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Wissenschaft
Russlands Krieg gegen die Ukraine verändert die Sicherheitspolitik im Ostseeraum. Zugleich müssen die Anrainerstaaten ihre Energieversorgung umbauen und die Ostsee besser schützen. Doch bei Militär, Energie und Umweltschutz verfolgen die Länder unterschiedliche Pläne, wie eine neue Publikation des Interdisziplinären Forschungszentrums Ostseeraums (IFZO) aufzeigt.
Die Ostsee verbindet Länder mit einer langen Geschichte des Handels, kulturellen Austauschs und politischer Konflikte. Heute stehen sie vor gemeinsamen Aufgaben: Sie müssen ihre Sicherheit stärken, die Energieversorgung umbauen und die Meeresumwelt schützen. Doch nationale Interessen und unterschiedliche politische Wege erschweren die Zusammenarbeit.
Sicherheit nach dem Ende des Kalten Krieges
Im Mittelalter verband die Hanse viele Ostseestädte durch Handel. Im 20. Jahrhundert teilte der Eiserne Vorhang die Region in zwei politische Systeme. Nach 1990 sollte die europäische Integration die Länder wieder näher zusammenbringen. Doch der wirtschaftliche und politische Wandel verlief unterschiedlich. Geschichte, Kultur und die Erfahrungen mit dem Wandel prägen die Länder bis heute; manche ehemals sozialistischen Staaten fühlten sich im Westen nicht als gleichberechtigte Partner.
Russlands Krieg gegen die Ukraine hat die Sicherheitspolitik erneut in den Mittelpunkt gerückt. Die NATO-Erweiterung stärkt die Zusammenarbeit. Doch damit Streitkräfte im Ernstfall schnell Grenzen überqueren können, müssen die Staaten Verkehrswege, Infrastruktur und Abläufe besser aufeinander abstimmen.
Energie: gemeinsame Ziele, unterschiedliche Pläne
Der Krieg hat die Abhängigkeit von Energieimporten und die Sicherheit der Versorgung stärker ins Bewusstsein gerückt. Zugleich müssen die Staaten ihre Treibhausgasemissionen senken. Gemeinsame Stromnetze und ein geplanter Wasserstoffkorridor könnten die Versorgung verbessern. Doch die Länder setzen auf unterschiedliche Lösungen: Einige planen mit Kernenergie, andere mit Flüssigerdgas oder Wasserstoff. Auch Gesetze und politische Ziele unterscheiden sich. Ohne abgestimmte Regeln und passende Netze bleibt eine gemeinsame Energieversorgung schwierig.
Auf dem Land zählt die Versorgung
In dünn besiedelten Regionen ist es schwer, Busverbindungen, Arztpraxen und andere öffentliche Angebote dauerhaft zu finanzieren. Wie gut das gelingt, hängt auch davon ab, welche Aufgaben Kommunen übernehmen und wie viel Geld sie selbst einsetzen können.
EU-Programme wie LEADER fördern lokale Entwicklungsprojekte. Sie gleichen die Unterschiede zwischen den Ländern jedoch nur teilweise aus. Gemeinsame Fördermittel schaffen nicht automatisch vergleichbare Lebensbedingungen.
Die Ostsee gemeinsam schützen
Fischbestände, Meeresverschmutzung und Klimafolgen machen nicht an Landesgrenzen halt. Deshalb müssen die Anrainer ihre Schutzmaßnahmen abstimmen. Dazu gehören der Schutz von Fischbeständen, erneuerbare Energien und die Wiedervernässung von Mooren. Auch die Bevölkerung muss verstehen, wie ihr Handeln die Ostsee beeinflusst. Das Konzept „Baltic Sea Literacy“ beschreibt das lokale Wissen der Menschen an der Ostsee über ihr Ökosystem, seine Gefahren und seinen Schutz und betont, wie wichtig es ist, dieses Wissen weiterzugeben.
Geschichte bleibt umkämpft
Auch historische Fundstücke und Denkmäler prägen die Identität der Region. Der Goldschatz von Hiddensee etwa wird nicht nur nach seiner Herkunft bewertet. Gesellschaftliche Vorstellungen und politische Interessen beeinflussen, wie er gedeutet und ausgestellt wird. Ähnlich umstritten sind Denkmäler: Was manche als Zeichen von Tradition sehen, verbinden andere mit Unterdrückung. Der Umgang mit solchen Erinnerungsorten zeigt, dass Geschichte auch heutige politische Konflikte prägt.
Zusammenarbeit braucht konkrete Schritte
„Der Ostseeraum ist eine Region gemeinsamer Interessen, die einzelnen Staaten gehen aber unterschiedliche Wege“, fasst Dr. Alexander Drost, wissenschaftlicher Geschäftsführer des IFZO, zusammen. „In der Sicherheitspolitik bringt der Krieg die Staaten enger zusammen. Unterschiedliche Energiepläne erschweren dagegen gemeinsame Lösungen.“ Auch beim Umweltschutz und bei der Entwicklung ländlicher Regionen reichen gemeinsame Ziele allein nicht aus. Entscheidend ist, ob die Anrainer ihre Pläne praktisch abstimmen: bei Verkehrswegen, Energienetzen, öffentlichen Angeboten und Umweltschutz. Erst dann werden aus gemeinsamen Herausforderungen gemeinsame Lösungen.
Weitere Informationen
Publikation: Challenges of the Baltic Sea Region. Fragmentation and Harmonisation in Transformation Processes. Herausgegeben von Margit Bussmann, Alexander Drost, Steffen Fleßa, Sebastian van der Linden. Rombach Wissenschaft, 1. Auflage 2026, 248 Seiten. Das Werk ist Teil der Reihe Studies of the Baltic Sea Region
Open-Access-Publikation: https://www.inlibra.com/de/document/view/detail/uuid/d9786ce9-ba09-332f-9d42-188...
Über das IFZO: Das Interdisziplinäre Forschungszentrum Ostseeraum (IFZO) erforscht die Geschichte, Gegenwart und zukünftigen Herausforderungen des nordöstlichen Europas. Im Zentrum der Arbeit steht der Ostseeraum als geographische und politische Einheit, die durch eine Vielfalt an Kulturen, ein einzigartiges Ökosystem und eine hohe geopolitische Bedeutung geprägt ist.
Gefördert durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), Fördernummer 01UC2102.
Ansprechpartner an der Universität Greifswald
Dr. Alexander Drost
Interdisziplinäres Forschungszentrum Ostseeraum (IFZO)
Bahnhofstraße 51, 17489 Greifswald
Telefon +49 3834 420 3341
alexander.drost@uni-greifswald.de
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
Geowissenschaften, Geschichte / Archäologie, Kulturwissenschaften, Meer / Klima, Politik
überregional
Forschungsprojekte, Wissenschaftliche Publikationen
Deutsch

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