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03.11.2026 14:44

„Die Verantwortung wird ausgelagert, weil die großen Player sich nicht kümmern wollen“

Christina Krätzig Abteilung 2
Universität Hamburg

    Die Beschlüsse oft zahnlos, die Klimapolitik weltweit auf Talfahrt und die Folgen kaum beherrschbar – unter diesen Vorzeichen startet die 31. Weltklimakonferenz (COP31) im November in der Türkei. Prof. Stefan Aykut vom Exzellenzcluster CLICCS der Universität Hamburg hat bereits sieben COPs vor Ort analysiert. Im Interview erzählt er, warum die EU aktuell tiefstapelt, warum wir mitentscheiden sollten, wie groß Autos werden dürfen, und wie wir morgen wieder Mehrheiten für Klimaschutz haben könnten.

    Die Stimmung gegen Klimaschutz nimmt weltweit zu. Für die Türkei wird erneut eine so genannte „Umsetzungs-COP“ angekündigt. Wie optimistisch sind Sie, dass es im November zu neuen Beschlüssen kommt?

    Im Grunde bewegen wir uns seit dem Paris-Abkommen von 2015 im Modus der Umsetzung. Es geht immer noch darum, die damals beschlossenen Ziele zu erreichen. Das fällt aber auf den Konferenzen sehr schwer.

    Warum?

    Eine Klimakonferenz ist eine Arena für Verhandlungen, im Vordergrund steht der Prozess. Klar ist, dass der Klimawandel sich nur über einen Ausstieg aus fossilen Energien begrenzen lässt. Doch im letzten Jahr ließ sich das Thema auf der COP in Brasilien kaum ansprechen, geschweige denn konkrete Schritte verabschieden. Wir reden stets von Umsetzung, sind aber eigentlich in einer tiefen Krise.

    Müssen die COPs reformiert werden?

    Durch das Konsensprinzip werden wichtige Beschlüsse immer wieder blockiert, weil einige fossile Staaten widersprechen. Das verhindert, dass die COP optimal funktioniert – ist jedoch schwierig zu ändern. Ein Ausweg sind kleinere Koalitionen, in denen Staaten untereinander höhere Ziele vereinbaren.

    Der zweite Punkt ist Glaubwürdigkeit. Eine ganze Reihe von Konferenzen haben in fossilen und in autoritären Staaten stattgefunden. Wer eine Weltklimakonferenz ausrichtet, sollte Mindeststandards in puncto Klimapolitik erfüllen. Und garantieren, dass die Zivilgesellschaft frei teilnehmen kann.

    Erwarten Sie Klimaproteste? Die Türkei ist ein repressiv regiertes Land. Kann sich Präsident Erdoğan Bilder von festgenommenen Klimaschützer:innen leisten?

    Ich habe das Gefühl, dass die Regierung sich im Moment alle möglichen Bilder leisten kann. Erdoğan hat wahrscheinlich wenig Skrupel. Der Bürgermeister von Istanbul sitzt seit 2025 im Gefängnis, der größte TV-Sender wurde gerade im Oktober 2026 gestürmt und geschlossen. Doch es gibt eine sehr lebendige Zivilgesellschaft in der Türkei, die sicher versuchen wird, dieses Fenster zu nutzen. Demonstrieren wird wohl möglich sein, jedoch ohne jede politische Äußerung.

    Die Türkei stellte vorab ein 10-Punkte-Programm vor und setzt neben Müllvermeidung und Kreislaufwirtschaft auf Elektrifizierung. Demnach soll der Anteil von Strom am weltweiten Energiemix von 20 auf 35 Prozent erhöht werden. Es bleibt aber offen, ob dieser Strom aus Kohle-, Öl- oder Gasverbrennung stammen darf.

    Grundsätzlich ist Elektrifizierung durchaus ein Weg zum Klimaschutz, führt allein aber nicht zu weniger Emissionen. Hier könnte die Idee sein, einen Konsens für die Abschlusserklärung zu vorzubereiten, der heikle Fragen ausklammert. Die Europäische Union sollte darauf drängen, den zusätzlichen Strom grün zu erzeugen. Weil diese Abschlusserklärungen stets nur dem Minimalkonsens entsprechen, haben kleinere Initiativen und Zusatzabkommen stark an Bedeutung gewonnen. Diese schaffen ein Momentum, sie erzeugen das Gefühl, es geht voran.

    Sehen Sie das positiv?

    Die Verantwortung wird ausgelagert, weil die großen Player sich nicht darum kümmern wollen. In der internationalen Klimapolitik wird viel Wert auf Narrative gelegt, fast wie Beschwörungen. Von COP zu COP werden neue Sachen lanciert, neue Versprechungen gemacht, um die Erzählung von der globalen Energiewende aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig spricht viel dagegen, dass die Wende jetzt passiert.

    Also ein Ablenkungsmanöver?

    Viele Menschen glauben daran und sind ehrlich engagiert. Aber Versprechen können gemacht und schnell wieder einkassiert werden. Große Unternehmen der Digitalbranche wie Microsoft haben regelmäßig versprochen, dass sie null Emissionen erreichen werden. Seit dem AI-Boom ist nicht mehr die Rede davon und niemand fragt mehr danach.
    Auch die EU hat in einem Strategiepapier die Erwartungen gedämpft, damit Menschen nicht demotiviert werden. Was halten Sie von dieser psychologischen Strategie?
    Um Druck zu erzeugen, setzen zivilgesellschaftliche Organisationen und bestimmte Staaten die Erwartungen oft hoch. Die EU hat in diesem Fall tiefgestapelt, um das Forum selbst zu schützen. Wir erleben zurzeit eine autoritäre Welle, die sich gegen Klimapolitik wendet. Die USA haben das Pariser Klimaabkommen aufgekündigt, es gibt Attacken auf demokratische Institutionen, die Klimawissenschaften werden zurückgebaut, Datensätze zerstört und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entlassen. Den Backlash spüren wir weltweit. Die Konferenzen selbst könnten also zur Disposition stehen.

    Wir leben in einer „Klimamutation“, sagen Sie. Das ist auch der Titel Ihres neuen Buches. Demnach können wir heute nicht mehr vorausschauend und rechtzeitig handeln, um die Risiken möglichst gering zu halten.

    Das allgemeine Gefühl ist heute: Der Klimawandel ist durch und kaum mehr rechtzeitig einzudämmen. Vor ein paar Jahren war noch ein ganz anderes Gefühl dominant. Da ging man davon aus, dass ein relativ geordneter Übergang zu emissionsarmen Gesellschaften gelingen könnte. Eine fossile Welt mit hohen Emissionen würde stetig in eine postfossile ohne Emissionen übergehen. Dazwischen könnte es zwar zu einigen Turbulenzen kommen, aber die Marschroute erschien doch relativ klar.

    Das ist nicht mehr realistisch?

    Eher nicht. Heute sprechen wir von Transformationen, in denen Rückschläge ein großer Teil des Prozesses sind. Der Umbau findet in großer Unsicherheit statt. Wann immer wir über Klima reden, müssen wir Verwerfungen auf globaler Ebene – man denke an geopolitische Spannungen, an den Krieg in der Ukraine, an Trumps Angriffe auf Venezuela oder Iran – und Fragen der Demokratie auf nationaler Ebene bedenken. Aufgrund dieser Abhängigkeiten ist völlig offen, wie die Transformation verläuft. Diese Unsicherheit beschreiben wir als Mutation.

    Eine Mutation geschieht normalerweise ohne unseren Willen und Einfluss. Sind wir hilflos?

    Viele Veränderungen können wir jetzt nicht mehr richtig steuern. Gesellschaften sind dabei zwei Prozessen gleichzeitig ausgesetzt: Die Klimazonen, in denen sie sich entwickelt haben, verändern sich. Und ihre materiellen Grundlagen, die sich häufig auf fossile Energien stützen, müssen sich verschieben. Die auftretenden Probleme sind teilweise vorhersehbar, teilweise unvorhersehbar, aber immer schwer zu kontrollieren. Doch wir sind nicht völlig machtlos.

    Wie lässt sich die Klimamutation wieder in aktive Transformation umwandeln?

    Selbst handeln und wirksam sein ist wichtig, am besten in Gruppen. Dem Gefühl von Ohnmacht und Ausgeliefertsein etwas entgegensetzen. Dazu können wir Klimafragen zunächst einmal kleiner machen, vor unsere Haustür schauen und auch kurzfristiger denken. Wir holen uns quasi das globale Klima zurück, kümmern uns um konkrete Fragen von Fahrradwegen, Gärten, Nachbarschaft, Zusammenleben, von sozialer Gerechtigkeit, und verbinden Klima mit anderen Themen, die uns wichtig sind. Dabei sollten wir aber die große Frage der notwendigen Transformation nicht aus den Augen verlieren.

    Wie lässt sich das konkret umsetzen?

    Wir müssen Räume für kollektive Handlungsträgerschaft öffnen – das Klima braucht eine lebendige Zivilgesellschaft! – und darüber hinaus positive Rückkopplungen zwischen Klimaschutz und anderen gesellschaftlichen Zielen nutzen. Wenn Gemeinden ihre Energieversorgung selbst in die Hand nehmen, damit Gewinne erzeugen und dann lokal Geld verteilen können – solche Initiativen sollten gefördert werden. Alle Hebel müssen gezogen werden, um die Grundlage für den gesellschaftlichen Umbau zu erweitern.

    Sie möchten auch die Wirtschaft unter demokratische Kontrolle bringen. Wo ist dies nicht der Fall?

    Zum Beispiel beim Konsum. Er verhindert erfolgreichen Klimaschutz systematisch. Erste Fortschritte in Richtung zu nachhaltigem Konsum werden immer wieder durch den Boom bei Fast Fashion, Digitalisierung und künstlicher Intelligenz zunichtegemacht. Autos haben zwar E-Motoren, werden aber immer größer. Immer neue Produkte konterkarieren, was wir an grünen Innovationen haben. Angesichts dieser Probleme können wir uns nicht auf die Märkte und deren grünes Wachstum verlassen. Wir müssen uns vom Dogma des Wachstums um jeden Preis verabschieden. Ein umfassendes Postwachstum ist politisch allerdings nicht mehrheitsfähig.

    Wie wird Konsum trotzdem klimafreundlicher?

    Wir sollten als Gesellschaft entscheiden, welche Bereiche wachsen sollen und welche nicht. Ist es denn normal, dass wir keinen Einfluss darauf haben, wie die nächste Generation von Autos aussieht, wie groß die sind, wie schwer? Dass wir keinen Einfluss darauf haben, wie energieintensiv Künstliche Intelligenz erzeugt wird? Wir brauchen politische Steuerungsfähigkeit, einen Mittelweg zwischen Markt und Postwachstum. Einige Bereiche werden schrumpfen müssen, aber um Wohlstand zu sichern, brauchen wir auch andere Bereiche, die wachsen.

    Der Klimaumbau braucht gleichzeitig die breite Unterstützung der Bevölkerung. Wie kommt man da hin?

    Wer finanziell gewinnt und wer verliert, sollte immer mit bedacht werden. Oft diskutieren wir die gesamtgesellschaftlichen Kosten, zum Beispiel, wie der CO2-Preis auf die Industrie wirkt. Er ist effizient, ja, aber individuell trifft er die Menschen sehr ungleich. Wer wenig hat, für den ist jede Preiserhöhung schmerzhaft – und die Zustimmung zum Klimaschutz kann schwinden. Deshalb kommen wir nur voran, wenn wir Umverteilung mitdenken und einen sozialen Ausgleich schaffen, zum Beispiel ein Klimageld. Ganz wichtig ist: es bringt nichts, einen tollen Plan bis 2050 zu haben, wenn auf dem Weg der gesellschaftliche Rückhalt verloren geht. Wir müssen heute die Bedingungen dafür schaffen, dass auch morgen wieder Mehrheiten für den Klimaumbau bestehen.

    *********************************************

    Prof. Stefan Aykut ist Experte für Weltklimakonferenzen und steht als Ansprechpartner für die Presse während der COP31 zur Verfügung (in Hamburg).


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Stefan Aykut
    Exzellenzcluster für Klimaforschung CLICCS
    Universität Hamburg
    Tel: +49 40 42838-8764
    stefan.aykut@wiso.uni-hamburg.de

    Stephanie Janssen
    Exzellenzcluster für Klimaforschung CLICCS
    Universität Hamburg
    Communication / Outreach
    stephanie.janssen@uni-hamburg.de


    Originalpublikation:

    Buch „Die Klimamutation“ von Stefan C. Aykut und Amy Dahan
    Aykut SC, Dahan A (2026): Die Klimamutation; Verhandlungen, Geopolitik, Demokratie
    Freier Download erhältlich unter https://beltz.de/die-klimamutation/CAM52229


    Weitere Informationen:

    https://Zur News: https://www.cliccs.uni-hamburg.de/de/about-cliccs/news/2026-news/2026-11-03-cop3...
    https://Zur COP31: COP31 vom 09. – 20.11.2026 in Antalya, Türkei
    https://Gastgeberländer: Australien, Türkei
    https://UNFCCC COP31 – The United Nations Framework Convention on Climate Change, 31st Conference of the Parties (COP31)


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Gesellschaft, Meer / Klima, Politik, Umwelt / Ökologie, Wirtschaft
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

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