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18.03.2011 14:36

Psychosomatik-Kongress in Essen: Belastungen in der Arbeitswelt reduzieren und vorbeugen

Medizin - Kommunikation Medizinkommunikation
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

    Essen – Die Forschung zum „Burnout“ zählt vor allem arbeitsorganisatorische Rahmenbedingungen zu den Risiken für die chronische Erschöpfung – und weniger individuelle Gründe. Wachsende Belastung im Job führten immer häufiger zu „psychischen Verletzungen“ psychisch gesunder Menschen, sagt Professor Dr. med. Wolfgang Senf aus Essen. Dadurch erhöht sich auch die Arbeitsunfähigkeit: Psychische Erkrankungen insgesamt verursachten im Jahr 2010 rund zwölf Prozent der Krankheitstage. Als Präsident des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie fordert Professor Senf im Vorfeld der Tagung Vorbeugung durch die Unternehmen. Der Kongress eröffnet am 23. März 2011 in Essen.

    Zu den Auslösern von chronischem Stress gehören hohes Arbeitsvolumen, Zeitdruck, geringe Gestaltungsspielräume und paralleles Arbeiten an mehreren Aufgaben. Auch ständige Erreichbarkeit führt dazu, dass Menschen nicht mehr „abschalten“ können. Wenn Arbeitszeit und Freizeit verwischen, fehlen wichtige Erholungsphasen: „Zur totalen Erschöpfung kommt es schließlich, wenn Menschen ihren arbeitsbedingten Ressourcen- und Energieverbrauch nicht mehr auffüllen können“, sagt Professor Senf, Essen. Insbesondere sehr leistungsfähige und leistungsorientierte Beschäftigte seien von Burnout betroffen. „Gut zu sein, wird gewissermaßen zum Risiko: Wenn Sie Ihre Arbeit gut machen, bekommen Sie einfach noch ein Projekt dazu“, ergänzt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). Durch Überlastung kann es zu einer psychischen, körperlichen wie auch geistigen Erschöpfung bei bisher psychisch Gesunden kommen. Burnout ist deshalb keine psychiatrische Erkrankung“, betont Professor Senf.

    Solide Zahlen zum „Ausgebranntsein“ fehlen bislang. Denn im ärztlichen Abrechnungskatalog gibt es keine Diagnose „Burnout“. Zahlen der Krankenkassen und Studien in ausgewählten Berufsgruppen deuten jedoch darauf hin: Mit den Arbeitsbelastungen nehmen die Fehlzeiten zu. Dies betrifft helfende und medizinische Berufe oder auch Lehrer. Aber auch in der Informationstechnologie-Branche beispielweise zeigen ein Viertel der Beschäftigten Anzeichen chronischer Erschöpfung. Dies hat eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Untersuchung am Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen ergeben. Die Psychologin Dr. phil. Anja Gerlmaier und ihr Kollege Dr. rer. soc. Erich Latniak haben 331 Beschäftigte nach ihrer Belastungssituation befragt: Nur 29 Prozent der Teilnehmer gaben an, nach der Arbeit problemlos abschalten zu können, und nur noch 37 Prozent der IT-Spezialisten meinen, ihre Arbeit sei auf Dauer durchzuhalten. „Dies ist eine bedenkliche Gesamtsituation und zeigt den dringenden Handlungsbedarf auf betrieblicher Ebene“, sagt Dr. Gerlmaier.

    Zusammen mit den Beschäftigten und Unternehmen haben die Forscher daher vorbeugende Maßnahmen gegen Überlastung erarbeitet und getestet. Entscheidend für die Vermeidung von Stress waren danach eine gute Führungsqualität der Vorgesetzten und die Möglichkeit auf Termine und Arbeitsvolumen Einfluss zu nehmen. „Auch gezielte Pausen, etwa nach zwei Stunden, schaffen Erholung und sind in arbeitsreichen Phasen umso wichtiger“, empfiehlt Dr. Gerlmaier. Häufige Unterbrechungen seien Stressverursacher. Hier helfe es, sich für konzentriertes Arbeiten zeitweise von Telefon und Anfragen „auszuklinken“. Auch die Begrenzung auf maximal zwei Projekte vermindere Zeitdruck.

    „In einer besseren Arbeitsgestaltung liegen erhebliche gesundheitsfördernde und auch leistungserhaltende Potenziale“, sagt Professor Senf. Und diese sollten angesichts der stressbedingten psychischen Erkrankungen auch genutzt werden. „Schließlich vergeuden wir damit erhebliche Ressourcen, wenn Menschen chronisch erschöpft sind“, so Senf. Seelische Krisen durch gesellschaftliche Belastungen hat der Kongresspräsident daher auf das Programm des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie gesetzt. Im Rahmen der Kongress-Pressekonferenz am Donnerstag, 24. März 2011 informiert Professor Senf zudem über Bewältigungsstrategien.

    Literatur:
    B. Schulze: Energiekrise in der Arbeitswelt? In: Psychotherapie im Dialog 2009; 10 (3), S. 201-208, DOI: 10.1055/s-0029-1223319

    Gesundheitsreport 2011 der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK)

    A. Gerlmaier, A. Kümmerling, E. Latniak: Gesund altern in High-Tech-Branchen? Im Spannungsfeld von Innovation und Intensivierung, IAQ-Report 2010 (4)

    Terminhinweise:

    Kongress-Pressekonferenz:
    Donnerstag, 24. März 2011, 12.45 bis 13.45 Uhr, Konferenzraum N (Congress Center Süd, Essen)

    Themen und Referenten
    + Krankmachende Arbeitswelt, psychosoziale Krisen und Traumata
    Wie können Menschen psychosoziale Belastungen besser bewältigen?
    Professor Dr. med. Wolfgang Senf
    Kongresspräsident für die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM), Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universität Duisburg-Essen

    + Interdisziplinarität: Welche Rolle spielt die Psychosomatik in der Medizin?
    Professor Dr. med Hans Georg Nehen
    Kongresspräsident für das Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM), Direktor der Klinik für Geriatrie, Elisabeth-Krankenhaus Essen

    + Jeder vierte Krebspatient leidet an psychischen Störungen:
    Wie lassen sich Belastungen der Erkrankung mithilfe der Psychoonkologie verbessern?
    Professor Dr. med. Dipl.-Psych. M.E. Beutel
    Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Mainz

    + Psychosomatische Behandlung von Menschen aus anderen Kulturkreisen:
    Wie sehr steuert die Kultur unsere Gefühle?
    Privatdozentin Dr. med. (TR) Yesim Erim
    Leitende Oberärztin an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Duisburg-Essen

    + Körperliche Beschwerden ohne Befund: eingebildete Krankheit oder echtes Leiden?
    Professor Dr. med. Peter Henningsen
    Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin, Klinikum rechts der Isar der TU München Klinikum rechts der Isar der TU München

    + Auch der Körper leidet mit – zu den somatischen Folgen frühkindlicher Gewalterfahrung
    Professor Dr. med. Johannes Kruse
    Stellvertretender Vorsitzender DGPM, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie, Universitätsklinikum Gießen

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    Kongressveranstaltungen zum Thema

    Eröffnungsvortrag:
    Seeleninfarkt - Seelische Krise durch gesellschaftliche Belastung? Claus Leggewie, Essen
    Mittwoch, 23. März 2011, 18.30 bis 19.30 Uhr, Saal Europa (Congress Center West, Essen)

    Symposium: Interdisziplinärer Dialog: Seelische Krise durch gesellschaftliche Belastungen?
    Belastung und Bewältigung in der modernen Arbeits- und Lebenswelt
    Donnerstag, 24. März 2011, 16.00 bis 17.30 Uhr, Saal Brüssel (Congress Center West, Essen)

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    Pressekontakt für Rückfragen:
    Deutscher Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
    Pressestelle
    Anne-Katrin Döbler, Christine Schoner
    Postfach 30 11 20, 70451 Stuttgart
    Tel: 0711 8931-573; Fax: 0711 8931-167
    schoner@medizinkommunikation.org
    http://www.deutscher-psychosomatik-kongress.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Gesellschaft, Medizin, Psychologie, Wirtschaft
    überregional
    Pressetermine, Wissenschaftliche Tagungen
    Deutsch


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