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11.06.2026 08:30

Ariadne-PM: Zertifikate für Kohlenstoffdioxid-Entnahme stabilisieren CO2-Preis und entlasten Industrie

Celine Koch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

    Bei der Transformation der Industrie weg von Öl und Gas hakt es noch: Die geplante Reduktion der CO2-Ausstoßrechte im europäischen Emissionshandel droht die Kosten in die Höhe zu treiben. Gleichzeitig stößt die Umrüstung wegen des schleppenden Ausbaus von klimafreundlicher Infrastruktur an Grenzen. Doch ein neues Kurzdossier des vom Bundesforschungsministerium geförderten Kopernikus-Projekts Ariadne zeigt: Die Integration von Kohlenstoffdioxid-Entnahme in den Emissionshandel kann als Sicherheitsventil für die Industrie wirken. Bereits eine moderate Menge an entsprechenden Zertifikaten reicht aus, um den Anstieg des CO2-Preises abzufedern, ohne die Klimaziele der EU zu gefährden.

    Hintergrund: Mit Blick auf das europäische Klimaziel, die EU bis 2050 klimaneutral zu machen, ist der Industriesektor in schwer zu elektrifizierenden Bereichen auf zwei alternative Wege angewiesen: (1) unvermeidbare CO2-Emissionen abzuscheiden und zu speichern sowie (2) verstärkt Wasserstoff einzusetzen. Der Ausbau der hierfür notwendigen Infrastruktur, zum Beispiel CO2-Abscheideanlagen, Elektrolyseure, Transportnetze und Speichermöglichkeiten, dauert jedoch länger als erwartet.

    Die Nachfrage nach CO2-Ausstoßrechten im europäischen Emissionshandel für Energiewirtschaft und energieintensive Industrie bleibt deshalb hoch. Das Zertifikatsangebot wird jedoch entsprechend der EU-Klimaziele Jahr für Jahr verknappt. Die Folge: Der CO2-Preis steigt. Laut einer Modellrechnung von Aurora Energy Research in Kooperation mit Forschenden des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und der Hochschule Konstanz Technik, Wirtschaft und Gestaltung könnte der Preis für eine Tonne CO2 durch die Verzögerung um 77 Prozent höher ausfallen als in einem optimistischen Basisszenario. „Wenn die zur Emissionsvermeidung notwendige Infrastruktur nicht rechtzeitig bereitsteht, drohen extreme CO2-Preisspitzen, welche die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie und den politischen Rückhalt für den europäischen Clean Industrial Deal gefährden“, erklärt Frank Best von der Hochschule Konstanz, Hauptautor des Kurzdossiers.

    Schon die glaubwürdige Ankündigung hilft

    Die Studie zeigt: Werden Zertifikate für eine dauerhafte CO2-Entnahme als zusätzliche Option in den Emissionshandel integriert, verschafft das der Industrie mehr Spielraum. Wer CO2 aus der Atmosphäre holt, wird mit zusätzlichen Zertifikaten belohnt – und darf sie an Firmen verkaufen, die noch auf Ausstoß angewiesen sind. Gelingen kann ersteres mittels Luftfilter-Anlagen oder Anbau schnell wachsender Biomasse zum Verfeuern mit Abscheiden und Speichern des Klimagases. Besonders profitieren könnte der Chemiesektor, der in Szenarien mit den befürchteten Engpässen am meisten belastet ist. Als Freifahrtschein sollte das jedoch nicht betrachtet werden. „Wenn die Rahmenbedingungen für klimafreundliche Industrieprojekte stimmen, bleiben die Investitionsanreize für eine saubere Industrie dabei erhalten“, sagt Darius Sultani vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Mitautor der Studie. „Um den Weg für eine klimaneutrale Industrie zu ebnen, sollte die Kohlenstoffdioxid-Entnahme mit der gezielten Förderung von grünem Wasserstoff und CO2-Transportinfrastruktur kombiniert werden.“

    Laut der Untersuchung kann eine glaubwürdige Ankündigung von Entnahme-Zertifikaten ab Mitte der 2030er-Jahre den CO2-Preis schon heute senken. In einem Szenario rechnet das Forschungsteam mit einer linearen Einführung dieser neuartigen Zertifikate ab 2035 auf ein Maximum von 40 Millionen Tonnen CO2 jährlich bis 2039. Unter dieser Voraussetzung würde der CO2-Preis um lediglich 27 Prozent über dem Basisszenario liegen. Ein früherer Start der Entnahme-Zertifikate bereits ab 2030 und dann auf ein Maximum von 80 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr würde den Kostenanstieg sogar vollständig ausgleichen.

    CO2-Entnahme-Zertifikate sind kein Ersatz für Klimaschutz

    Derzeit fließen weniger als 5 Prozent der Einnahmen aus dem europäischen Emissionshandel direkt in die industrielle Dekarbonisierung. Die Fachleute empfehlen, diese Mittel künftig gezielter in CO2-Abscheidung und -Speicherung sowie Wasserstoffinfrastruktur fließen zu lassen. Damit würde der Preisdruck von vorneherein gedämpft. Zudem sei denkbar, dass die sogenannte Marktstabilitätsreserve im Emissionshandel auch für die Entnahme-Zertifikate zusätzliche Stabilität bringen kann; das müsse noch genauer beleuchtet werden.

    Das Fazit ist deutlich: CO2-Entnahme-Zertifikate sind kein Ersatz für Klimaschutz – aber sie können helfen, den Übergang in eine klimaneutrale Industrie wirtschaftlich abzusichern.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Kontakt zu den Autorinnen und Autoren:
    Darius Sultani, darius.sultani@pik-potsdam.de.

    Pressekontakt:

    Maria Bader | Leitung Kommunikation Ariadne
    Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)
    Telefon: +49 (0)30 3385537 365 | Email: ariadne-presse@pik-potsdam.de

    Celine Koch | Kommunikation Ariadne
    Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)
    Telefon: +49 (0)30 3385537 361 | Email: ariadne-presse@pik-potsdam.de

    Kontakt ins Projekt
    Ariadne-Geschäftsstelle
    Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)
    Email: ariadne-geschaeftsstelle@pik-potsdam.de

    Wer ist Ariadne? Im Konsortium von 26 wissenschaftlichen Partnern führt das Kopernikus-Projekt Ariadne durch einen gemeinsamen Lernprozess mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, erforscht Optionen zur Energiewende und stellt politischen Entscheidern wichtiges Orientierungswissen bereit.


    Originalpublikation:

    Englische Vollfassung:
    Frank Best, Michael Pahle, Darius Sultani, Claudia Günther, Malte Herten, Jörn Richstein, Ottmar Edenhofer (2026): A Safety Valve for the EU ETS endgame: Containing Prices through Carbon Dioxide Removal. Kopernikus-Projekt Ariadne, Potsdam.
    Weblink zur Publikation: https://ariadneprojekt.de/publikation/dossier-containing-prices-through-carbon-d...

    Deutsche Zusammenfassung:
    Frank Best, Michael Pahle, Darius Sultani, Claudia Günther, Malte Herten, Jörn Richstein, Ottmar Edenhofer (2026): Ein Sicherheitsventil für die Endphase des EU-Emissionshandelssystems: Preisstabilisierung durch die Entfernung von Kohlendioxid. Kopernikus-Projekt Ariadne, Potsdam.
    Weblink zur Publikation: https://ariadneprojekt.de/publikation/kurzdossier-zusammenfassung-ein-sicherheit...


    Weitere Informationen:

    https://ariadneprojekt.de/ | Folgen Sie dem Ariadnefaden auf Bluesky @ariadneprojekt.bsky.social und LinkedIn @Kopernikus-Projekt Ariadne


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Meer / Klima, Politik, Wirtschaft
    überregional
    Forschungsergebnisse, Forschungsprojekte
    Deutsch


     

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