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28.02.2012 09:53

Der lange Weg zur modernen Medizin

Gunnar Bartsch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Vor rund 200 Jahren entstanden in Deutschland die ersten Polikliniken. Ihre Aufgaben unterschieden sich allerdings deutlich von denen ihrer heutigen Namensvetter. Wie Ärzte dort arbeiteten, untersuchen Medizinhistorikerinnen der Universität Würzburg in einem auf mehrere Jahre angelegten Forschungsprojekt.

    Wer vor 200 Jahren ernsthaft krank wurde, hat sich nicht mal eben zur stationären Aufnahme ins Krankenhaus einweisen lassen. Ein Aufenthalt in einer Klinik war zu dieser Zeit die große Ausnahme. Stattdessen kam der Arzt ins Haus – was für die finanziell besser Gestellten kein Problem war. Schwierig war es hingegen für Menschen aus ärmeren Schichten, die sich das Arzthonorar nicht leisten konnten. Doch auch sie blieben nicht ohne ärztliche Versorgung. Sogenannte „Krankenbesuchs-Anstalten“ – damals auch Polikliniken genannt – hatten es sich zum Auftrag gemacht, Kranke aus unteren Gesellschaftsschichten zu Hause zu behandeln.

    Gleichzeitig erfüllten sie noch eine zweite Aufgabe: „In diesen Polikliniken durchliefen angehende Mediziner im Prinzip ihre praktische Ausbildung“, erklärt Dr. Karen Nolte, Privatdozentin am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg. „Gemeinsam mit den Assistenzärzten gingen Medizinstudenten in Armenviertel und behandelten dort kostenlos Kranke.“

    Das Forschungsprojekt

    „Ambulante ärztliche Krankenversorgung um 1800 – ‚Krankenbesuchs-Anstalten‘ der Universitäten Würzburg und Göttingen“: So lautet der Titel eines Forschungsprojekts, das die Medizinhistorikerin Nolte derzeit leitet. Finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft untersucht sie gemeinsam mit der Historikerin Dr. Stephanie Neuner die Anfänge eines Gesundheitswesens, in dem Kliniken, Polikliniken und niedergelassene Ärzte sich heute die Aufgaben im Idealfall teilen.

    Das Projekt ist Teil eines größeren Forschungsvorhabens zur ärztlichen Praxis vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, an dem insgesamt acht Einrichtungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beteiligt sind. Sprecher des Forschungsverbunds ist der Inhaber des Würzburger Lehrstuhls für Medizingeschichte, Professor Michael Stolberg.

    Eine einzigartige Sammlung von Krankengeschichten

    Für ihre Forschung können Karen Nolte und Stephanie Neuner auf einen reichen Fundus an Originalquellen zugreifen: eine einzigartige Sammlung von mehr als 700 handschriftlichen Krankengeschichten, die Conrad Heinrich Fuchs (1803-1855) zu Lehr- und Forschungszwecken angelegt hat. Fuchs war zuerst Professor in Würzburg und später in Göttingen. In dieser Zeit hat er akribisch Buch geführt – und führen lassen – über seine Besuche bei Kranken in Armenvierteln.

    Wie alt war der Patient? Welchen Beruf hat er ausgeübt? Welche Symptome hat er gezeigt? Welche Behandlung haben die Ärzte veranlasst? Wie ist die Krankheit verlaufen? Über all diese Punkte geben Fuchs‘ Aufzeichnungen detailliert Auskunft. Pro Patient erstrecken sie sich mal über zwei, mal über acht Seiten. Sie erlauben damit „einen differenzierten Einblick in ärztliches Handeln und Interaktionen zwischen Medizinern und Patienten in der häuslichen medizinischen Versorgung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“, wie Karen Nolte sagt.

    Die Theorie von den vier Säften

    Ärztliches Handeln vor 200 Jahren unterscheidet sich von der heutigen Medizin wie Handlesen von einem Bild aus dem Kernspin-Tomografen. „Die damals vorherrschende Theorie in der Medizin war das Vier-Säfte-Lehre“, erklärt Nolte. Krankheiten wurden auf ein Ungleichgewicht in diesem „Säfte-Haushalt“ und auf Krankheitsstoffe, die über die Haut und die Nahrung aufgenommen werden konnten, zurückgeführt. Das Behandlungskonzept bestand konsequenterweise darin, angeblich überschüssige Säfte und Krankheitsstoffe aus dem Körper „auszuleiten“. Aderlässe, schröpfen und Blutegel ansetzen waren gängige Therapieformen.

    Dabei standen Ärzte, die ein Medizinstudium absolviert hatten, in Konkurrenz zu einer Vielzahl anderer Heilberufe: Hebammen wurden nicht nur bei Geburten zu Rate gezogen, sondern waren prinzipiell für alle Frauenkrankheiten zuständig; Chirurgen oder Wundärzte hatten kein Studium absolviert, sondern eher eine handwerklich orientierte Ausbildung, und konnten Wunden versorgen und nähen; Bader kümmerten sich neben Bart und Haaren auch um Zähne und Augen – und natürlich gab es schon damals jede Menge religiös-spirituell motivierte Heiler.

    Starke Konkurrenz für Mediziner

    „Vor allem für Menschen aus ärmeren Schichten war der akademisch ausgebildete Arzt nicht der erste Ansprechpartner im Fall einer Krankheit“, sagt Nolte. Allein schon aus Kostengründen zogen diese es vor, sich woanders Hilfe zu holen oder es zunächst einmal mit einem erprobten Hausmittel selbst zu probieren. Von daher kann man den kostenlosen Besuch der Ärzte im Armenviertel durchaus als eine geschickte Form des Marketings interpretieren. „Es ging ihnen natürlich auch darum, ihren Berufsstand zu etablieren, Vertrauen aufzubauen und Autorität und selbstverständlich auch neue Patienten zu gewinnen“, sagt Nolte.

    Rund 3000 Behandlungen pro Jahr verzeichnet die Göttinger Poliklinik zu Beginn des 19. Jahrhunderts – und das bei einer Einwohnerzahl von gerade mal 9000! Sehr viel weniger waren es in Würzburg laut Fuchs‘ Angaben: Hier haben die Ärzte etwa 800 Patienten pro Jahr behandelt, bei 22.000 Einwohnern. „In Würzburg hat es damals viele Hospitäler und Stiftungen gegeben, die sich um Arme gekümmert haben“, vermutet Nolte als Grund für den Unterschied. In Göttingen habe dieses ausgeprägte Fürsorgewesen gefehlt.

    Häufige Diagnosen: Schwindsucht und Krebs

    „Schwindsucht“ lautet zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Diagnose in vielen Fällen. „Dabei wird es sich vermutlich häufig um Lungentuberkulose gehandelt haben“, vermutet Stephanie Neuner – obwohl Medizinhistoriker solche rückwärts gewandten Diagnosen nur ungern stellen. Auch Krebs taucht in den Aufzeichnungen von Conrad Heinrich Fuchs häufig auf, in der Mehrzahl bei Patientinnen. Weil die Ärzte damals nur solche Formen von Krebs diagnostizieren konnten, die mit bloßem Auge sichtbar sind, waren es überwiegend Fälle von Brust- und Gebärmutterkrebs – in der Regel in einem sehr späten Stadium. „Wir können die Prognose auf letal stellen“, heißt es deshalb nicht selten in Fuchs‘ Krankengeschichten.

    Was die Mediziner in solchen Fällen verordnet haben, war in seiner Wirkung beschränkt: Pflanzliche Mittel sollten den Auswurf befördern, Aderlässe und Abführmittel den Körper reinigen. Wenigstens hatten die Ärzte schon Opium und Morphium zur Verfügung, um vor allem bei Krebspatienten den Schmerz zu lindern. „Trotzdem gibt es auch Krankengeschichten, die den Patienten als ‚gesund‘ entlassen“, sagt Neuner. Wobei in solchen Fällen die Frage berechtigt ist, ob diese Patienten tatsächlich wegen oder vielleicht trotz der Behandlung gesundeten.

    Und wenn ein Patient doch verstarb? Dann haben die Mediziner gar nicht so selten gleich vor Ort eine Sektion durchgeführt, um zumindest auf diesem Weg mehr über die Ursachen des Leidens zu erfahren. „Das ist aus heutiger Sicht schon sehr weit weg“, sagt Stephanie Neuner – ein ganz ungewohnter Umgang mit Tod und Trauer. Für die Historikerin bedeutet die Arbeit mit den Krankengeschichten überhaupt eine besondere Erfahrung: „Man erhält durch die Krankengeschichten einen sehr direkten Zugang zu den Individuen und bekommt einen genauen Eindruck von ihren Leiden“, sagt sie. An diesem Beispiel gewinne Geschichte Gestalt.


    Weitere Informationen:

    http://www.medizingeschichte.uni-wuerzburg.de/aerztliche_praxis/index.html Mehr Informationen zum Forschungsprojekt


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Geschichte / Archäologie, Medizin
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


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