenden lassen, wie sie in der echten Welt zum Einsatz kommen.»
Das Forschungsprojekt ist ambitioniert. Alleine schon die Geometrie der Korngrenzen ist komplex: Je nach dem, wie die Körner räumlich zueinanderstehen, entstehen unterschiedliche Arten von Grenzflächen. Zudem können Korngrenzen diverse chemische und strukturelle Beschaffenheiten haben. «Es gibt nahezu unbegrenzte Möglichkeiten», sagt Empa-Forscherin Annalena Erlacher.
Um in diese Vielfalt eine systematische Ordnung reinzubringen, arbeitet Erlacher mit Aluminiumoxid. Keramiken auf der Basis dieses Minerals sind sehr verbreitet und äusserst gut untersucht. Das erlaubt den Forschenden, sich auf die noch wenig bekannten Einflüsse der Korngrenzflächen zu fokussieren. In Zukunft können ihre Erkenntnisse auch auf andere Keramiken übertragen werden. «Wir wollen eine Korngrenzentechnik entwickeln: Ein Werkzeug, mit dem man die Materialeigenschaften der Keramik steuern kann», sagt Stuer.
Zu diesem Zweck untersucht Erlacher zunächst, wie sich eine gezielte Dotierung mit Seltenen Erden auf die Korngrenzen auswirkt. Danach will sie unterschiedliche Partikelgrössen unter die Lupe nehmen sowie den Einfluss von Druck beim Sintern besser verstehen. Ausserdem wollen die Empa-Forschenden Kollaborationen auf dem jungen Gebiet aufbauen, um der technischen Keramik mit der Korngrenzentechnik zu neuen Höhen zu verhelfen. «Durch eine gezielte Manipulation der Korngrenzen könnte man etwa die mechanischen und die optischen Eigenschaften von Keramik kontrollieren», so Stuer. Allein mit dem Aluminiumoxid wären damit neue oder verbesserte Anwendungen in der Optik, der Mikroelektronik und der Medizin möglich.
Dr. Michael Stuer
High Performance Ceramics
Tel. +41 58 765 41 83
michael.stuer@empa.ch
Annalena Erlacher
High Performance Ceramics
Tel. +41 58 765 46 06
annalena.erlacher@empa.ch
https://www.empa.ch/web/s604/hochleistungskeramik-dank-verbesserter-korngrenzfla... Pressemitteilung
Die Empa-Forscherin Annalena Erlacher will die Mikrostruktur von Keramiken besser verstehen.
Copyright: Empa
Jede Farbe in dieser mittels Elektronenrückstreubeugung erstellten Abbildung entspricht einer andere ...
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Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler
Werkstoffwissenschaften
überregional
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Deutsch

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