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23.04.2026 09:28

Ostdeutsch, weiblich, pro Umverteilung, contra Migration – neue WSI-Studie durchleuchtet BSW-Elektorat

Rainer Jung Abt. Öffentlichkeitsarbeit
Hans-Böckler-Stiftung

    Auswertung der Nachwahlbefragung zur Bundestagswahl

    Ostdeutsch, weiblich, pro Umverteilung, contra Migration – neue WSI-Studie durchleuchtet BSW-Elektorat

    Ostdeutsch, eher weiblich, eher niedrigeres Einkommen – so sah das Profil der Erwerbspersonen aus, die das BSW bei der Bundestagswahl 2025 gewählt haben. BSW-Wähler*innen machen sich zudem große Sorgen um die Zukunft, aber relativ wenige um den Klimawandel, sie haben generell ein geringes Vertrauen in Politik und Medien.

    Viele von ihnen verbinden „linke“ wirtschafts- und sozialpolitische Präferenzen mit konservativen gesellschaftspolitischen Einstellungen wie z.B. Ablehnung von Migration. Zu diesen Ergebnissen kommt eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.*

    Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) trat bei seiner Gründung im Januar 2024 mit dem Anspruch an, eine Leerstelle im deutschen Parteiensystem zu füllen. Mit einem Mix aus linken wirtschafts- und sozialpolitischen Positionen sowie rechten Forderungen nach einer Begrenzung von Einwanderung konnte die Partei zunächst einige Erfolge erzielen. Bei der Bundestagswahl 2025 scheiterte sie jedoch knapp an der Fünfprozenthürde. Aktuell befindet sie sich in einer Phase der Neuausrichtung. Dazu zählt auch die Umbenennung in „Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft”, die im Oktober dieses Jahres erfolgen soll. Wer sind die Menschen, die bei der vergangenen Bundestagswahl für das BSW gestimmt haben, was sind ihre Einstellungen und von welchen Parteien sind sie gewechselt? Diese Fragen haben Dr. Helge Emmler und Dr. Daniel Seikel vom WSI auf Basis von Nachwahlbefragungen im Rahmen der WSI-Erwerbspersonenbefragung untersucht. Die Befunde beziehen sich also auf wahlberechtigte Erwerbstätige oder Arbeitsuchende – Gruppen wie Rentner*innen oder Studierende werden dabei weitgehend nicht berücksichtigt.

    Bei der Bundestagswahl 2025 wurde das BSW laut WSI-Befragung überdurchschnittlich häufig von Frauen sowie in Ostdeutschland gewählt. Während der Frauenanteil im BSW-Elektorat bei 53,6 Prozent lag, betrug er bei den anderen Parteien (inklusive AfD und „Sonstige“) im Durchschnitt 44,5 Prozent – der im Vergleich zur gesamten Wahlbevölkerung geringere Frauenanteil ist darauf zurückzuführen, dass sich in der Stichprobe der Erwerbspersonen etwas mehr Männer als Frauen befinden. Der Anteil der Wähler*innen aus Ostdeutschland betrug beim BSW 28,1 Prozent und war damit mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnittswert der anderen Parteien. Zudem war die BSW-Wählerschaft eher etwas älter als der Durchschnitt der Wähler*innen anderer Parteien.

    Personen mit mittlerem Schulabschluss waren beim BSW mit 43,1 Prozent häufiger vertreten, bei den anderen Parteien betrug ihr Anteil 31 Prozent. In etwa umgekehrt sah es beim Anteil der Befragten mit Abitur aus. BSW-Wähler*innen verfügten über vergleichsweise geringe Einkommen. So verfügten 41 Prozent von ihnen über weniger als 2.000 Euro netto im Monat. Bei den anderen Parteien machte diese Gruppe 33,8 Prozent der Wähler*innenschaft aus. Nur 16,8 Prozent der BSW-Wähler*innen verfügten hingegen über mehr als 3.000 Euro, bei den anderen Parteien waren es 29 Prozent.

    Betrachtet man die Zusammensetzung der Wähler*innenschaft nach Berufsgruppen, so fällt auf, dass Spezialist*innen aus technischen Berufen, beispielsweise aus den Bereichen Ingenieurwesen, Informatik oder Elektrotechnik, beim BSW schwächer vertreten waren. Ebenfalls unterrepräsentiert waren Facharbeiter*innen, Handwerker*innen, Ungelernte sowie Manager*innen. Überdurchschnittlich häufig vertreten waren hingegen Bürokräfte und Personen aus Dienstleistungsberufen, beispielsweise Verkäufer*innen, Beschäftigte in der Gastronomie, Sicherheitskräfte und Pflegekräfte.

    -Mehr Sorgen um Inflation als um Klima-

    Die Wähler*innenschaft des BSW war besorgter als der Durchschnitt der Wähler*innen anderer Parteien. 53,1 Prozent machten sich große Sorgen wegen steigender Preise, 45,1 Prozent um die Alterssicherung und rund ein Drittel um den eigenen Lebensstandard. Bei den anderen Parteien waren es 43,5 Prozent, 33,9 Prozent beziehungsweise 27,2 Prozent. Auch die Furcht vor einer Ausweitung des Ukrainekriegs und des Nahostkonflikts war unter den Wähler*innen des BSW überdurchschnittlich ausgeprägt. Die Folgen des Klimawandels bereiteten hingegen nur 19,6 Prozent der BSW-Wählenden große Sorgen, aber 33,2 Prozent der Anhänger*innen anderer Parteien.

    Das Vertrauen in Institutionen fiel unter BSW-Wählenden gering aus: Wenig oder überhaupt kein Vertrauen in die Bundesregierung hatten 67,6 Prozent, bei den Wähler*innen der anderen Parteien lag dieser Wert im Durchschnitt bei 44,7 Prozent. Auch die öffentlich-rechtlichen Medien kamen bei Anhänger*innen des BSW deutlich schlechter weg als im Durchschnitt. Nur bei den Wähler*innen der AfD war das Misstrauen insgesamt noch größer.

    Die Forscher konnten auch typische Einstellungen der Wähler*innen des BSW identifizieren: Demnach kombinierten sehr viele von ihnen linke wirtschafts- und sozialpolitische Präferenzen, etwa die Forderung nach stärkerer Umverteilung, mit konservativen gesellschaftspolitischen Einstellungen. Ähnlich wie bei rechtspopulistischen Parteien lehnten BSW-Wähler*innen mehrheitlich Einwanderung, die europäische Integration und den Klimaschutz ab. In der Regel befürworteten sie jedoch Eheschließungen zwischen gleichgeschlechtlichen Partner*innen.

    In ihrer Analyse verweisen Emmler und Seikel auf frühere Studien, die einige Überschneidungen, aber auch merkliche Unterschiede zwischen dem BSW und der AfD herausgearbeitet haben. Demnach ziehen sowohl die AfD als auch das BSW Wähler*innen an, die Migration und Waffenlieferungen an die Ukraine kritisch sehen. Sie unterscheiden sich jedoch erheblich in ihren sozialpolitischen Vorstellungen. So befürworten Wähler*innen des BSW im Gegensatz zu denen der AfD häufiger Umverteilungsmaßnahmen. Wähler*innen und Wähler der AfD sind hingegen noch deutlich migrationskritischer als diejenigen, die das BSW wählen.

    -Auch linke Parteien haben bei der Bundestagswahl ans BSW verloren-

    Da das BSW zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl angetreten ist, stellt sich die Frage, von welchen Parteien es Wähler*innen abgeworben hat. Laut WSI-Erwerbspersonenbefragung stimmten 16,6 Prozent von denen, die bei der Bundestagswahl 2021 noch die Linke gewählt hatten, 2025 für das BSW. Hinzu kamen 5,5 Prozent der ehemaligen SPD-Anhänger*innen. Von der FDP wanderten 4,5 Prozent und von der AfD 4,1 Prozent zum BSW ab. Mit nur 2,2 beziehungsweise 1,3 Prozent verloren Union und Grüne nur einen kleinen Teil. „Zwar hat das BSW die AfD mehr Wählerstimmen gekostet als die meisten anderen Parteien, insgesamt verloren aber linke Parteien mehr Wähler*innen an das BSW als rechte Parteien“, schreiben Emmler und Seikel.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Daniel Seikel
    WSI-Experte für europäische Politik
    Tel.: 0211-7778-632
    E-Mail: Daniel-Seikel@boeckler.de

    Dr. Helge Emmler
    WSI-Experte für Daten und Befragungen
    Tel.: 0211-7778-603
    E-Mail: Helge-Emmler@boeckler.de

    Rainer Jung
    Leiter Pressestelle
    Tel.: 0211-7778-150
    E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de


    Originalpublikation:

    *Helge Emmler, Daniel Seikel: Die Wählerschaft des BSW bei der Bundestagswahl 2025, Befunde aus der WSI-Nachwahlbefragung, WSI Report Nr. 112, April 2026. Download: https://www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?produkt=HBS-009382


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Gesellschaft, Politik, Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

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