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Wie lässt sich Grundwasser auch künftig wirksam schützen? Das ISOE hat ein Rechtsgutachten zur EU-Wasserrahmenrichtlinie in Auftrag gegeben. Es identifiziert bestehende Defizite des geltenden Rechts und zeigt Optionen zur Weiterentwicklung des Wasser- und Naturschutzrechts im Kontext der Europäischen Wasserresilienzstrategie 2025 und der Nationalen Wasserstrategie 2023 auf. Handlungsbedarf besteht insbesondere für Karstregionen sowie Grundwasserökosysteme.
Grundwasser ist weltweit die wichtigste Trinkwasserquelle und eine zentrale Ressource für die Nahrungsmittelproduktion. Zugleich erfüllt es als Lebensraum für endemische Organismen wichtige ökologische Funktionen und trägt zur Biodiversität bei. Klimawandel, Übernutzung und Schadstoffeinträge setzen Grundwasserkörper jedoch zunehmend unter Druck. Die EU-Wasserrahmenrichtlinie verfolgt das Ziel, bis 2027 einen guten mengenmäßigen und chemischen Zustand der Gewässer zu erreichen. Nach aktuellem Stand wird dieses Ziel in vielen Regionen voraussichtlich nicht vollständig erreicht. Die Gründe hierfür sind vielfältig und reichen von regional unterschiedlichen Wasserverfügbarkeiten und komplexen hydrogeologischen Bedingungen über klimatische Veränderungen bis hin zu historisch gewachsenen Bewirtschaftungsformen.
Rechtlicher Handlungsbedarf nach 2027
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Weiterentwicklung des rechtlichen Rahmens für den Grundwasserschutz an Bedeutung. Die ISOE-Forschungsgruppe regulate zeigt, dass Grundwassersysteme zunehmend durch sogenannte Telekopplungen geprägt sind – also durch räumlich entfernte Wechselwirkungen zwischen Umweltbelastungen und sozioökonomischen sowie politischen Entwicklungen.
Das vom ISOE beauftragte Gutachten greift diese Perspektive auf und analysiert den europäischen Rechtsrahmen für den Grundwasserschutz. Es kommt zu dem Ergebnis, dass zentrale Elemente der EU-Wasserrahmenrichtlinie solche räumlich und sektorübergreifend vernetzten Wirkungszusammenhänge nur begrenzt abbilden. Mit dem Auslaufen der Umsetzungsfrist im Jahr 2027 verändern sich zudem die rechtlichen Rahmenbedingungen. Da Ausnahmeregelungen künftig enger gefasst werden, gewinnt die konsequente Anwendung und Durchsetzung bestehender Instrumente an Bedeutung. Der tatsächliche Schutz des Grundwassers hängt damit stärker als bisher davon ab, wie Behörden, Gerichte und Verbände vorhandene rechtliche Spielräume nutzen und weiterentwickeln.
Schutzlücken in Karstregionen und bei Grundwasserökosystemen
Besonderen Klärungsbedarf identifiziert das Gutachten in Karstregionen. Aufgrund ihrer komplexen hydrogeologischen Struktur lassen sich Grundwassereinzugsgebiete dort nur eingeschränkt eindeutig abgrenzen. Dadurch stoßen etablierte Bewertungs- und Monitoringansätze an ihre Grenzen. Das Gutachten weist darauf hin, dass die bestehenden Regelungen zwar gewisse Spielräume bei der Abgrenzung und Klassifizierung von Grundwasserkörpern eröffnen, diese jedoch zu unterschiedlichen Auslegungen führen können. Dies kann die Vergleichbarkeit von Schutzstandards beeinträchtigen und eine einheitliche Anwendung des Wasserrechts erschweren.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Schutz von Grundwasser als eigenständigem Ökosystem. Insbesondere dort, wo Grundwasserleiter nicht unmittelbar für die Trinkwassernutzung erschlossen sind, besteht das Risiko, dass ihr Schutzstatus nicht ausreichend berücksichtigt wird. Das Gutachten zeigt, dass die bestehenden Regelungen vor allem auf die Sicherung von Menge und Qualität als Ressource ausgerichtet sind, ökologische Funktionen des Grundwassers jedoch bislang nur begrenzt adressieren.
Grenzüberschreitende Wirkungszusammenhänge und Verursacherprinzip
Zunehmend relevant sind zudem grenz- und sektorübergreifende Wirkungszusammenhänge. Die Forschung zu telegekoppelten Systemen verdeutlicht, dass Belastungen des Grundwassers häufig nicht ausschließlich lokal entstehen, sondern durch räumlich entfernte Nutzungs- und Entscheidungsstrukturen mitbeeinflusst werden. Vor diesem Hintergrund analysiert das Gutachten die Umsetzung des Verursacherprinzips im Rahmen der EU-Wasserrahmenrichtlinie, insbesondere im Hinblick auf die Wassergebührenpolitik. Im Zentrum steht die Frage, ob bestehende Regelungen ausreichende Anreize für einen effizienten Umgang mit Wasser setzen. Zudem wird geprüft, inwieweit umwelt- und ressourcenbezogene Kosten in die Kostendeckungssysteme einbezogen werden und ob zentrale Wassernutzer – darunter Landwirtschaft, Industrie und Haushalte – einen angemessenen Beitrag zu den Kosten der Wasserdienstleistungen leisten. Die praktische Umsetzung dieser Anforderungen ist weiterhin mit Herausforderungen verbunden, insbesondere, wenn wasserwirtschaftliche Kosten- und Wirkungszusammenhänge räumlich und sektorübergreifend verteilt sind.
Europäische Steuerungsansätze und Reformbedarf im Grundwasserschutz
Das Gutachten unterstreicht die Dringlichkeit, einen klaren Handlungsrahmen im Grundwasserschutz und der Grundwasserbewirtschaftung in Deutschland und in Europa zu schaffen. Dies betrifft insbesondere den Schutz des Grundwassers als eigenständiges Ökosystem sowie die Berücksichtigung von Wechselwirkungen mit neuen wasserwirtschaftlichen Entwicklungen, etwa dem Ausbau von Fernwasserversorgungsnetzen im Kontext europäischer und nationaler Resilienzstrategien.
Zugleich wird deutlich, dass die Zielerreichung im europäischen Gewässerschutz maßgeblich von der konsequenten Anwendung und Durchsetzung bestehender rechtlicher Instrumente abhängt. In der Vergangenheit erfolgte dies nicht durchgängig im Einklang mit dem Verursacherprinzip. Künftig wird daher entscheidend sein, wie Umwelt- und Wasserverbände ihre rechtlichen Möglichkeiten nutzen und wie Behörden und Gerichte bestehende Regelungen auslegen und weiterentwickeln.
Mit der im Jahr 2025 eingeführten Europäischen Wasserresilienzstrategie gewinnt zudem eine stärker koordinierte wasserpolitische Steuerung an Bedeutung, die wirtschaftliche, infrastrukturelle und ökologische Ziele enger miteinander verknüpft. Neben ordnungsrechtlichen Instrumenten rücken dabei auch strategische und nicht-ordnungsrechtliche Ansätze stärker in den Fokus. Vor diesem Hintergrund bleibt offen, wie sich der Schutz des Grundwassers und das Verursacherprinzip in komplexen Interessens- und Nutzungskonstellationen künftig weiterentwickeln und wirksam zur Anwendung kommen.
Über das ISOE
Das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) gehört zu den führenden unabhängigen Instituten der Nachhaltigkeitsforschung. Es entwickelt wissenschaftliche Grundlagen und zukunftsweisende Konzepte für sozial-ökologische Transformationen. Hierfür forscht das ISOE transdisziplinär zu globalen Problemen wie Wasserknappheit, Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Landdegradation und findet tragfähige Lösungen, die ökologische, gesellschaftliche und ökonomische Bedingungen berücksichtigen.
Dr. Fanny Frick-Trzebitzky
Leiterin des Bereichs Praktiken und Infrastrukturen
fanny.frick@isoe.de
Douhaire, Caroline, Mathea Schmitt, Fanny Frick-Trzebitzky (2026): Rechtliche Fragen im Grundwassermanagement. Gutachterlicher Vermerk zur Umsetzung der EU-WRRL angesichts zukünftiger Unsicherheiten und sozial-ökologischer Wechselwirkungen. Groundwater Dimensions 7. Frankfurt am Main: Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE). https://doi.org/10.5281/zenodo.20086186
https://www.isoe.de/aktuelles/eu-wasserrahmenrichtlinie-rechtsgutachten-identifi...
https://www.isoe.de/projekt/regulate-nachhaltiges-management-von-grundwasser-in-...
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler
Politik, Recht, Umwelt / Ökologie
überregional
Wissenschaftliche Publikationen
Deutsch

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