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Eine aktuelle Studie trägt zur Klärung einer der langjährigsten archäologischen Debatten Südamerikas zur Rolle von Mais in vorkolonialen Gesellschaften bei. Die Ergebnisse zeigen, dass große Dörfer in Zentralbrasilien durch den Maisanbau in Mischkulturen versorgt wurden, während benachbarte Gesellschaften unterschiedliche Strategien der Nahrungsmittelproduktion verfolgten.
Seit Jahrzehnten diskutieren Forschende die Subsistenzstrategien vorkolonialer Gesellschaften im brasilianischen Cerrado, einer tropischen Savanne. Waren sie Jäger und Sammler oder betrieben sie intensiven Maisanbau? Wie organisierten sie sich und wie nutzten sie das Land, das sie bewohnten? Eine in Science Advances veröffentlichte Studie liefert erstmals groß angelegte direkte Belege zur Beantwortung dieser Fragen. Die Ergebnisse zeigen, dass einige Bevölkerungsgruppen verschiedene Pflanzen nutzten, während für andere der Maisanbau eine zentrale Rolle spielte. Anstelle intensiver Monokulturen entwickelten diese Gemeinschaften vielfältige Mischkultursysteme mit Mais als Basis.
„Viele Jahre konzentrierte sich die Debatte über den Cerrado auf zwei Extreme: hochmobile Nahrungssuche oder intensive sesshafte Landwirtschaft“, erklärt Eliane Chim, Hauptautorin der Studie. „Wir haben jedoch festgestellt, dass einige Gesellschaften stark von Mais abhängig waren, der in diversifizierten Agrarsystemen angebaut wurde, welche große Dörfer ernähren konnten. Dies verändert unser Verständnis der indigenen Nahrungsmittelproduktion und Besiedlung in Zentralbrasilien grundlegend.“
Die Forschenden analysierten stabile Kohlenstoff-, Stickstoff- und Sauerstoffisotope aus Zähnen und Knochen von über 100 Individuen, die an 37 archäologischen Fundstätten in den Biomen Cerrado, Caatinga und Atlantischer Regenwald geborgen wurden. In Kombination mit neuen Radiokarbondaten aus menschlichem Knochenkollagen, Isotopen-Referenzwerten der Fauna, archäobotanischen Befunden und paläoökologischen Aufzeichnungen rekonstruiert die Studie mit chronologischer Präzision die Ernährungsgewohnheiten in der gesamten Region im späten Holozän.
Die Isotopenbefunde zeigen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner der Freiluftdörfer einen großen Teil ihrer Ernährung aus Mais bezogen. Zeitgleich lebende Bevölkerungsgruppen in nahegelegenen Felsunterkünften ernährten sich deutlich vielfältiger und wiesen kaum Anzeichen für einen intensiven Maiskonsum auf. Da beide Gruppen in ähnlichen Umgebungen lebten, erklären ökologische Faktoren die Unterschiede nicht vollständig. Vielmehr spiegeln sie die Koexistenz unterschiedlicher kultureller Traditionen und wirtschaftlicher Strategien in der Region wider.
„Diese Ergebnisse hinterfragen verbreitete Vorstellungen zur Entwicklung der Landwirtschaft im tropischen Südamerika“, erklärt Prof. Patrick Roberts, Direktor der Abteilung für Koevolution von Landnutzung und Urbanisierung am Max-Planck-Institut für Geoanthropologie. „Unsere Erkenntnisse zeigen, dass Mais Teil widerstandsfähiger polykultureller Nahrungsmittelproduktionssysteme war, die domestizierte Nutzpflanzen mit Wildpflanzen und lokalem ökologischem Wissen verbanden.“
Die Ergebnisse heben den Cerrado neben dem Amazonas als bedeutendes Zentrum für das Verständnis indigener Innovationen vor der europäischen Kolonialisierung hervor.
„In Diskussionen über die vorkoloniale Landnutzung stand der Cerrado häufig im Schatten des Amazonas“, erklärt Prof. André Strauss vom Museum für Archäologie und Ethnologie der Universität São Paulo (Brasilien). „Unsere Erkenntnisse zeigen, dass auch der Cerrado ein Innovationszentrum war, in dem verschiedene Gesellschaften eigene Strategien entwickelten, um mit einer der artenreichsten tropischen Landschaften der Welt umzugehen.“
Über die Archäologie hinaus trägt die Forschung zum Verständnis der langen Geschichte des menschlichen Einflusses auf eine der artenreichsten tropischen Savannen der Welt bei. Sie beleuchtet nachhaltige Landnutzungsstrategien, die die Landschaften des Cerrado über Jahrhunderte prägten. Diese Erkenntnisse verfeinern nicht nur das Verständnis der historischen Nahrungsmittelproduktion, sondern fließen auch in aktuelle Diskussionen zum Erhalt der Artenvielfalt, indigenem Wissen und der langfristigen Bewirtschaftung tropischer Ökosysteme ein.
Eliane Chim: chim@gea.mpg.de
Patrick Roberts: roberts@gea.mpg.de
Titel: Maize-based polyculture, not monoculture, sustained pre-colonial societies in the 4 Brazilian Cerrado
Autor:innen: Eliane Chim, Henry L. A. Fernandes, Sibeli A. Viana, Haruan Straioto, Elver Mayer, Sophia Huesges, Erin Scott, Diego T. Mendes, Danilo R. Zardo, Nicolás M. Stríkis, Gilmar Henriques, Rafael L. de Souza, Maria Ana Correia, Luana Caroline Nicolau, Erica de S. Rocha, Edward Koole, Julio C. Rodrigues, Talita Lima, Andersen Liryo, Andrei Isnardis, Lucas Bueno, Juvandi de S. Santos, Carlos Etchevarne, Marcia A. Alves, André Prous, Axel Steinhof, Francisco William da Cruz Júnior, Jana Ilgner, Ricardo Fernandes, Patrick Roberts, André Strauss
Publikation: Science Advances
DOI: 10.1126/sciadv.aef7066
Eliane Chim wählt Proben für die Stabilisotopenanalyse aus.
Quelle: Mariane Pereira Ferreira
Copyright: Mariane Pereira Ferreira
Aratu-Urne aus der Fundstätte Vale Verde, Bahia, Brasilien.
Quelle: Mario Spock Fernandez
Copyright: Mario Spock Fernandez
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
Geschichte / Archäologie, Umwelt / Ökologie
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch

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