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07.05.2026 11:07

Neue Erkenntnisse zum Gang des größten Menschen der Welt

Dr. Birgit Förg Referat Kommunikation
Universität Koblenz

    Mitglieder der Arbeitsgruppe Trainings- und Bewegungswissenschaft der Universität Koblenz sowie der London South Bank University waren kürzlich in der Channel-4-Dokumentation „The World’s Tallest Man: The Next Chapter“ zu sehen. Diese begleitet das Leben und die medizinische Untersuchung von Sultan Kösen, der laut Guinness World Records als größter lebender Mensch gilt. Seine Körperlänge beträgt 2,51 Meter.

    Im Rahmen der Dokumentation reiste Sultan Kösen für eine umfassende klinische und biomechanische Untersuchung nach London. Diese beinhaltete detaillierte Muskel- und Ganganalysen, durchgeführt von einem Forschungsteam unter der Leitung von Prof. Dr. Kiros Karamanidis vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Koblenz, gemeinsam mit Dr. Gaspar Epro und Mateus Albuquerque Placido von der London South Bank University. Unterstützt wurden sie durch Studierende der Sport- und Bewegungswissenschaften der London South Bank University.

    Bei der Muskel- und Ganganalyse in London wurden moderne experimentelle Methoden eingesetzt - optisches Motion-Capture, dynamometrische Verfahren sowie Ultraschalluntersuchungen -, um die muskuloskelettale Funktion der unteren Extremitäten detailliert zu untersuchen und zu analysieren, wie extreme Körpergröße und Anthropometrie, also die körperlichen Proportionen und Segmentlängen, die Gangmechanik beeinflussen.

    Die Analyse zeigte, dass die Gehprobleme und die erhöhte Sturzgefahr von Sultan Kösen nicht ausschließlich auf seine extreme Körpergröße zurückzuführen sind. Vielmehr stehen sie primär im Zusammenhang mit einer reduzierten Funktion des Sprunggelenks in Kombination mit langen Lastarmen, bedingt durch die Geometrie des Fußes: Kösens Fußlänge beträgt etwa 36,5 cm, er hat Schuhgröße UK 18 bis 19 bzw. EU 61.

    Die Muskelatrophie der Wadenmuskulatur sowie der reduzierte mechanische Vorteil für die Kraftentwicklung gegen den Boden führen sowohl zu einem verminderten Abstoß während der späten Standphase des Kontaktbeines im Sinne einer geringeren Push-off-Funktion, als auch zu einem reduzierten Anheben des Fußes des gegenüberliegenden Beines während der Schwungphase. Dadurch erhöhen sich die mechanischen Anforderungen an die Vorwärtsbewegung, was das Risiko von Fuß-Boden-Kollision und somit von Stürzen durch Stolperereignisse steigert.

    Zur Kompensation der eingeschränkten Sprunggelenksfunktion wurde eine verstärkte Beteiligung der Knie- und Hüftmuskulatur an der Vorwärtsbewegung während der Stand- und Schwungphase beobachtet. Diese Verschiebung der mechanischen Anforderungen von rumpfferneren zu rumpfnäheren Muskelgruppen kann jedoch die mechanische Belastung des inneren Gelenkbereich des Kniegelenks erhöhen, da veränderte Bodenreaktionskräfte – also die vom Boden auf den Körper wirkenden Gegenkräfte infolge der Interaktion zwischen Körper und Untergrund – zu größeren externen Drehmomenten in der Frontalebene führen.

    Dieser Mechanismus wurde von Karamanidis und seinem Team als möglicher Beitrag zu den chronischen Kniebeschwerden von Sultan Kösen identifiziert, wie sie auch häufig bei Personen mit eingeschränkter Sprunggelenksfunktion auftreten. Die Ergebnisse liefern klinisch relevante Erkenntnisse, die die Interpretation von Gangstörungen unterstützen und die Rehabilitationsplanung des medizinischen Teams von Sultan Kösen verbessern können.

    Insgesamt erkannte das Forschungsteam klare kompensatorische Bewegungsstrategien während des Gehens und liefert damit neue Erkenntnisse darüber, wie Kraftentwicklung und neuromuskuläre Kontrolle bei extremen Körperdimensionen reorganisiert werden. Dies stellt eine der detailliertesten kombinierten Muskel-Sehnen- und Ganganalysen bei einer Person mit solch extremen Körpermaßen dar und unterstreicht sowohl die wissenschaftliche Bedeutung als auch die klinische Relevanz der Untersuchung.

    Die Studie zeigt die Stärke des gemeinsamen Forschungsteams aus Koblenz und London in der Verbindung experimenteller Bewegungsanalysen mit klinisch relevanten Fragestellungen sowie dessen Beitrag zur Übertragung moderner biomechanischer Methoden in praxisnahe Anwendungsfelder.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Kiros Karamanidis
    Universität Koblenz
    Universitätsstraße 1
    56070 Koblenz

    Tel.: 0261 287 2431
    E-Mail: karamanidis@uni-koblenz.de


    Bilder

    Prof. Dr. Kiros Karamanidis (li.) beobachtet den Gang von Sultan Kösen.
    Prof. Dr. Kiros Karamanidis (li.) beobachtet den Gang von Sultan Kösen.
    Quelle: Mateus Albuquerque Placido
    Copyright: London South Bank University


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Sportwissenschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse, Kooperationen
    Deutsch


     

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