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Wissenschaft
Die Akutversorgung des Schlaganfalls hat große Fortschritte gemacht – doch die Nachsorge bleibt eine Herausforderung. Rund 70.000 Menschen erleiden in Deutschland jährlich einen erneuten Schlaganfall. Wie lässt sich das Risiko senken? Zwei große deutsche Versorgungsstudien, SANO und StroCare, konnten keinen eindeutigen Zusatznutzen ihrer Nachsorgekonzepte belegen. Neue Ansätze setzen deshalb auf eine stärker individualisierte Betreuung – auch mithilfe künstlicher Intelligenz, wie das europäische Forschungsprojekt UMBRELLA zeigt.
Die Akutversorgung des Schlaganfalls hat in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht. Spezialisierte Stroke Units, moderne Bildgebung und innovative Behandlungsmethoden haben die Versorgung entscheidend verbessert. Doch was geschieht, wenn die Patientinnen und Patienten das Krankenhaus und die Rehabilitation verlassen? Wie gelingt es, Behandlungserfolge langfristig zu sichern, erneute Schlaganfälle zu verhindern und die Lebensqualität der Betroffenen nachhaltig zu verbessern?
Wie eine (ältere) deutsche Krankenkassendatenanalyse [1] zeigt, erleiden 7,4 Prozent der Betroffenen innerhalb eines Jahres einen weiteren Schlaganfall, innerhalb von fünf Jahren sind es 19,4 Prozent. Aktuelle sind rund 70.000 Menschen in Deutschland jährlich von einem Rezidiv-Schlaganfall betroffen [2]. Wie lässt sich ihre langfristige Versorgung verbessern?
Die langfristige Schlaganfallnachsorge zählt daher weiterhin zu den großen Herausforderungen des deutschen Gesundheitssystems. Obwohl der Bedarf an einer strukturierten, sektorenübergreifenden Versorgung seit Langem bekannt ist, fehlen vielerorts verbindliche Standards, klare Verantwortlichkeiten und ausreichend vernetzte Versorgungsstrukturen.
SANO und StroCare lieferten wichtige Erkenntnisse – trotz fehlendem Nutzennachweises
Mit den vom Innovationsfonds geförderten Projekten SANO und StroCare wurden in Deutschland zwei bedeutende Ansätze zur Verbesserung der Schlaganfallnachsorge wissenschaftlich untersucht.
SANO [3] setzte auf eine strukturierte ambulante Nachsorge mit dem Ziel, vaskuläre Folgeereignisse zu reduzieren und die Sekundärprävention zu verbessern. Ein eindeutiger Wirkungsnachweis des Programms konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.
StroCare untersuchte eine stärker koordinierte, sektorenübergreifende Versorgung mit besonderem Augenmerk auf patientenbezogene Behandlungsergebnisse und Lebensqualität. Die wissenschaftliche Evaluation von StroCare zeigte ein differenziertes Bild: Während die qualitative Prozessevaluation [4] positive Erfahrungen insbesondere hinsichtlich Patientenorientierung und psychosozialer Unterstützung beschreibt, führten die Gesamtergebnisse nicht zu einer Empfehlung des Gemeinsamen Bundesausschusses [5] für eine Überführung des Versorgungskonzepts in die Regelversorgung.
„Damit ist die Diskussion um eine bessere Schlaganfallnachsorge keineswegs beendet. Im Gegenteil: Die Studien liefern wichtige Erkenntnisse für die Entwicklung zukünftiger Versorgungskonzepte. Die Ergebnisse aus SANO und StroCare sind kein Schlusspunkt, sondern ein wichtiger Ausgangspunkt für die nächste Entwicklungsphase der Schlaganfallnachsorge“, erklärt Prof. Dr. Götz Thomalla, Schlaganfallexperte vom UKE in Hamburg und Präsident des DGN-Kongresses 2026.
Die entscheidende Frage laute deshalb nicht mehr nur, ob Deutschland eine strukturierte Schlaganfallnachsorge braucht, sondern wie diese gestaltet sein muss, damit sie für Patientinnen und Patienten einen nachweisbaren Unterschied macht.
Die „Learnings“? Von standardisierten Programmen zu individueller Versorgung!
Eine zentrale Erkenntnis ist, ob alle Schlaganfallbetroffenen gleichermaßen von intensiven Nachsorgeprogrammen profitieren oder ob gezieltere, an individuellen Risiken und Bedürfnissen orientierte Angebote erforderlich sind. Auch der richtige Zeitpunkt, die Dauer und die Intensität einer strukturierten Nachsorge sind bislang nicht abschließend geklärt. Vor diesem Hintergrund gewinnen neue Ansätze an Bedeutung, die eine stärker personalisierte, kontinuierliche und bedarfsorientierte Nachsorge ermöglichen sollen. Im Mittelpunkt steht die Frage stehen, wie individuelle Versorgungsbedarfe frühzeitig erkannt, geeignete Maßnahmen eingeleitet und Behandlungsergebnisse langfristig überprüft werden können.
Digitale Unterstützung, strukturierte Bedarfserhebung und eine bessere Vernetzung der beteiligten Berufsgruppen könnten hierfür wichtige Bausteine sein. Entscheidend wird jedoch sein, den tatsächlichen Nutzen solcher Ansätze in wissenschaftlichen Untersuchungen nachzuweisen.
UMBRELLA: Europäische Forschung für eine personalisierte, KI-gestützte Schlaganfallversorgung
Auf europäischer Ebene werden derzeit neue Wege für eine solche verbesserte und stärker individualisierte Schlaganfallversorgung erforscht. Ein Beispiel ist das im Oktober 2024 gestartete und bis September 2029 laufende Forschungsprojekt UMBRELLA [6], an dem auch das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) beteiligt ist. Das Projekt wird im Rahmen der europäischen Innovative Health Initiative (IHI) gefördert und verfolgt das Ziel, die gesamte Versorgungskette vom ersten Schlaganfallverdacht über die Akutbehandlung bis zur Rehabilitation und langfristigen Nachsorge stärker zu vernetzen und individuell auszurichten. Hierzu arbeiten sieben führende europäische klinische Zentren an gemeinsamen Standards für die Erhebung und Auswertung von Versorgungsdaten.
Auf dieser Grundlage entsteht eine dezentrale Datenplattform, mit deren Hilfe KI-gestützte Verfahren entwickelt und überprüft werden sollen. Diese sollen unter anderem helfen, individuelle Risiken besser vorherzusagen, Therapieentscheidungen zu unterstützen und den weiteren Krankheitsverlauf einzuschätzen. Durch sogenanntes „Federated Learning“ können die beteiligten Einrichtungen gemeinsam KI-Modelle trainieren, ohne sensible Patientendaten zentral zusammenführen zu müssen. Ergänzend werden standardisierte Behandlungspfade und digitale Instrumente zur Verlaufskontrolle und Patientenbeteiligung entwickelt und erprobt.
„Für die Schlaganfallnachsorge ist insbesondere der Ansatz interessant, individuelle Risiken und Versorgungsbedarfe früher zu erkennen und die Betreuung gezielter daran auszurichten“, erklärt Thomalla. „UMBRELLA könnte damit wichtige wissenschaftliche Grundlagen für eine stärker datenbasierte und personalisierte Schlaganfallnachsorge schaffen.“
Literatur
[1] Stahmeyer JT, Stubenrauch S, Geyer S, Weissenborn K, Eberhard S. The Frequency and Timing of Recurrent Stroke: An Analysis of Routine Health Insurance Data. Dtsch Arztebl Int. 2019 Oct 18;116(42):711-717. doi: 10.3238/arztebl.2019.0711. PMID: 31711561; PMCID: PMC6891883.
[2] Angaben des IQWiG: https://www.gesundheitsinformation.de/wie-laesst-sich-einem-erneuten-schlaganfal...
[3] Schwarzbach CJ, Eichner FA, Rücker V, Hofmann AL, Keller M, Audebert HJ, von Bandemer S, Engelter ST, Geis D, Gröschel K, Haeusler KG, Hamann GF, Meisel A, Sander D, Schutzmeier M, Veltkamp R, Heuschmann PU, Grau AJ; SANO study group. The structured ambulatory post-stroke care program for outpatient aftercare in patients with ischaemic stroke in Germany (SANO): an open-label, cluster-randomised controlled trial. Lancet Neurol. 2023 Sep;22(9):787-799. doi: 10.1016/S1474-4422(23)00216-8. Epub 2023 Jul 14. Erratum in: Lancet Neurol. 2023 Nov;22(11):e12. doi: 10.1016/S1474-4422(23)00382-4. PMID: 37459876.
[4] Schrage T, Glissmann C, Thomalla G, Rimmele DL, Schmidt H, Rosenkranz M, Boskamp S, Härter M, Kriston L. Process evaluation of a cross-sectoral, coordinated follow-up care of stroke patients: a qualitative study. Neurol Res Pract. 2025 Jan 23;7(1):4. doi: 10.1186/s42466-024-00360-1. PMID: 39844272; PMCID: PMC11755855.
[5] G-BA-Beschluss vom 21.03.2025: StroCare – Optimierte sektorenübergreifende, koordinierte und evidenzbasierte Behandlung von Schlaganfallpatienten durch übergreifende Prozessverantwortung und patientenorientierte Ergebnisqualitätsmessung. https://innovationsfonds.g-ba.de/beschluesse/strocare.296?utm_source=chatgpt.com
[6] European Commission. Unleashing a CoMprehensive, Holistic and Patient Centric Stroke Management for a Better, Rapid, AdvancEd and PersonaLised Stroke Diagnosis, TreAtment and Outcome Prediction. https://cordis.europa.eu/project/id/101172825
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www.praevention-wirkt.de
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Merkmale dieser Pressemitteilung:
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überregional
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