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11.05.2026 14:10

Strategien für den resilienten Neuaufbau nach Flutkatastrophen: Forschungsverbund KAHR startet in die zweite Phase

Dr. Jutta Witte Stabsstelle Hochschulkommunikation
Universität Stuttgart

    Der überregionale und interdisziplinäre Forschungsverbund „Klima-Anpassung, Hochwasser, Resilienz“ (KAHR) hat bereits wichtige Anstöße für einen nachhaltigen und resilienten Wiederaufbau nach dem Hochwasser im Ahrtal und in Nordrhein-Westfalen gegeben. In der zweiten Förderphase KAHR2.0 wollen die Partner unter Koordination der Universität Stuttgart und der RWTH Aachen University diese Regionen weiter begleiten, bisherige Maßnahmen analysieren, Best Practices identifizieren und Strategien entwickeln, die Wiederaufbauprojekte europaweit nutzen können. Am 11. Mai fand dazu ein Pressegespräch zum Thema: „Nachhaltiger und resilienter Wiederaufbau nach Flutkatastrophen“ in Altenahr statt.

    Begleitforschung zum Wiederaufbau

    „Die immensen Zerstörungen im Ahrtal waren beim Projektstart überall sichtbar und es kam schnell die Frage auf, was wir anders machen müssen als bisher, wie wir Vorsorge und Resilienz in den Wieder- und Neuaufbau integrieren können“, sagt Prof. Jörn Birkmann, Koordinator von KAHR und Leiter des Instituts für Raumordnung und Entwicklungsplanung (IREUS) der Universität Stuttgart. Beim Hochwasser an der Ahr in Rheinland-Pfalz und an Erft, Inde, Vicht und Wupper in Nordrhein-Westfalen kamen im Juli 2021 mehr als 180 Menschen ums Leben. Die Flut zerstörte Straßen, Brücken und Tausende von Gebäuden und verursachte Schäden von über 30 Milliarden Euro. Der Forschungsverbund KAHR begleitet den Wieder- und Neuaufbau seit dem 1. November 2021.

    Ziel ist es, den betroffenen Kommunen wissenschaftliche Expertise bereitzustellen, um die notwendigen Maßnahmen mit Lösungen zur Klimaanpassung, zur risikobasierten Raumplanung und zum Hochwasserschutz zu verknüpfen. Ein wichtiger Schwerpunkt ist dabei der Schutz kritischer Infrastruktur – neben Schulen beispielsweise Krankenhäuser, Pflegeheime, Feuerwehrstationen oder Elektrizitätswerke. Dr. Silke Launert, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) erklärt zu dem vom BMFTR geförderten Forschungsverbund: „Mit unserer Förderung für KAHR2.0 führen wir als Forschungsministerium unsere Unterstützung für den Wiederaufbau nach dem Hochwasser im Ahrtal fort. Dabei setzen wir auf die Zusammenarbeit von Forschung und Verwaltung, von Bund, Ländern und Kommunen. Die Ergebnisse sollen über das Ahrtal hinaus auch anderen flutbetroffenen Regionen bei Wiederaufbau und Klimaresilienz zu Gute kommen.“

    Erste konkrete Wirkungen und Verbesserungen

    „Auch wenn es noch sehr viel zu tun gibt, hat KAHR in der ersten Projektphase schon konkrete Wirkungen entfaltet und Verbesserungen bewirkt, die die Fähigkeit der flutbetroffenen Regionen zur Bewältigung von Hochwasserereignissen dauerhaft erhöhen“, sagt Birkmann. Die „10 Empfehlungen für einen zukunftsgerichteten und klimaresilienten Wiederaufbau“, die der Verbund in der ersten Förderphase erarbeitet hat, wirken sich inzwischen direkt auf Entscheidungen über Wiederaufbauprojekte aus: So beschloss beispielsweise der Kreistag eine Schule für Kinder mit körperlichen und geistigen Behinderungen (Levana-Schule) aus dem Gefahrenbereich direkt an der Ahr weg zu verlegen. Die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler plant zudem eine Feuerwache zukünftig auf Stelzen zu bauen. Die zuständigen Landesministerien genehmigten aufgrund der KAHR-Empfehlungen in Teilen höhere Schutzstandards, die über die gesetzlich vorgeschriebenen Standards hinausgehen, wie zum Beispiel beim Wasserwerk Walporzheim.

    „Nachschlagewerk“ für praxisrelevantes Wissen

    Die bisherigen Erfahrungen und Erkenntnisse flossen zudem in ein „Nachschlagewerk“ für die Praxis ein. Die Publikation „Die Flutkatastrophe 2021: Vom Wiederaufbau zur Klimaresilienz“ zeigt das breit gefächerte Wissen des Verbunds – von Extremszenarien, Datenerhebung und Schadensanalyse über risikobasierte Raumplanung und technische Hochwasservorsorge bis zum Schutz kritischer Infrastruktur und bietet konkrete Empfehlungen für die Politik, das Hochwassermanagement und betroffene Bürger*innen. „Wichtige Befunde und Empfehlungen aus der KAHR-Forschung lassen sich in andere Regionen übertragen. Dies beinhaltet zum Beispiel die Notwendigkeit, Verklausung an Brücken in Hochwassergefahren- und Risikokarten zu berücksichtigen und Brücken hochwasserangepasst hinsichtlich ihrer Standfestigkeit und Wirkung als Abflusshindernis zu gestalten“, erklärt Prof. Holger Schüttrumpf, Ko-Sprecher des Verbunds und Direktor des Instituts für Wasserbau und Wasserwirtschaft (IWW) der RWTH Aachen University.

    Wirkungen, Potenziale und Hemmnisse analysieren

    Im Rahmen von KAHR2.0 wollen die Partner die Wirkung neuer Maßnahmen und der Wiederaufbauförderung für ausgewählte Teilbereiche der Region untersuchen sowie Potenziale gesetzlicher Änderungen und Probleme im noch andauernden Wiederaufbau ermitteln. In den nächsten drei Jahren will der Verbund hierzu unter anderem technische und natürliche Maßnahmen zur Hochwasservorsorge und deren Akzeptanz analysieren und aufzeigen, wie sich gesetzliche Änderungen im Baurecht und der Bundesraumordnungsplan Hochwasserschutz auf den Wiederaufbau konkret vor Ort auswirken. Die Wissenschaftler*innen wollen zudem prüfen, welche Hemmnisse einem klimaresilienten und schnellen Wieder- und Neuaufbau noch immer entgegenstehen und bei Wiederaufbauprojekten beraten, die erst jetzt in die konkrete Planung und Umsetzung kommen.

    Internationaler Austausch für europaweite Empfehlungen

    „Wir wollen den direkten Austausch zwischen Wissenschaftler*innen, Akteur*innen vor Ort mit ihren Erfahrungen und den politisch Verantwortlichen fördern. Denn es geht darum, gemeinsam für einen klimaresilienten Wieder- und Neuaufbau zu lernen – über das Ahrtal und die von der Flut im Jahr 2021 betroffenen Regionen hinaus“, sagt Birkmann. So will das Team auch Best Practices ermitteln und untersuchen, welche Schutz- und Anpassungsziele für flutbetroffene Regionen im Wiederaufbau generell sinnvoll und machbar sind.

    Zudem sollen vergleichende Analysen zwischen der Flutkatastrophe von 2021 im Ahrtal und dem infolge einer DANA-Wetterlage aufgetretenen Extremhochwasser 2024 in der Region um Valencia helfen, Empfehlungen für zukünftige Risiko- und Anpassungsstrategien auf europäischer Ebene zu erarbeiten. Erste Gespräche mit Forschenden aus der betroffenen Region und mit dem dortigen nationalen Forschungsministerium zeigen: Neben einem zügigen Wiederaufbau steht auch dort die Frage im Raum, welche Innovationen und Transformationen nach Katastrophen im Wieder- und Neuaufbau für mehr Hochwasser- und Klimaresilienz möglich sind.

    Über das Projekt KAHR

    Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), ehemals BMBF, förderte den Projektverbund Klima-Anpassung, Hochwasser, Resilienz (KAHR) vom 1. November 2021 bis 28. Februar 2025 im Rahmen des Programms Forschung für Nachhaltigkeit (FONA) mit rund fünf Millionen Euro. Das Folgeprojekt KAHR2.0 (Laufzeit: 1. April 2026 bis 31. März 2029) fördert das BMFTR mit weiteren rund 3,5 Millionen Euro. Unter Koordination der Universität Stuttgart und der RWTH Aachen University beteiligen sich insgesamt acht weitere Partner aus Universitäten, Helmholtz-Zentren, außeruniversitären Forschungsinstituten und der Verwaltungspraxis an dem Projekt. KAHR2.0 wird zudem von ausgewählten Landes- und Bundesministerien begleitet. Das Kick-Off für KAHR2.0 findet am 11. und 12. Mai 2026 in Bad Neuenahr-Ahrweiler statt.

    Zur Publikation

    Jörn Birkmann, Elena Maria-Klopries, Holger Schüttrumpf, Alessa Trüdinger, Stefanie Stenger-Wolf, Die Flutkatastrophe 2021: Vom Wiederaufbau zur Klimaresilienz, Springer Nature 2026. Die Publikation steht Open Access zur Verfügung. (https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-48688-4?as=webp)


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Jörn Birkmann (Projektkoordination, Sprecher des Verbunds), Universität Stuttgart, Institut für Raumordnung und Entwicklungsplanung, Tel.: +49 711 685-66332, E-Mail: joern.birkmann@ireus.uni-stuttgart.de

    Prof. Holger Schüttrumpf (Ko-Sprecher des Verbunds), RWTH Aachen University, Lehrstuhl und Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft (IWW), Tel.: +49 241 80-25262, E-Mail: schuettrumpf@iww.rwth-aachen.de


    Weitere Informationen:

    https://www.uni-stuttgart.de/universitaet/aktuelles/meldungen/Strategien-fuer-de...
    https://www.ireus.uni-stuttgart.de/
    https://hochwasser-kahr.de/index.php/de/
    https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-48688-4?as=webp


    Bilder

    Das Projekt KAHR entwickelt Strategien für Wiederaufbauprojekte nach Extremwetterereignissen, die europaweit genutzt werden können.
    Das Projekt KAHR entwickelt Strategien für Wiederaufbauprojekte nach Extremwetterereignissen, die eu ...
    Quelle: Hampel
    Copyright: Universität Stuttgart

    Prof. Jörn Birkmann erforscht, wie Städte und kritische Infrastrukturen resilienter gegenüber Extremereignissen werden können. Das Foto zeigt ihn an der Ahr – im Hintergrund noch flutgeschädigte Häuser.
    Prof. Jörn Birkmann erforscht, wie Städte und kritische Infrastrukturen resilienter gegenüber Extrem ...
    Quelle: Hampel
    Copyright: Universität Stuttgart


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Umwelt / Ökologie, Verkehr / Transport
    überregional
    Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
    Deutsch


     

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