idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Grafik: idw-Logo

idw - Informationsdienst
Wissenschaft

idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
28.05.2026 12:11

Studie untersucht Alterseffekte bei schulischen Diagnosen sowie ADHS

Denise Haberger Pressestelle
Bergische Universität Wuppertal

    Durch die Einschulungsstichtage können Kinder innerhalb derselben Klassenstufe fast ein Jahr Altersunterschied aufweisen. Gerade im Kindesalter entspricht dies erheblichen Entwicklungsunterschieden. Eine Studie der Bergischen Universität Wuppertal zeigt nun, dass diese relativen Altersunterschiede einen systematischen Einfluss darauf haben, ob Kinder als sonderpädagogisch förderbedürftig eingestuft oder mit ADHS diagnostiziert werden.

    Die Forschenden Prof. Dr. Janka Goldan vom Institut für Bildungsforschung und Dr. Franz G. Westermaier vom Wuppertaler Institut für bildungsökonomische Forschung (WIB) der Bergischen Universität Wuppertal analysierten Daten von mehr als 67.000 Schüler*innen der vierten und neunten Klassen aus den bundesweiten IQB-Bildungstrends. Untersucht wurde, welchen Einfluss das sogenannte relative Alter hat – also ob ein Kind innerhalb seiner Klassenstufe zu den älteren oder jüngeren gehört.

    Wahrscheinlichkeit für Diagnosen bei relativ jüngeren Kindern deutlich höher

    Das Ergebnis: Kinder, die innerhalb ihres Jahrgangs zu den jüngsten gehören, werden signifikant häufiger als sonderpädagogisch förderbedürftig eingestuft. Besonders deutlich zeigt sich dies in den Förderschwerpunkten Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung. Für die Schüler*innen der vierten Klasse lag die Wahrscheinlichkeit einer entsprechenden Einstufung um rund 21 Prozent höher, in der neunten Klasse sogar um bis zu 27 Prozent.

    Auch bei ADHS – der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – zeigen sich signifikante Unterschiede. Viertklässler*innen, die zu den jüngsten ihrer Klassenstufe gehören, erhalten etwa 52 Prozent häufiger eine ADHS-Diagnose als ältere Kinder desselben Jahrgangs.

    Relative Altersunterschiede beeinflussen diagnostische Entscheidungen

    „Unsere Ergebnisse zeigen, dass bei diagnostischen Entscheidungen nicht nur tatsächliche Lern- und Verhaltensmerkmale eine Rolle spielen, sondern auch das relative Alter eines Kindes innerhalb der Klassenstufe“, erklärt Janka Goldan. „Jüngere Kinder können insbesondere in der Grundschulzeit im Vergleich zu älteren Mitschüler*innen eher als unaufmerksam, impulsiv oder lernschwächer wahrgenommen werden, obwohl solche Unterschiede häufig entwicklungsbedingt und altersgemäß sind.“

    Für ihre Untersuchung nutzten die Forschenden ein statistisches Verfahren, das sich die unterschiedlichen Einschulungsstichtage zwischen den Bundesländern zunutze macht, wodurch ein quasi-experimentelles Design entsteht. Dadurch konnten sie den ursächlichen Einfluss des relativen Alters auf diagnostische Entscheidungen bestimmen.

    Diagnosen können Bildungswege langfristig prägen

    Ein sonderpädagogischer Förderstatus oder eine ADHS-Diagnose kann dazu beitragen, dass Kinder gezielte Unterstützung erhalten. Gleichzeitig können solche Entscheidungen langfristige negative Folgen für Bildungsbiografien haben, etwa durch veränderte Erwartungen, Stigmatisierung oder schulische Laufbahnentscheidungen.

    „Was zunächst ein normaler Entwicklungsunterschied zwischen jüngeren und älteren Kindern ist, kann durch diagnostische Entscheidungen langfristige Auswirkungen auf den weiteren Bildungsweg haben“, sagt Franz G. Westermaier.

    Forschende fordern stärker entwicklungsorientierte Diagnoseverfahren

    Die Forschenden sprechen sich daher für stärker entwicklungsorientierte und standardisierte Diagnoseverfahren aus. Entscheidungen über sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf oder ADHS sollten nicht auf subjektiven Einschätzungen beruhen, sondern das Alter eines Kindes im Verhältnis zu seinen Mitschüler*innen ausdrücklich berücksichtigen. Darüber hinaus empfehlen sie unabhängige multiprofessionelle Diagnostik und Förderkonzepte, die sich an den individuellen Bedürfnissen und der Entwicklung der Kinder orientieren.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Janka Goldan
    School of Education
    Telefon 0202/439-60072
    E-Mail goldan@uni-wuppertal.de


    Originalpublikation:

    https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/00144029261441922


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler
    Pädagogik / Bildung
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).