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Prof. Dr. Christoph Desjardins verweist auf psychologische Erkenntnisse für Spitzenleistung (nicht nur) auf dem Rasen - Wesentliche Erfolgsfaktoren: Energiemanagement und Selbstwirksamkeit
Die deutsche Fußballnationalmannschaft steht im WM-Sechszehntelfinale gegen Paraguay. Nach einem mühsamen 1:0 in der ersten Halbzeit traben die Spieler¹ scheinbar uninspiriert über den Platz, während die Paraguayer gegen das deutsche Tor anrennen. Nach der dritten Ecke in Folge verfehlt Neuer beim Herauskommen den Ball und dieser trudelt ins Tor. Die deutsche Elf erscheint wie gelähmt, während Nagelsmann die Linie entlangtobt und anschließend fünf Spieler gleichzeitig auswechselt.
Ein hypothetisches Szenario, eine realistische Frage: Wieso sind die Spieler nicht in der Lage, ihr vorhandenes Potential voll auszuschöpfen? In seinem Statement zum Auftakt der Herren-Fußball-Weltmeisterschaft legt Prof. Dr. Christoph Desjardins psychologische Erkenntnisse als Grundlage für Spitzenleistung dar. Der Experte für Human Resource Management (HRM) und Leadership der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) verweist auf zwei Erfolgsfaktoren nicht nur für Profikicker: Energiemanagement und Selbstwirksamkeit.
Leistungsverweigerung oder gar Mentalitätsproblem?
Bleibt ein Spieler im Turnier weit hinter den Erwartungen zurück, ist die vorherrschende Vermutung, dass es sich um Leistungsverweigerung, womöglich gar um ein Mentalitätsproblem handelt. Wenn man allerdings Spitzensportler*innen beobachtet, ist die Annahme, dass diese nicht über die entsprechenden mentalen Voraussetzungen verfügen, eher abwegig. Bundesliga- und vor allem Nationalspieler zeichnen sich (neben dem notwendigen Talent) durch eine überdurchschnittliche Leistungsmotivation aus.
Geht man also davon aus, dass diese Spieler grundsätzlich wollen, stellt sich die Frage, warum sie in bestimmten Spielen und Situationen nicht besser spielen können. Als Erklärung lassen sich zwei Mechanismen beschreiben, die die Leistung von Menschen wesentlich beeinflussen.
Energiemanagement als Überlebensmechanismus
Jeder weiß, dass seine körperlichen, geistigen und emotionale Kräfte natürliche Grenzen haben. Abhängig von Gesundheit, allgemeiner körperlicher Fitness und anderen Einflussfaktoren wie Schlafqualität, Außentemperatur und Tageszeit sind wir unterschiedlich leistungsfähig. Dazu kommt eine zeitliche Begrenzung dieser Leistungsfähigkeit, d.h. was immer wir tun, können wir nur für eine gewisse Dauer ohne Leistungsabfälle ausüben.
Diese physische und psychische Limitierung galt auch schon für unsere Vorfahren, die aber im Gegensatz zu uns modernen Menschen das Problem hatten, dass sie ihre Energie jeden Tag aufs Neue benötigten, um die notwendige Nahrung zu beschaffen. Die Frage, für welche Aktivitäten sie diese einsetzten, war deshalb existentiell. Überlebt haben die Individuen, die
ihre Kraft am wirksamsten zur Nahrungsbeschaffung eingesetzt haben.
Was wir daher von unseren Vorfahren geerbt haben, ist ein unbewusstes Management unserer körperlichen und geistigen Energieressourcen. Unser Körper setzt im Sinne einer langfristigen Überlebensstrategie in einem bestimmten Moment nur die dafür notwendige Energie ein.
Nicht immer am Maximum der Leistungsfähigkeit agieren
Auf ein Fußballspiel übertragen bedeutet das, dass der Sportler nur so viel läuft, wie er unbewusst für notwendig hält, um die Partie zu gewinnen. Diese Strategie kann auch kurzfristig innerhalb der 90 Minuten sinnvoll sein, da er damit immer Energiereserven vorhält, um sie bei einer anderen Einschätzung der Situation einsetzen zu können. Dass Fußballspieler nicht immer am Maximum ihrer Leistungsfähigkeit agieren, ergibt daher sowohl lang- als auch kurzfristig Sinn. Es ist kein Zeichen von Leistungsverweigerung, sondern im Gegenteil eine taktische Maßnahme unseres Körpers zur Leistungserhaltung.
Das erkennt man auch daran, dass die Spieler in der Regel bei einem Rückstand ihren persönlichen Einsatz erhöhen, um das Spiel noch zu gewinnen. Für Coaches und Fans ist diese Leistungsdynamik allerdings schwer zu ertragen, da sie bei einer energieschonenden Spielweise immer befürchten, dass der Gegner dies ausnutzen kann und die eigene Mannschaft nicht mehr in der Lage ist, eine Niederlage durch erhöhte Leistung abzuwenden.
Wie das individuelle Energiemanagement optimiert werden kann
Trainer versuchen, die grundsätzliche körperliche Fitness der Spieler zu optimieren, da diese dann auf größere Reserven zurückgreifen können, was unbewusst zu einem höheren Energieeinsatz führen kann. Eine weitere Möglichkeit ist es, den unbewussten Energiesparmodus mit den Spielern zu reflektieren, um ihn während eines Spiels durch direkte Kommunikation zu begrenzen.
Die Konsequenz, die insbesondere ein Nationaltrainer daraus ziehen sollte, ist die entsprechende Auswahl für den Kader. Hier sollten weder das besondere Talent noch die Präferenzen für vertraute Spieler eine Rolle spielen, sondern das aktuelle Leistungsvermögen, das einen möglichst hohen Energieeinsatz erlaubt. Insbesondere in der Startelf sollten nicht die am unteren Rande ihres Leistungsvermögens scheinenden Spieler stehen, sondern ihre jeweils fitteren Positionskonkurrenten. Bei der Auswahl sollte auch darauf geachtet werden, wie das unbewusste Energiemanagement eines Spielers grundsätzlich funktioniert. Hier führen individuelle Unterschiede dazu, dass einzelne Spieler ihre Energiereserven stärker nutzen als andere.
Optimaler Einsatz der Teamressourcen auch fürs Management wichtig
Auf Unternehmen übertragen stellt sich für das Management die Aufgabe, die limitierten Energieressourcen der Mitarbeitenden optimal einzusetzen: Aufgaben müssen sorgfältig ausgewählt und priorisiert und alle Störfaktoren, die den Mitarbeitenden Energie rauben könnten, eliminiert werden. Auch Themen wie Teilzeitarbeit und betriebliches Gesundheitsmanagement sollten verstärkte Beachtung finden, um die Energieressourcen langfristig zu erhalten.
Das Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit als Leistungsfaktor
Ist das Ziel erreicht, ein energetisch optimal eingestelltes Team aufzustellen, das auch mit dem notwendigen Talent ausgestattet ist, steht ein weiterer mentaler Überlebensmechanismus dem Erfolg im Weg: Selbstwirksamkeit, also die Überzeugung, mit den eigenen Fähigkeiten Ziele zu erreichen und Hindernisse zu überwinden.
Selbstwirksamkeit ist aber ein situatives Gefühl, d.h. es ist nicht stabil, sondern hängt von der Einschätzung einer Situation ab. Das vermeidet Hybris, also Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten bei der Bewältigung einer bestimmten Situation und damit das Eingehen von unnötigen Risiken.
Fragilität menschlicher Spitzenleistung
Auf ein Fußballmatch übertragen bedeutet dies: Jede neue Spielsituation verändert die Einschätzung der eigenen Erfolgschancen und damit auch die Spielweise. Gehe ich mit einem frühen Tor in Führung, spiele ich im Gefühl der eigenen Kompetenz und des wahrscheinlichen Sieges weiter und kann dank dieses optimalen psychischen Zustandes meine Fähigkeiten voll nutzen. Ändert sich aber die Spielsituation, d.h. der Gegner trifft unerwartet, verändert sich zugleich meine Einschätzung der Lage. Jetzt realisiere ich, dass auch eine Niederlage möglich ist und meine Fähigkeiten vielleicht doch nicht ausreichen, um erfolgreich zu sein. Sofort ändert sich meine Spielweise – ich bringe keinen Ball mehr zum Mitspieler, geschweige denn ins Tor. Will es nun das Spielglück, dass der Ball einem Gegner im Strafraum an die Hand springt und meine Mannschaft einen Elfmeter verwandelt, habe ich das Gefühl der Selbstwirksamkeit zurückerlangt.
Diese Dynamik kann sich mehrmals wiederholen und macht Fußball unterhaltsam, zeigt aber auch die Fragilität menschlicher Spitzenleistung.
Mentale Simulation zur Vorbereitung
Wie beim Thema Energiemanagement ist es wichtig zu verstehen, dass diese Prozesse unbewusst ablaufen und als Überlebensmechanismen grundsätzlich positive Auswirkungen haben – nur leider nicht immer für den Gewinn eines Fußballspiels. Man kann also nur versuchen, sich diese mentalen Prozesse zu verdeutlichen und zu versuchen, diese bewusst zu beeinflussen.
Skirennläufer*innen beispielsweise simulieren mental den gesamten Rennablauf und bereiten sich so auf jede sportliche Situation vor. Im Fußball wird diese Form der Vorbereitung in der Regel nur von Torleuten gewählt. Empfehlenswert wäre sie aber auch für Feldspieler, die sich damit insbesondere auf kritische Situationen wie Gegentore oder eigene Fehler vorbereiten können, um das Gefühl der eigenen Selbstwirksamkeit während des Spiels zu stabilisieren.
Positive Ansprache und Gefühl der Wertschätzung
Trainer versuchen intuitiv, den gleichen Effekt durch positive Ansprache vor dem Anpfiff und in der Halbzeitpause („ihr könnt und werdet gewinnen!“) sowie Aufmunterungen während des Spiels zu erzielen. Wichtig ist, jedem Spieler seine umfassende Wertschätzung zu vermitteln, auch in den Fällen, wo diese sich nicht erwartungsgemäß verhalten oder Fehler machen. Ein solches Verhalten von Julian Nagelsmann wird während der WM entscheidend sein.
Die Voraussetzung für eine stabile Selbstwirksamkeit während eines Spiels ist das allgemeine Gefühl der Akzeptanz und der Wertschätzung als Person und Teammitglied. Nur wer dieses Gefühl der psychologischen Sicherheit hat, kann auch in herausfordernden Situationen wie schwierigen Spielsituationen optimale Leistung erbringen.
Grundregel für Trainer wie Führungskräfte
Diese Grundregel gilt für Trainer wie auch alle anderen Führungskräfte: Fußballprofis und Mitarbeitende sind keine Leistungsmaschinen, die auf Knopfdruck funktionieren oder absichtlich streiken, sondern komplexe Organismen mit starken Selbstschutzmechanismen, die man positiv entwickeln und bestärken muss. Nur durch eine optimale Gestaltung der Rahmenbedingungen lässt sich Spitzenleistung erst ermöglichen.
Gelingt es Julian Nagelsmann, diese psychologischen Grundprinzipien umzusetzen, kann die deutsche Fußballnationalmannschaft ihr vorhandenes Leistungspotential voll ausnutzen und Weltmeister werden. Und sollten dies auch alle Führungskräfte in der Wirtschaft berücksichtigen, wäre Deutschland gut aufgestellt, um sich den Titel Exportweltmeister zurückzuholen.
Zur Person:
Prof. Dr. Christoph Desjardins hat seit April 2023 an der Frankfurt UAS eine Professur für Human Resource Management (HRM) und Leadership. Er ist Diplom-Psychologe und hat im Bereich Arbeits- und Organisationspsychologie an der Goethe Universität promoviert. Seine Forschungsschwerpunkte sind Führung, Teamstrukturen und Change Management. Er ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Mixed Leadership (IML) der Frankfurt UAS. Vor seinem Ruf an die Frankfurt UAS war er Professor für HRM und Consulting an der Hochschule Kempten und dort zudem zehn Jahre lang Leiter der Kempten Business School. Davor war er als Berater und Manager bei der Firma Accenture tätig.
¹Da dieses Statement anlässlich der Fußball-WM der Männer erscheint, wird hier bei entsprechendem Kontext nur die männliche Form verwendet.
Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich Wirtschaft und Recht, Prof. Dr. Christoph Desjardins, Telefon: +49 69 1533-2995, E-Mail: christoph.desjardins@fra-uas.de
Ganz weit oben mit dem richtigen Mindset: Manche Erkenntnisse aus der Psychologie gelten für Fußball ...
Quelle: Frankfurt UAS
Copyright: Frankfurt UAS
Prof. Dr. Christoph Desjardins von der Frankfurt UAS verweist auf psychologische Erkenntnisse für Sp ...
Quelle: Klaus Weddig
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Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, jedermann
Psychologie, Sportwissenschaft, Wirtschaft
überregional
Buntes aus der Wissenschaft
Deutsch

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