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21.05.2026 11:05

Welternährung: Parasitenangriff auf Reis entschlüsselt

Christian Könemann Kommunikation und Marketing
Karlsruher Institut für Technologie

    Reis ist das Grundnahrungsmittel für rund die Hälfte der Weltbevölkerung. Doch jedes Jahr vernichtet eine Pilzkrankheit – der Reisbrand – Erntemengen, die 60 Millionen Menschen ernähren könnten. Wie der Erreger die Abwehr von Reispflanzen überlistet, haben nun Forschende des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) entschlüsselt. Die Ergebnisse eröffnen neue Möglichkeiten, um Reis widerstandsfähiger zu machen – mit direkter Bedeutung für die globale Ernährungssicherheit.

    Der Reisbrandpilz kommt weltweit in mehr als 85 Ländern vor. Er befällt nicht nur Reis, sondern auch andere Getreidearten. Ein Befall breitet sich rasant aus: Innerhalb weniger Tage entstehen große abgestorbene Blattflächen, die Pflanze bildet kaum noch Körner. In Asien und Südamerika ist Reisbrand damit so bedrohlich für die Ernährungssicherheit wie Mehltau im Getreide oder die Kartoffelfäule in Europa.

    Kamikaze‑Zelltod: Wie der Pilz das Immunsystem der Pflanze austrickst

    Das KIT‑Team untersuchte, wie der Pilz die natürliche Abwehr der Pflanze austrickst. Pflanzen besitzen keine Antikörper wie Menschen, sondern ein eigenes, sehr wirksames Immunsystem. Ein zentraler Bestandteil dessen ist ein Warnstoff namens Salicylsäure – sie ist der natürliche Vorläufer von Aspirin. Wird eine Pflanzenzelle angegriffen, löst Salicylsäure ein Notprogramm aus: Die Zelle stirbt gezielt ab, reißt den Erreger mit in den Tod und schützt so die Nachbarzellen.

    Wenn die Abwehr zur tödlichen Falle wird

    Der Reisbrandpilz nutzt diesen Kamikaze-Mechanismus aus. Er produziert einen Stoff namens Pyriculol, der der Salicylsäure chemisch ähnelt. „Der Pilz sendet der Pflanze ein gefälschtes Alarmsignal“, sagt Professor Peter Nick vom Botanischen Institut des KIT. „Die Pflanze reagiert panisch, schaltet wichtige Abwehrreaktionen ab und aktiviert den selbstzerstörerischen Zelltod, noch bevor der Pilz überhaupt eindringt.“ Man könne sich das so vorstellen: „Der Pilz verabreicht der Pflanze eine Art falsches Aspirin. Es löst das selbstzerstörerische Abwehrprogramm der Zellen aus, aber ohne den eigentlich schützenden Effekt.“
    Große abgestorbene Blattflächen, kaum noch Körner. Der Reisbrand vernichtet in Asien und Südamerika alljährlich enorme Erntemengen.

    Der Pilz profitiert doppelt

    Der Reisbrandpilz profitiert doppelt von der vorzeitigen Selbstzerstörung der Pflanzenzellen: Das abgestorbene Gewebe dient ihm als Energiequelle. Zugleich unterdrückt das falsche Alarmsignal genau jene Mechanismen, die den Zelltod normalerweise zu einer wirksamen Schutzreaktion machen würden. Die Nährstoffe stehen dem Parasiten frei zur Verfügung – während die pflanzliche Immunantwort blockiert ist.

    Künftig mehr „coole“ Reissorten statt fatale Panikreaktion

    Die Forschenden fanden außerdem heraus: „Es gibt Reissorten, die auf den Angriff weniger heftig reagieren – sie bleiben sozusagen cool“, sagt Peter Nick. Diese Pflanzen bleiben kontrolliert und können den parasitären Profiteur eindämmen. „Man könnte den Kamikaze‑Mechanismus also unterlaufen, indem man das Panik‑Signal neutralisiert.“ Sorten mit dieser Fähigkeit könnten gezielt gezüchtet oder verstärkt angebaut werden, schlägt Nick vor.

    Bedeutung für die Ernährungssicherheit

    Die Studie liefert eine wichtige Grundlage, um Reisbrand künftig besser zu bekämpfen – nicht nur mit Fungiziden, sondern über ein tieferes Verständnis der Pflanzenabwehr. Davon profitieren vor allem Regionen, in denen Reis für die Ernährung der Bevölkerung überlebenswichtig ist.

    Kontakt für diese Presseinformation:
    Dr. Felix Mescoli, Pressereferent, Tel.: +49 721 608 41171, <felix mescoli@kit.edu>

    Im Dialog mit der Gesellschaft entwickelt das KIT Lösungen für große Herausforderungen – von Klimawandel, Energiewende und nachhaltigem Umgang mit natürlichen Ressourcen bis hin zu Künstlicher Intelligenz, technologischer Souveränität und demografischem Wandel. Als Die Universität in der Helmholtz-Gemeinschaft vereint das KIT wissenschaftliche Exzellenz vom Erkenntnisgewinn bis zur Anwendungsorientierung unter einem Dach – und ist damit in einer einzigartigen Position, diese Transformation voranzutreiben. Damit bietet das KIT als Exzellenzuniversität seinen mehr als 10 000 Mitarbeitenden sowie seinen 22 800 Studierenden herausragende Möglichkeiten, eine nachhaltige und resiliente Zukunft zu gestalten. KIT – Science for Impact.


    Originalpublikation:

    Junning Ma, Jean-Benoît Morel, Michael Riemann, Stefan Jacob, Peter Nick, Pyriculol effects on plant defence in rice: a virulence-independent secondary metabolite enhances host immunity against Magnaporthe oryzae, Journal of Experimental Botany, Volume 77, Issue 8, 15 April 2026, Pages 2594–2610, https://doi.org/10.1093/jxb/erag061


    Weitere Informationen:

    https://www.jkip.kit.edu/botzell/ Weitere Informationen


    Bilder

    Forschende des KIT haben entschlüsselt, wie der gefährliche Reisbrandpilz das Immunsystem der Pflanze austrickst. (Foto: Maren Riemann, KIT)
    Forschende des KIT haben entschlüsselt, wie der gefährliche Reisbrandpilz das Immunsystem der Pflanz ...
    Quelle: Maren Riemann, KIT
    Copyright: Maren Riemann, KIT

    Große abgestorbene Blattflächen, kaum noch Körner. Der Reisbrand vernichtet in Asien und Südamerika alljährlich enorme Erntemengen. (Karlheinz Knoch, KIT)
    Große abgestorbene Blattflächen, kaum noch Körner. Der Reisbrand vernichtet in Asien und Südamerika ...
    Quelle: Karlheinz Knoch, KIT
    Copyright: Karlheinz Knoch, KIT


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Tier / Land / Forst
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

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