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23.04.2026 14:10

KI-Assistent erkennt Desinformation auf Deutsch, Russisch und Türkisch

Johanna Häs Communications
FZI Forschungszentrum Informatik

    Deutschland ist eine mehrsprachige Gesellschaft – doch bislang konzentriert sich die Analyse von Desinformation fast ausschließlich auf Deutsch. Ein interdisziplinäres Team aus Forschung, Journalismus und Zivilgesellschaft entwickelt im Projekt kuKI einen KI-Assistenten, der Desinformation erstmals auf Deutsch, Russisch und Türkisch erkennt, einordnet und Gegenmaßnahmen unterstützt.

    Manipulative Informationskampagnen richten sich gezielt an Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen kulturellen Prägungen und bedienen sich häufig der jeweiligen Herkunftssprache. Während technische Lösungen und Medienkompetenz-Initiativen in den vergangenen Jahren voranschreiten, zeigen sich deutliche Grenzen: „Wir sehen, dass bestehende KI-Systeme Desinformation oft dort übersehen, wo sie kulturell codiert ist. kuKI schließt diese Lücke, indem wir Sprache, Kontext und gesellschaftliche Perspektiven zusammendenken“, so Dr. Jonas Fegert, Projektleiter am FZI Forschungszentrum Informatik.

    Ein prominentes Beispiel ist das propagandistische Narrativ der „Entnazifizierung“ im Kontext des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Es greift auf historische und kulturelle Bezüge zurück, die über ein rein deutsch- oder englischsprachiges Verständnis des Nationalsozialismus hinausgehen. Solche Narrative bleiben in gängigen KI-Systemen und selbst im Faktencheck häufig unbemerkt.

    Technologische Innovation: ein Sprachmodell, das kulturellen Kontext mitdenkt

    Im Zentrum des Projekts steht die Entwicklung eines kulturalisierungssensiblen Sprachmodells, das ohne westlichen Bias auskommt und kulturelle Nuancen versteht.

    „Sprachmodelle enthalten kulturelle Verzerrungen, weil ihre Trainingsdaten bestimmte Perspektiven stärker abbilden als andere. Durch kontextspezifisches Training steuern wir diese Verzerrungen bewusst und machen sie als analysierbaren Bias sichtbar. Das ist ein Vorteil gegenüber vielen gängigen Modellen, deren Datengrundlage nicht transparent ist“, erklärt Prof. Achim Rettinger von der Universität Trier den Ansatz. Dr. Isabel Bezzaoui von der Goethe-Universität Frankfurt am Main ergänzt, dass sich aktuelle Taxonomien zur Erkennung von Desinformation auf Mehrheitssprachen konzentrieren, insbesondere Englisch. „Bei der automatisierten Übertragung dieser Kommunikationsmuster und Analyse-Frameworks auf andere Sprachräume bleiben jedoch häufig sprachliche und kulturelle Nuancen unberücksichtigt – obwohl gerade diese für die Dynamik und Wirksamkeit von Desinformationskampagnen entscheidend sein können.“

    Integration in CeMAS-Monitoring und CORRECTIV.Faktenforum

    Im Rahmen des Projekts erweitert das gemeinnützige Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) sein Monitoringsystem um russisch- und türkischsprachige Telegram-, YouTube- und TikTok-Kanäle. „Unsere bisherigen Analysen zeigen, wie stark Desinformationsnetzwerke plattform- und sprachübergreifend agieren. Mit kuKI können wir diese Verflechtungen erstmals systematisch sichtbar machen – und zugleich narrative Muster über Sprachräume hinweg analysieren. So verstehen wir nicht nur, wer Desinformation verbreitet, sondern auch, wo und wie sie wirkt und sich an unterschiedliche kulturelle Kontexte anpasst“, so Josef Holnburger, Geschäftsführer des CeMAS.

    Das sichtbare Ergebnis des Vorhabens wird ein KI-Assistent sein, den das gemeinwohlorientierte Medienhaus CORRECTIV an das CORRECTIV.Faktenforum anschließt. CORRECTIV betreibt eine eigenständige Faktencheck-Redaktion. Mit dem CORRECTIV.Faktenforum bietet es zudem das erste Beteiligungsprojekt im deutschsprachigen Raum, das Menschen in den gesamten Faktencheck-Prozess einbindet. Bürger*innen können dort potenzielle Desinformationen einreichen, diskutieren und unter redaktioneller Anleitung von CORRECTIV recherchieren. Mithilfe der automatisierten Übersetzungsfunktion wird CORRECTIV den Austausch künftig auf Deutsch, Russisch und Türkisch ermöglichen.

    Damit sich der mehrsprachige Faktencheck durchsetzt, sind Vertreter*innen der russisch- und türkischsprachigen Community an der Weiterentwicklung beteiligt: „Mit dem CORRECTIV.Faktenforum binden wir Menschen aktiv in den Faktencheck-Prozess ein und bauen gleichzeitig einen strukturierten Datensatz aus Falschbehauptungen und Fakten auf. Diesen Ansatz übertragen wir nun in einen mehrsprachigen Kontext“, sagt Caroline Lindekamp, Direktorin Faktencheck bei CORRECTIV. „So können wir Narrative aus unterschiedlichen Sprachräumen früher sichtbar machen und systematisch analysieren. Das Projekt verbindet partizipative Ansätze mit journalistischen Standards und KI-gestützter Auswertung und schafft damit eine einzigartige Grundlage, um sprachübergreifend gegen Desinformation vorzugehen.“

    Open Science für nachhaltige Wirkung

    Die Projektpartner dokumentieren die Methodik im Sinne eines Open-Science-Ansatzes und machen sie – wo möglich – zugänglich. So sollen die im Projekt entwickelten Methoden über den Verbund hinaus Wirkung erzielen können und perspektivisch auf weitere Sprachgruppen übertragen werden.

    Im Projekt werden erstmals Desinformationsdynamiken sprachübergreifend analysiert und gemeinsam mit den betroffenen Communitys bearbeitet. Damit schafft kuKI eine neue Grundlage, um Desinformation in einer zunehmend mehrsprachigen Gesellschaft wirksam zu erkennen – und trägt zu einer nachhaltigen Stärkung der demokratischen Öffentlichkeit bei.

    Über das Projekt

    Das Projekt “Kulturalisierungssensible KI-Assistenz für eine desinformationsresiliente multilinguale Gesellschaft” (kurz: kuKI) wird gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) von März 2026 bis Juni 2028 mit einer Summe von 3,18 Mio. Euro. Dr. Jonas Fegert, FZI, leitet das kuKI-Projekt, unterstützt von Cosima Pfannschmidt, FZI, als Projektkoordinatorin. Weitere Informationen zur neuen Fördermaßnahme „Desinformation − Erkennen. Verstehen. Abwehren.“ des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) finden Sie unter: https://www.forschung-it-sicherheit-kommunikationssysteme.de/service/aktuelles/a...

    Das Projektkonsortium

    FZI Forschungszentrum Informatik (Konsortialleitung)

    Das FZI Forschungszentrum Informatik mit Hauptsitz in Karlsruhe und Außenstelle in Berlin ist eine gemeinnützige Einrichtung für Informatik-Anwendungsforschung und Technologietransfer. Sie bringt die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse der Informationstechnologie in Unternehmen und öffentliche Einrichtungen und qualifiziert für eine akademische und wirtschaftliche Karriere oder den Sprung in die Selbstständigkeit. Betreut von Professor*innen verschiedener Fakultäten entwickeln die Forschungsgruppen am FZI interdisziplinär für ihre Auftraggeber Konzepte, Software-, Hardware- und Systemlösungen und setzen die gefundenen Lösungen prototypisch um. Mit dem FZI House of Living Labs steht eine einzigartige Forschungsumgebung für die Anwendungsforschung bereit. Mit dem House of Participation betreibt es unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Jonas Fegert ein Kompetenzzentrum für Digitale Demokratie. Das FZI ist Innovationspartner des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und strategischer Partner der Gesellschaft für Informatik (GI).

    Pressekontakt

    Frieda-Sophie Lammert, Communications
    FZI Forschungszentrum Informatik
    Haid-und-Neu-Str. 10-14, 76131 Karlsruhe
    Telefon: +49 721 9654-928
    E-Mail: presse@fzi.de
    Internet: www.fzi.de

    CeMAS – Center für Monitoring, Analyse & Strategie gGmbH

    CeMAS bündelt als gemeinnützige Organisation interdisziplinäre Expertise zu Themen wie Verschwörungsideologien, Desinformation, Antisemitismus und Rechtsextremismus. Durch systematisches Online-Monitoring und moderne Studiendesigns analysiert CeMAS aktuelle Entwicklungen, um daraus innovative Strategien abzuleiten.

    Weitere Informationen
    Gregor Bauer
    E-Mail: presse@cemas.io
    Internet: www.cemas.io

    CORRECTIV – Recherchen für die Gesellschaft gemeinnützige GmbH

    CORRECTIV ist ein gemeinwohlorientiertes Medienhaus, das mit den Mitteln des Journalismus, der Medienbildung und der Technologie die Demokratie stärkt. Als vielfach ausgezeichnete Redaktion steht CORRECTIV für investigativen Journalismus, löst öffentliche Debatten aus, arbeitet mit Bürgerinnen und Bürgern an Recherchen und fördert die Gesellschaft mit seinen Bildungsprogrammen.

    Weitere Informationen
    Caroline Lindekamp
    E-Mail: caroline.lindekamp@correctiv.org
    E-Mail: presse@correctiv.org
    Internet: www.correctiv.org

    Goethe-Universität Frankfurt am Main

    Prof. Dr. Galina Putjata
    E-Mail: presse@uni-frankfurt.de
    Internet: www.uni-frankfurt.de

    Universität Trier

    Prof. Dr. Achim Rettinger
    E-Mail: presse@uni-trier.de
    Internet: www.uni-trier.de


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Jonas Fegert, Projektleitung
    Telefon: +49 30 7017337-338
    E-Mail: fegert@fzi.de


    Weitere Informationen:

    https://www.fzi.de/2026/04/23/kuki-gegen-desinformation/ Presseinformation mit Fotos
    Interview mit Dr. Jonas Fegert bei der Konferenz "Desinformation Erkennen. Verstehen. Abwehren." des BMFTR am 16. März 2026 in Berlin


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Gesellschaft, Informationstechnik, Medien- und Kommunikationswissenschaften
    überregional
    Forschungsprojekte, Kooperationen
    Deutsch


     

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