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08.05.2026 14:31

Sprachdokumentation in Nigeria: Grammatik und Wörterbuch für die Sprache Kam

Kristina Vaillant Kommunikation, Marketing und Veranstaltungsmanagement
Humboldt-Universität zu Berlin

    Nach zehn Jahren legt Dr. Jakob Lesage die bisher umfassendste Dokumentation einer Minderheiten-Sprache in Nigeria vor. Dafür setzte er auf die Partnerschaft mit der lokalen Gemeinschaft – ein Modell für die zukünftige Erforschung bedrohter Sprachen.

    Der afrikanische Kontinent bietet eine enorme Vielfalt an Sprachen – doch diese ist zunehmend in Gefahr. Immer mehr Sprachgemeinschaften, vor allem kleinere, geben im Zuge wirtschaftlicher und sozialer Transformation ihre Muttersprache zugunsten der Sprache größerer, einflussreicherer Volksgruppen auf. Kam wird aktuell nur von 8.000 bis 11.000 Menschen im Bundesstaat Taraba des westafrikanischen Staates Nigerias gesprochen und zählt daher zu den gefährdeten Sprachen.

    Dr. Jakob Lesage, Sprachwissenschaftler mit dem Schwerpunkt afrikanische Sprachen am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), hat die Sprache der Kam in den vergangenen zehn Jahren erforscht und dabei einen kollaborativen Ansatz entwickelt – in enger Zusammenarbeit mit Mitgliedern der Gemeinschaft, darunter Babangida Audu, Rahab Garba, Danjuma Bello und Gambo Musa.

    Bereits 2020 veröffentlichte Lesage ein Buch, das die Grammatik der Sprache beschreibt - eine der ersten umfassenden grammatischen Beschreibungen einer Sprache des nigerianischen Bundesstaats Taraba, 2021 folgte ein Wörterbuch. In mehr als 300 Audio- und Videoaufnahmen (insgesamt 55 Stunden Material) haben er und seine Partner*innen vor Ort außerdem die Sprache, die Geschichten, landwirtschaftliche Praktiken, die Historie und das tägliche Leben der Kam-Gemeinschaft aufgezeichnet. Sämtliche Materialien sind über das Archiv des Endangered Languages Programme, ein Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, abrufbar. Darüber hinaus ist seit diesem Jahr eine Website des Dokumentationsteams zur Kam-Sprache und -Gemeinschaft online. Zum Abschluss des Projekts versammelten sich am 31. März 2026 etwa 500 Gemeindemitglieder, lokale Würdenträger*innen, Partner*innen und Forschende in dem Kam-Dorf Sarkin Dawa, um den Abschluss des Dokumentationsprojekts zu feiern.

    Sonderrolle der Sprache Kam in der Niger-Kongo-Sprachfamilie

    Kam, auch bekannt als Nyingwom, ist eine von etwa 1500 Sprachen der Niger-Kongo-Sprachfamilie, zu der auch das in ganz Ostafrika verbreitete Swahili zählt. Zu den Besonderheiten dieser Sprache gehört unter anderem, dass das Futur durch eine Wiederholung des Verbs gebildet wird (z.B. anstatt „Ich werde Erdnüsse essen“: „Ich esse Erdnüsse essen“, in Kam: ń kím gùshì kīmī). Lesage hat im Rahmen seiner Forschung die Sprache Kam erstmals mit den anderen Sprachen der Niger-Kongo-Sprachfamilie verglichen und konnte anhand der Beschreibung ihrer Eigenschaften zeigen, dass sie innerhalb der Sprachfamilie eine besondere Stellung einnimmt. „Sie steht innerhalb der Niger-Kongo-Sprachfamilie ziemlich isoliert da. Das ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass Kam ursprünglich einer Subgruppe von Sprachen innerhalb der Sprachfamilie zuzurechnen war, die jedoch inzwischen verloren gegangen sind“, so Lesage.

    Lesage kam erstmals 2016 als Doktorand des französischen Institut National des Langue et Civilisations Orientale (INALCO) nach Sarkin Dawa und andere Dörfer im Nordosten Nigerias, in denen die Kam leben. Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Studie des Sprachforschers zu einer von der lokalen Gemeinschaft getragenen Initiative, in der Angehörige der Kam-Gemeinschaft selbst zu Dokumentarist*innen ihrer Sprache und Traditionen wurden. 2021 – in dem Jahr wechselte Lesage als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an die HU – begann er, gemeinsam mit Elisha Yunana, einem Sprachlehrer und Dokumentaristen aus einer benachbarten Gemeinde, ein Team von Frauen und Männern darin zu schulen, Angehörige ihrer Gemeinschaft beim Sprechen per Video und Audio aufzunehmen und das gesprochene Wort zu transkribieren. Seither wurden 14 Dokumentarist*innen ausgebildet. „Das Ziel war immer, etwas Dauerhaftes zu hinterlassen: Fähigkeiten, Ressourcen und eine Dokumentation, die dem Volk der Kam gehören und die als Grundlage für zukünftige Arbeiten dienen kann“, sagt Jakob Lesage.

    Ein Modell für die zukünftige Erforschung bedrohter Sprachen

    Eigentlich aus der Not geboren – nach Ausbruch der COVID-19-Pandemie waren Reisen nach Nigeria nicht möglich – entwickelte Lesage diesen dezentralen Ansatz weiter. Aufgaben wie die Verteilung von Ausrüstung, Schulungen und Verantwortung für Aufnahmen wurde lokalen Netzwerken innerhalb der Gemeinschaft übertragen. „Dieser Ansatz erwies sich nicht nur als krisenfest, sondern auch als fruchtbar“, sagt Lesage. „Das Projekt brachte in der späteren, von der Gemeinschaft geleiteten Phase mehr und reichhaltigeres Material hervor als in der früheren, von Forschern geleiteten Phase.“ Für die Zukunft plant er, das Dokumentationsprojekt auf andere bedrohte Sprachen in der Region auszuweiten. Mit seinem Ansatz will er einerseits Übersetzungsprojekte und andere Initiativen der lokalen Gemeinschaften unterstützen und andererseits die Forschung in diesem sprachlich äußerst vielfältigen, aber wissenschaftlich unterrepräsentierten Teil der Welt fördern.

    „Wenn eine Sprache stirbt, verschwindet eine einzigartige Art und Weise, die Welt zu beschreiben – ihre Geschichten, ihr Wissen über die lokale Umgebung, ihre Geschichte und ein Teil der Identität der Menschen, die sie sprechen“, so Lesage. „Mit der geeigneten Methodik und einer echten Partnerschaft mit der lokalen Sprachgemeinschaft kann dieser Verlust verhindert werden.“


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Dr. Jakob Lesage
    Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der HU
    E-Mail: jakob.lesage@hu-berlin.de


    Originalpublikation:

    Link zur Grammatik der Sprache Kam https://theses.fr/2020INAL0008
    Link zum Wörterbuch für die Sprache Kam https://drive.google.com/file/d/1IJkRAg9iYtMqwnvwI--90aL2fFp6cS0J/view


    Weitere Informationen:

    https://Link zur Ton- und Videodokumentation auf der Website des Endangered Languages Archive (ELAR) http://hdl.handle.net/2196/00-0000-0000-0012-
    https://70DE-C
    https://Link zur Website des Dokumentationsteams zur Kam-Sprache und -Gemeinschaft https://sites.google.com/view/kam-nyi-ngwom/home


    Bilder

    Husseini Adamu erklärt, wie die Menschen der Kam-Gemeinschaft Sorghum anbauen. Dabei wird er von Danjuma Bello gefilmt, der zum Dokumentationsteam gehörte. Das Foto wurde am 1. September 2021 im Dorf Sarkin Dawa (Bundesstaat Taraba, Nigeria) aufgenommen.
    Husseini Adamu erklärt, wie die Menschen der Kam-Gemeinschaft Sorghum anbauen. Dabei wird er von Dan ...
    Quelle: Solomon Ahmadu
    Copyright: Solomon Ahmadu


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Sprache / Literatur
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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