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10.11.2004 16:26

Wie die Jenaer Universität zu einer Muskelkirche kam

Hans-Georg Kremer Abteilung Hochschulkommunikation/Bereich Presse und Information
Friedrich-Schiller-Universität Jena

    Festkolloquium zum 75-jährigen Bestehen der Landesturnanstalt am 15. November in Jena

    Jena (10.11.04) Seit 1910 hat sich die Universität Jena um den Bau einer eigenen Turnhalle bemüht, die der Turnlehrerausbildung und dem damaligen "Hochschulsport" dienen sollte. Finanzielle Begrenzungen der Thüringer Kleinstaaten bis 1918, der Erste Weltkrieg, die folgende Inflation und andere Faktoren verhinderten zunächst den Erfolg in dieser Richtung. Dem Jenaer Turnlehrer am Gymnasium Herrmann Herbarth ist die Realisierung zu verdanken. Er initiierte die Zusammenlegung der Projekte einer Universitätsturnhalle und der Landesturnanstalt, die sich durchsetzte, so dass im Sommer 1927 mit dem Bau begonnen werden konnte.

    Im Vorfeld gelang es, alle interessierten Kräfte in Thüringen zu bündeln. Die Universitätsleitung, die Freunde und Förderer der Universität, die Studentenschaft (vergleichbar mit dem Studentenrat) der Universität, die Stadt Jena, der Stadt- und Landesausschuss für Leibesübungen (ähnlich dem Stadt- und Landessportbund), der Thüringer Turnlehrerverein und die Carl-Zeiss-Stiftung engagierten sich für den Bau dieser Einrichtung. Es grenzt trotzdem schon fast an ein Wunder, dass von der ersten Beratung zwischen dem damaligen Ministerpräsidenten Richard Leutheusser, weiteren Landesministern und dem Rektor im Sommer 1926 und der Fertigstellung Ende 1929 nur reichlich drei Jahre vergingen. Dies verwunderte umso mehr, als in dieser Zeit drei Mal die Thüringische Regierung wechselte. Erschwerend kam hinzu, dass sich die Weltwirtschaftskrise, die im Dezember 1929 massiv einsetzte, bereits abzeichnete.

    Die Befürworter der Landesturnanstalt konnten sich sogar in Konkurrenz zu ähnlichen Projekten in der Landeshauptstadt Weimar durchsetzen, was am Ende das "Baugeld" in Höhe von 500 000 Reichsmark nach Jena brachte. Damit muss man den Befürwortern eine vorausschauende Sicht bescheinigen, hat doch diese Einrichtung bis heute positive Wirkungen auf Thüringens Sportlandschaft. Mehr als die Hälfte der in Thüringen vor 1990 ausgebildeten Sportlehrer kommt aus Jena. Seit der Wende kommen dazu noch qualifizierte Spezialisten durch die neuen sportwissenschaftlichen Studiengänge.

    Leider stößt die akademische Sportausbildung in Jena seit Jahren an materielle Grenzen. Für fast 1.300 Studierende der Sportwissenschaft stehen noch fast die gleichen Sporthallenkapazitäten zur Verfügung wie 1929, als sie für etwa 100 Sportlehrerstudenten angedacht war. Eine ähnliche Bündelung aller Kräfte, wie in den zwanziger Jahren würde vielleicht heute beim Projekt des Universitätssportvereins (USV), dem Bau einer Dreifelderhalle ebenfalls Früchte tragen. Leider fehlt noch die Unterstützung durch das Sportinstitut.

    Am 13. November 1929, also vor 75 Jahren, wurde das Gebäude des heutigen Instituts für Sportwissenschaft in Jena in Betrieb genommen. Auf Grund seiner ungewöhnlichen äußeren Form hatte es schon damals den unter Jenensern bekannten Spitznamen "Muskelkirche" erhalten. Sollte diese Bezeichnung anfangs als Kritik an der Bauform gelten, wandelte sich der Inhalt im Lauf der Jahre. Heute wird diese Bezeichnung von Absolventen des Instituts eher liebevoll als eine Art Prädikat betrachtet.

    Die Landesturnanstalt sollte für die Aus- und Weiterbildung von Turnlehrern und vor allem von Übungsleitern in Thüringens Sportvereinen dienen. Man könnte sie etwa mit der heutigen Sportakademie des Landessportbundes in Bad Blankenburg vergleichen. Die Landesturnanstalt existierte aber nur wenige Jahre und ging 1934 in dem neu gegründeten Institut für Leibesübungen der Universität Jena auf.

    Warum wählte der Baumeister Jakob Schrammen diese "altmodische Bauform", die an das Schößchen Belvedere bei Weimar erinnert? Wie ist die damalige inhaltliche Ausgestaltung des Sportbetriebes an der Jenaer Universität in Bezug zur Entwicklung in ganz Deutschland zu bewerten? Antworten auf diese und viele weitere Fragen kann man bei einem Festkolloquium am 15. November ab 18.00 Uhr in der Aula der Universität (Fürstengraben 1) erhalten. Die Öffentlichkeit ist herzlich eingeladen.


    Bilder

    Die Jenaer "Muskelkirche" 1932.
    Die Jenaer "Muskelkirche" 1932.
    Foto: USV-Fotoarchiv
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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Geschichte / Archäologie, Sportwissenschaft
    regional
    Buntes aus der Wissenschaft
    Deutsch


     

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