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03.06.2026 14:19

Unsichtbare Todesursache Sepsis: Warum Deutschland ein Wahrnehmungsproblem hat

Iljana Schmitz Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Sepsis Stiftung

    Sepsis verursacht jedes Jahr etwa 140.000 Todesfälle, Hunderttausende Langzeitfolgen und Kosten von über 30 Milliarden Euro. Doch Deutschland hat ein Wahrnehmungsproblem. Die WHO-Forderung nach konsequenter Verwendung des Begriffs „Sepsis“ wird seit 2017 nur unzureichend umgesetzt. In Medien, Gesundheitsberichterstattung und öffentlicher Kommunikation wird die Erkrankung häufig nicht ausdrücklich benannt.

    Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ihre Mitgliedstaaten bereits 2017 aufgefordert, gegenüber Patientinnen und Patienten, Angehörigen sowie in der öffentlichen Kommunikation ausdrücklich den Begriff „Sepsis“ zu verwenden. Ziel war es, das Bewusstsein für eine Erkrankung zu stärken, die weltweit zu den häufigsten Todesursachen zählt. Fast zehn Jahre später wird diese Empfehlung in Deutschland noch immer nur unzureichend umgesetzt. Ob in Medienberichten über schwere Infektionen, in der öffentlichen Gesundheitskommunikation oder in der Diskussion über Pandemien und Epidemien: Häufig wird über Organversagen, Intensivbehandlungen oder Todesfälle berichtet, ohne den Begriff Sepsis zu nennen. Die Sepsis-Stiftung warnt davor, dass diese mangelnde Sichtbarkeit die Prävention, Früherkennung und Behandlung von Sepsis erheblich erschwert.

    Sepsis bleibt häufig unsichtbar

    Die WHO bezeichnet Sepsis als den „final common pathway“ der meisten tödlich verlaufenden Infektionskrankheiten. Dennoch erfahren Angehörige häufig weder während der Behandlung noch nach einem Todesfall, dass eine zunächst lokale Infektion in eine lebensbedrohliche Sepsis übergegangen war. Eine in JAMA veröffentlichte Validierungsstudie zeigte bereits, dass explizite Sepsis-Diagnosecodes nur einen Teil der tatsächlich vorliegenden Sepsisfälle erfassen. Dadurch wird die Krankheitslast sowohl in Statistiken als auch im öffentlichen Bewusstsein unterschätzt.

    Die Medien tragen eine Schlüsselverantwortung

    Die Sepsis-Stiftung richtet ihren Appell ausdrücklich auch an Medien, Journalistinnen und Journalisten sowie an die Verantwortlichen der öffentlichen Gesundheitskommunikation. Seit Jahren wird über Todesfälle nach Lungenentzündungen, schwere Verläufe von COVID-19, Influenza, Ebola oder anderen Infektionskrankheiten berichtet, ohne darauf hinzuweisen, dass die unmittelbare Ursache von Organversagen und Tod häufig eine Sepsis ist. Ebenso wird über künstliches Koma, Intensivbehandlung oder Multiorganversagen berichtet, ohne den Begriff Sepsis zu verwenden. Die Stiftung versteht die Medien dabei ausdrücklich als Partner. Eine konsequente Benennung von Sepsis kann wesentlich dazu beitragen, die Bevölkerung für Prävention, Impfungen, Hygienemaßnahmen und die frühzeitige Erkennung von Warnzeichen zu sensibilisieren.

    Langzeitfolgen und Kosten werden unterschätzt

    Die mangelnde Sichtbarkeit von Sepsis hat nicht nur Folgen für die Sterblichkeit. Mehr als zwei Drittel der jährlich etwa 360.000 Überlebenden leiden unter körperlichen, kognitiven oder psychischen Langzeitfolgen. Viele Betroffene benötigen über Jahre medizinische, rehabilitative oder pflegerische Unterstützung. Nach aktuellen Schätzungen verursacht Sepsis in Deutschland jährliche Gesundheits- und Folgekosten von über 30 Milliarden Euro und damit mehr als sechs Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben. Dennoch gehört Sepsis weder in der öffentlichen Wahrnehmung noch in der gesundheitspolitischen Debatte zu den priorisierten Gesundheitsproblemen.

    Zitat Prof. Dr. Konrad Reinhart

    „Die fehlende Benennung von Sepsis ist nicht nur ein Kommunikationsproblem, sondern ein relevantes Hindernis für die Verbesserung der Gesundheitskompetenz und Patientensicherheit in Deutschland. Wenn Gesundheitspolitiker, Gesundheitsbehörden, die Gesundheitsberichterstattung des Bundes und die Medien bei COVID-19, Influenza, Ebola, Lungenentzündungen oder anderen schweren Infektionen nicht deutlich machen, dass Organversagen und Todesfälle häufig die Folge einer Sepsis sind, bleibt das tatsächliche Ausmaß der Krankheitslast weitgehend unsichtbar. Deutschland wird die Sepsissterblichkeit und die Zahl der Menschen mit schweren Langzeitfolgen erst dann wirksam senken, wenn Politik, Gesundheitsbehörden und Medien aufhören, über schwere Infektionen zu sprechen, ohne die zugrunde liegende Sepsis zu benennen. Solange Sepsis nicht sichtbar gemacht wird, werden weder die vermeidbaren Todesfälle noch die Hunderttausenden Betroffenen mit Langzeitfolgen und die jährlichen Kosten von über 30 Milliarden Euro die politische Aufmerksamkeit erhalten, die dieses Gesundheitsproblem dringend erfordert. Sepsis ist nicht nur ein medizinisches Problem, sondern auch ein Wahrnehmungsproblem. Sichtbarkeit schafft Bewusstsein, Bewusstsein schafft Priorität – und Priorität rettet Leben.“

    Über die Sepsis-Stiftung

    Die Sepsis-Stiftung setzt sich für die Prävention, Früherkennung und Behandlung von Sepsis ein. Ihr Ziel ist es, die Zahl vermeidbarer Sepsis-Todesfälle und die Häufigkeit schwerer Langzeitfolgen durch Aufklärung, Forschung, Qualitätsverbesserung und gesundheitspolitisches Engagement nachhaltig zu reduzieren.

    Gemeinsam mit der Global Sepsis Alliance gehörte die Sepsis-Stiftung zu den maßgeblichen Initiatoren der WHO-Resolution „Improving the Prevention, Diagnosis and Clinical Management of Sepsis“, die 2017 von der Weltgesundheitsversammlung verabschiedet wurde. Seither engagiert sich die Stiftung auf nationaler und internationaler Ebene für deren Umsetzung.

    Zu den Schwerpunkten ihrer Arbeit gehören die Stärkung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung, die Verbesserung der Prävention, Früherkennung, Behandlung und Nachsorge von Sepsis sowie die Förderung eines Nationalen Sepsisplans für Deutschland. Ziel ist es, die Zahl vermeidbarer Todesfälle und schwerer Langzeitfolgen nachhaltig zu senken und die hohe gesellschaftliche und wirtschaftliche Belastung durch Sepsis wirksam zu reduzieren.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Konrad Reinhart:
    konrad.reinhart@charite.de

    Prof. Dr. Marlies Ostermann:
    marlies.ostermann@gstt.nhs.uk


    Weitere Informationen:

    https://sepsis-stiftung.de/literatur Hier finden Sie weiterführende Informationen, wissenschaftliche Literatur, die WHO-Resolution und Stellungnahmen der WHO zu Sepsis sowie internationale Analysen zur Krankheitslast, Prävention und Behandlung von Sepsis
    https://sepsis-stiftung.de/ Webseite der Sepsis-Stiftung


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler, jedermann
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Wissenschaftspolitik
    Deutsch


     

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