idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Grafik: idw-Logo

idw - Informationsdienst
Wissenschaft

idw-Abo


Instanz:
Teilen: 
11.08.2026 13:13

Programmierbarer Membrantransport

Lena Jauernig Stabsstelle Hochschulkommunikation
Universität Stuttgart

    Neu in Nature Nanotechnology: Eine DNA-Origami-Nanospritze transportiert Moleküle in synthetische Zellen. Der Vorgang wird mechanisch gesteuert. Das Werkzeug eröffnet neue Perspektiven für die synthetische Biologie, molekulare Therapeutika und gezielt gestaltete Bio-Grenzflächen. DOI: 10.1038/s41565-026-02249-3

    Der Transport von Molekülen durch biologische Membranen ist lebenswichtig. In der Natur erfolgt er einerseits durch passiven Transport, die sogenannte Diffusion. „Um Aufgaben zu bewältigen, die allein durch Diffusion nicht gelöst werden können, nutzen biologische Systeme oft mechanische Bewegungen“, sagt Prof. Laura Na Liu, Direktorin des 2. Physikalischen Instituts der Universität Stuttgart.

    Beispielsweise nutzen bestimmte Bakterien sogenannte extrazelluläre kontraktile Injektionssysteme. Diese molekularen Nanomaschinen durchstechen Zielzellen und schleusen auf diese Weise molekulare Fracht ins Zellinnere ein. Ähnlich, aber in viel größerem Maßstab, funktioniert in der Reproduktionsmedizin die intrazytoplasmatische Spermieninjektion. Bei dieser weit verbreiteten molekulartechnologischen Methode wird eine Spermienzelle mechanisch direkt in eine Eizelle eingebracht. Obwohl sich die zwei Beispiele in völlig verschiedenen Größenordnungen abspielen, beruhen die Injektionsmechanismen auf einem ähnlichen Prinzip: Mechanische Penetration ermöglicht den direkten Zugang über biologische Membranen hinweg.

    Forschende der Universität Stuttgart haben dieses Prinzip nun auf ein programmierbares DNA-Nanowerkzeug übertragen. Ihre DNA-Origami-Nanospritze stellen sie in der Fachzeitschrift Nature Nanotechnology vor.

    Mechanische Penetration synthetischer Zellen mittels DNA-Origami-Nanospritzen

    Die Nanospritze verankert sich an Lipidmembranen, durchdringt diese durch eine programmierbare mechanische Bewegung und schleust so molekulare Fracht in die synthetischen Zielzellen ein. Anschließend zieht sich die Nanospritze zurück, um die Membranintegrität wiederherzustellen. „Statt sich ausschließlich auf die passive Diffusion durch Nanoporen zu verlassen, ermöglicht das Werkzeug eine aktive räumliche und zeitliche Steuerung des Membrantransports“, sagt Prof. Laura Na Liu.

    Die Nanospritze besteht aus zwei modularen DNA-Origami-Komponenten: einer membranverankernden Basiseinheit und einer beweglichen Nadel. Beide Komponenten sind über einen reversiblen Gleitmechanismus miteinander verbunden. DNA-Strangverdrängungsreaktionen bewegen die Nadel nach vorne, um die Membran zu durchdringen, und rückwärts, um sie danach wieder zurückzuziehen – was einen vollständig programmierbaren mechanischen Zyklus ermöglicht. Diese reversible Ansteuerung erlaubt es, die an der Nadel befestigte molekulare Fracht durch Lipidmembranen zu transportieren, ohne deren Integrität dauerhaft zu beeinträchtigen.

    Vom Transport zur Funktionskontrolle

    Die Forschenden zeigen auch, was ihr Werkzeug über den mechanischen Molekültransport hinaus noch kann: „Sobald wir einen zuverlässigen und reversiblen Transport etabliert hatten, konnten wir die Plattform als programmierbare Schnittstelle nutzen, um ganz unterschiedliche biochemische Prozesse im Inneren von synthetischen Zellen zu steuern“ sagt Dr. Longjiang Ding, Erstautor der Studie.

    Das Team initiierte räumlich kontrollierte DNA-Hybridisierungskettenreaktionen an der Membran, aktivierte die RNA-Transkription durch die gezielte Abgabe von Promoter-Aktivatoren und schleuste katalytische DNAzyme ein, die RNA-Substrate innerhalb membrangebundener Kompartimente selektiv spalten. Das zeigt, dass der mechanische Transport über Membranen hinweg nachgelagerte biochemische Funktionen mit präziser zeitlicher Steuerung direkt regulieren kann.

    Hin zu dynamischen Bio-Grenzflächen

    Die Forschenden sind überzeugt, dass die Arbeit auch über den Membrantransport hinaus von Bedeutung ist. „Unsere Arbeit etabliert das mechanische Prinzip in der programmierbaren DNA-Nanotechnologie. Anstatt sich nur auf die molekulare Erkennung zu verlassen, können DNA-Nanowerkzeuge nun durch kontrollierte mechanische Bewegungen aktiv mit biologischen Membranen interagieren“, sagt Laura Na Liu.

    Zukünftige Entwicklungen könnten das programmierbare Einschleusen von Proteinen, Nukleinsäuren und anderen funktionellen Biomolekülen ermöglichen. Dies eröffnet neue Perspektiven für die synthetische Biologie, molekulare Therapeutika und gezielt gestaltete Bio-Grenzflächen.

    „Lebende Systeme sind dynamisch, zukünftige molekulare Technologien sollten in der Lage sein, auf ebenso dynamische Weise mit ihnen zu interagieren“, sagt Laura Na Liu. „Wir sehen programmierbare mechanische Werkzeuge als wichtige Ergänzung für den Baukasten der DNA-Nanotechnologie. Sie ermöglichen eine zunehmend differenzierte Kommunikation zwischen synthetischen molekularen Systemen und biologischen Umgebungen.“


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Laura Na Liu, Universität Stuttgart, 2. Physikalisches Institut, Tel.: +49 711 685-65218, E-Mail: na.liu@pi2.uni-stuttgart.de


    Originalpublikation:

    Über die Publikation:
    Ding, L., Fan, S., Hao, X. et al. A programmable DNA origami nanosyringe for directed membrane translocation. Nat. Nanotechnol. (2026).
    https://www.nature.com/articles/s41565-026-02249-3


    Weitere Informationen:

    https://www.uni-stuttgart.de/universitaet/aktuelles/meldungen/Programmierbarer-M...
    https://www.pi2.uni-stuttgart.de/de/


    Bilder

    Intrazytoplasmatische Spermieninjektion im Mikromaßstab (links) und DNA-Origami-Nanospritze im Nanomaßstab zur gezielten Membrantranslokation (rechts).
    Intrazytoplasmatische Spermieninjektion im Mikromaßstab (links) und DNA-Origami-Nanospritze im Nanom ...
    Quelle: 2. Physikalisches Institut
    Copyright: Universität Stuttgart

    Das Stuttgarter Team (v.l.n.r.): Prof. Stephan Nussberger, Xiang Hao, Dr. Longjiang Ding, Dr. Sisi Fan und Prof. Laura Na Liu.
    Das Stuttgarter Team (v.l.n.r.): Prof. Stephan Nussberger, Xiang Hao, Dr. Longjiang Ding, Dr. Sisi F ...
    Quelle: 2. Physikalisches Institut
    Copyright: Universität Stuttgart


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Biologie, Chemie, Medizin, Physik / Astronomie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).