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03.11.2026 14:59

Mobilität von Mensch und Krankheit in der Spätantike

Jan Steffen Media and Public Outreach
Cluster of Excellence ROOTS - Social, Environmental, and Cultural Connectivity in Past Societies

    Eine vom Exzellenzclusters ROOTS geförderte Studie weist in einem Gräberfeld an der Nordseeküste aus dem 5. Jahrhundert einen in Europa bislang nicht nachgewiesenen Lepra-Erreger nach.

    Westgotische und vandalische Verbände ziehen nach Italien und erobern Rom, die Hunnen verbreiten auf ihren Kriegszügen durch Westeuropa Angst und Schrecken, die Franken dehnen ihren Herrschaftsbereich nach Süden aus – das 5. Jahrhundert war in Europa eine Epoche tiefgreifender, oft gewaltsamer Umbrüche und gleichzeitig großer Mobilität. Einen individuellen Fall dieser Mobilität konnten Forschende des Instituts für Klinische Molekularbiologie (IKMB) der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und des Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung (NIhK) jetzt im Gräberfeld von Fallward im heutigen Landkreis Cuxhaven nachweisen.

    „Genetische Analysen belegen die Herkunft eines in Fallward bestatteten Mannes aus dem Donauraum. Außerdem war er mit einem sehr seltenen Lepra-Erreger infiziert. Es ist der erste Vertreter dieser Gruppe, der in Europa identifiziert wurde“, sagt Daniel Myburgh vom IKMB. Er ist der Erstautor der Studie, die nun in der Fachzeitschrift iScience veröffentlicht wurde.

    Die archäologische Denkmalpflege des Landkreises Cuxhaven hat das Gräberfeld von Fallward bereits in den 1990er Jahren untersucht. Dank des feuchten Untergrunds waren hölzerne und textile Grabbeigaben vollständig erhalten.

    Befunde und Funde des Bestattungsplatzes werden derzeit im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes am NIhK in Wilhelmshaven erstmals vollständig ausgewertet. Im Fokus stehen dabei damals im Block geborgene und in tiefgefrorenem Zustand verwahrte Objekte, die die Beteiligten nun unter Laborbedingungen untersuchen werden.

    In diesem Zusammenhang erhielt die Arbeitsgruppe für Alte DNA am IKMB in Kiel Knochenproben von elf Individuen, um mit Mitteln des Exzellenzclusters ROOTS mögliche genetische Verwandtschaften zu klären oder Spuren von Infektionskrankheiten zu finden.

    Bereits die archäologischen Funde deuten auf Fernbeziehungen

    „Drei der Individuen lieferten ausreichende Daten für eine populationsgenetische Analyse. Auffällig waren die Ergebnisse vor allem bei einem Individuum“, sagt der Studienleiter Professor Ben Krause-Kyora vom IKMB

    Der Mann war in einem Boot und mit zahlreichen Beigaben aus Holz, Keramik und Metall bestattet worden. „Besonderes wissenschaftliches Interesse erregte das im Grab niedergelegte Mobiliar, zu dem auch ein aus einem Erlenstamm gearbeiteter, kunstvoll verzierter Stuhl gehörte. Darüber hinaus besaß der Mann einen spätrömischen Militärgürtel, welcher auf Fernverbindungen des Bestatteten hindeutete“, erklärt Prof. Dr. Hauke Jöns vom NIhK.

    Die neuen genetischen Analysen bestätigten diese Hinweise. Sie belegen die Herkunft des Mannes aus dem Donauraum und die ungewöhnliche Leprainfektion. Der spezielle Erreger gehört zu einer Gruppe, deren frühester bekannter Vertreter aus Ägypten zwischen dem 4. und 2. Jahrhundert v. Chr. stammt. In Mittel- und Nordeuropa ist er bislang nicht nachgewiesen.

    Genetische Analysen zeigen auch Mobilität von Krankheiten

    „Lepra ist eine chronische Krankheit. Es kann Jahre dauern, bis sich deutliche Symptome zeigen. Der Mann hatte noch keine Knochenschäden. Entweder war er von einer asymptomatischen Form der Krankheit betroffen oder die Krankheit hatte bislang nur Weichteile angegriffen. Er kann mit der Krankheit über weite Entfernungen gereist sein“, erläutert Professorin Almut Nebel vom IKMB, ebenfalls Autorin der Studie.

    Die genetischen Analysen bestätigen damit das Bild eines Mannes, der zwar an der Nordsee bestattet worden ist, dessen Wurzeln jedoch im Donauraum lagen und der Verbindungen nach Südosteuropa und in den Mittelmeerraum hatte. Vermutlich hat er über einen gewissen Zeitraum dort gelebt. „Er könnte beispielsweise Söldner in der römischen Armee gewesen sein, der sich später zwischen Elbe und Weser niederließ. Oder er könnte als Händler lange Reisen unternommen haben“, sagt Prof. Dr. Ben Krause-Kyora.

    Auch wenn die genaue Herkunft des Mannes unbekannt bleibt, zeigen die Analysen die Komplexität individueller Lebensgeschichten während der Spätantike – und die Mobilität von Krankheitserregern in einer über weite Entfernungen vernetzten Welt.


    Wissenschaftliche Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Ben Krause-Kyora
    Institut für Klinische Molekularbiologie der CAU/Exzellenzcluster ROOTS
    +49 431 880-15142
    b.krause-kyora@ikmb.uni-kiel.de

    Daniel Anton Myburgh
    Institut für Klinische Molekularbiologie der CAU
    +49 431 880-15123
    d.myburgh@ikmb.uni-kiel.de

    Prof. Almut Nebel
    Institut für Klinische Molekularbiologie der CAU/Exzellenzcluster ROOTS
    +49 431 500-15155
    a.nebel@mucosa.de
    Wissenschaftliche Kontakte am NIhK:

    Prof. Dr. Hauke Jöns
    Niedersächsisches Institut für Historische Küstenforschung
    Viktoriastraße 26/28
    26382 Wilhelmshaven
    +49 (0)4421-915 112
    joens@nihk.de

    Christina Peek M.A.
    Viktoriastr. 26/28
    26382 Wilhelmshaven
    +49 (0) 4421 - 915 152
    peek@nihk.de


    Originalpublikation:

    Daniel Anton Myburgh, Nicolas Antonio da Silva, Joanna H. Romeyer-Dherbey, Silke Grefen-Peters, Hauke Jöns, Christina Peek, Almut Nebel, Ben Krause-Kyora(2026). Paleogenomics reveals leprosy at the late antique burial site of Fallward in northern Germany. iScience, Volume 29, Issue 11, 2026, 17877, https://doi.org/10.1016/j.isci.2026.117877


    Weitere Informationen:

    https://www.cluster-roots.org Der Exzellenzcluster ROOTS
    https://www.ikmb.uni-kiel.de/research-group/ancient-dna-research/ die aDNA-Arbeitsgruppe am Institut für Klinische Molekularbiologie der CAU
    https://nihk.de/ Das Niedersächsische Institut für historische Küstenforschung (NIhK)


    Bilder

    DNA-Anlaysen belegen die Herkunft eines im 5. Jahrhundert in Fallward bestatteten Mannes aus dem Donauraum. Außerdem zeigen sie, dass er mit einem aus dem Mittelmeerraum stammenden Lepra-Erreger infiziert war.
    DNA-Anlaysen belegen die Herkunft eines im 5. Jahrhundert in Fallward bestatteten Mannes aus dem Don ...
    Quelle: Petra Horstmann
    Copyright: Cluster ROOTS/Uni Kiel


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Geschichte / Archäologie, Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

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