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19.04.2012 16:07

„Forschungsverbünde sind Meilensteine der Psychotherapie“

Stefan Zorn Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Medizinische Hochschule Hannover

    Millionen für die Forschung: Fünf BMBF-Verbünde stellen vom 19. bis 21. April in der MHH ihre Ergebnisse vor

    „Noch niemals zuvor ist in Deutschland die Psychotherapie-Forschung so massiv gefördert worden wie in den vergangenen acht Jahren vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.“ Das betonte Professorin Dr. Martina de Zwaan von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Das Bundesforschungsministerium unterstützt seit Dezember 2004 fünf Verbundforschungsvorhaben mit mehreren Millionen Euro in den Bereichen Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, Essstörungen, Panikstörung, Schizophrenie und Sozialphobie. Die Ergebnisse dieser Forschungen werden jetzt vom 19. bis 21. April 2012 bei dem einmaligen Kongress „Meilensteine der Forschung und Praxis“ in der MHH vorgestellt, den Professorin de Zwaan, Direktorin der MHH-Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Hannover organisiert hat. „Die Forschungsverbünde mit ihren vielfältigen Ergebnissen haben sich tatsächlich zu Meilensteinen der Psychotherapie entwickelt, denn zuvor gab es in Deutschland kaum Studien, die diese Qualitätsstandards erfüllt haben. Dank der Netzwerke können wir nun auf eine jeweils sehr große Gruppe von Betroffenen für unsere Untersuchungen zurückgreifen.“ Ein Beispiel: Im Forschungsverbund zu Essstörungen konnten insgesamt mehr als 1100 Patientinnen und Patienten aus mehr als 40 teilnehmenden Zentren in die Untersuchungen eingeschlossen werden.

    Die fünf Forschungsverbünde haben mit zahlreichen Studien unter anderem untersucht, wie sich ambulante und stationäre Psychotherapien in ihrer Wirkung unterscheiden und haben neue Therapieoptionen mit bestehenden und teilweise auch medikamentösen Behandlungen verglichen. Zudem haben die Forscher mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRI) Zusammenhänge zwischen morphologischen Eigenschaften bestimmter Hirnareale und den verschiedenen Krankheitsbildern gesucht. In einigen Arbeitsgruppen versuchten die Wissenschaftler auch, Zusammenhänge mit krankheitsrelevanten Genen aufzuspüren.

    „Psychische Erkrankungen sind eine der gesundheitspolitisch bedeutendsten Krankheitsgruppen“, betonte Professorin de Zwaan. „Sie stellen schon heute eine der Hauptursachen für Krankschreibungen und frühzeitige Berentung dar.“ Zu ihrer Behandlung werden neben medikamentöser Behandlung vielfach auch psychotherapeutische Verfahren eingesetzt. Bei vielen psychischen Störungsbildern stellen Psychotherapieverfahren heute die Therapie der Wahl dar. Bei dem Kongress an der MHH stellen die Forschungsverbünde ihre Ergebnisse mehr als 300 Kongressteilnehmern vor. Hier eine kurze Zusammenfassung, die ausführlichen Pressemitteilungen der einzelnen Forschungsverbünde finden Sie im Anhang:


    Forschungsverbund zur Psychotherapie der Essstörungen (EDNET)

    In den fünf Psychotherapiestudien des Forschungsverbundes EDNET liegt der besondere Fokus auf der Behandlung der Anorexia nervosa: Diese Erkrankung weist nach wie vor die höchste Mortalitätsrate unter allen psychischen Störungen auf und die Studienlage zur Therapie ist dürftig. Das Netzwerk beinhaltet eine ambulante Psychotherapiestudie für erwachsene Patientinnen mit Anorexia nervosa, eine Studie zum Vergleich von stationärer und tagesklinischer Behandlung bei heranwachsenden Patientinnen und Patienten und zwei Studien zur Internet-gestützten Rückfall-Prävention nach erfolgreicher stationärer Therapie bei Patientinnen mit Anorexia nervosa und mit Bulimia nervosa. In einer weiteren Studie wird eine ambulante face-to-face-Therapie mit Internet-basierter angeleiteter Selbsthilfe in der Behandlung übergewichtiger und adipöser Patientinnen und Patienten mit Binge-Eating-Störung verglichen.
    „Erste Ergebnisse zeigen zum Beispiel, dass Internet-basierte, von Therapeuten angeleitete Selbsthilfe bei Patientinnen mit allen Formen der Essstörungen nicht nur eine hohe Akzeptanz hat, sondern auch bei Patientinnen mit Anorexia nervosa im Anschluss an eine erfolgreiche stationäre Behandlung sowohl Rückfälle verhindern kann, als auch bei regelmäßiger Durchführung zu einer weiteren Gewichtszunahme führt“, betonte die Leiterin des Verbundes, Professorin de Zwaan. Weiter zeigte sich, dass eine spezialisierte tagesklinische Behandlung von adoleszenten Patientinnen, die erstmals an Anorexia nervosa erkrankt sind, auch bei ausgeprägter Unterernährung einer stationären Behandlung nicht unterlegen ist.

    Forschungsverbund zur Psychotherapie der Sozialen Phobie (SOPHO-NET)

    Menschen mit sozialer Phobie haben Angst, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen oder sich peinlich oder beschämend zu verhalten. Die soziale Phobie ist die häufigste Angststörung und hat schwerwiegende Auswirkungen auf die private und berufliche Lebenssituation der Betroffenen. Das SOPHO-NET umfasst mehrere eng aufeinander bezogene Studien. Die zentrale Studie ist eine multizentrische Psychotherapiestudie, in der kognitive Therapie und psychodynamische Therapie bei der Behandlung von Patienten mit Sozialer Phobie miteinander verglichen werden. Insgesamt wurden hier 495 Patienten therapiert, in einer der größten Studien zur Psychotherapie weltweit.

    Die Studie zeigt, dass eine kognitive Therapie oder eine psychodynamische Therapie sich gegenüber einer Gruppe unter Wartekontrollbedingung signifikant überlegen zeigten. „Dies zählt als ein wissenschaftlicher Wirkungsnachweis nach den Kriterien des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie oder der American Psychological Association“, wie Professor Dr. Falk Leichsenring vom Universitätsklinikum Gießen, Sprecher des Forschungsverbundes Sozialphobie, erklärte. „Im direkten Vergleich der beiden Therapien ergaben sich signifikante Unterschiede zugunsten der kognitiven Therapie.“ Die Unterschiede waren jedoch vom Betrag her klein. So betrug zum Beispiel der Anteil der Patienten, die von der Therapie deutlich profitierten, 65 Prozent für die kognitive Therapie und 54 Prozent für die psychodynamische Therapie.
    Die Untersuchung wird von vier weiteren Studien ergänzt, die Bindungsstile, gesundheits-ökonomische Aspekte, genetische Veränderungen unter anderem des Serotonintransportergens und strukturelle und funktionelle Abweichungen in bestimmten Hirnarealen untersuchen.

    Forschungsverbund PANIK-NETZ – Kognitive Verhaltenstherapie der Panikstörung

    Die Panikstörung gilt als die schwerwiegendste Form der Angsterkrankungen. Sie beginnt meist früh in der Adoleszenz und ist mit erheblichem andauerndem Leiden und schweren sozialen Komplikationen verbunden – von der Arbeitsunfähigkeit bis zu weiteren Komplikationen wie Depressionen oder Suchtentwicklung. Die kognitive Verhaltenstherapie ist seit einigen Jahren die Methode der ersten Wahl, da ihre Wirksamkeit empirisch am besten gesichert ist. Essentielle Kernfragen wie psychologische und neurobiologische Wirkmechanismen oder molekulare Zusammenhänge sind jedoch nach wie vor ungelöst.

    Das Panik-Netz-Konsortium hat neben zwei sehr großen Multicenter-Studien, in denen Patienten mit kognitiver Verhaltenstherapie behandelt wurden, auch neue Therapieverfahren erprobt: Psychophysiologische Mechanismen, Bildgebende Untersuchungen mit der Magnetresonanztomographie oder molekulargenetische Untersuchungen. Interdisziplinäre und international ausgewiesene Expertengruppen konnten nicht nur entscheidende Kenntnisdurchbrüche im Hinblick auf eine optimierte psychotherapeutische Behandlung erzielen, sondern auch diejenigen aktiven Behandlungselemente entschlüsseln, die für den Behandlungserfolg entscheidend sind.

    Der Sprecher des Forschungsverbundes, Professor Dr. Volker Arolt vom Universitätsklinikum Münster, zählte einige der Ergebnisse auf: „Die kognitive Verhaltenstherapie ist hoch wirksam. Die Exposition stellt ein entscheidendes Element für die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie dar“, betonte er. „Ein von uns entwickeltes Therapiemanual zeigt einen neuen Standard in der kognitiven Verhaltenstherapie der Panikstörung. Nach sechs Monaten und sogar nach zwei Jahren bleiben die Effekte der Therapie erhalten.“ Zudem konnten die Forscher nachweisen, dass eine die Panikstörung häufig begleitende Depressivität die Effektivität der Therapie nicht beeinträchtigt. Ausdauersport scheint zudem eine günstige Wirkung zu haben, dieses Verfahren wird derzeit geprüft. Ebenfalls überprüft wird die Wirkung der transkraniellen Magnetstimulation.

    Forschungsverbund zur Psychotherapie der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Kindern und Erwachsenen (ADHD-net)

    Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist gekennzeichnet durch die Kernsymptome übermäßige motorische Unruhe, gesteigerte Impulsivität und hochgradige Unaufmerksamkeit. Die Symptomatik ist für das Entwicklungsalter des Kindes übersteigert und beeinträchtigt schwerwiegend seinen Alltag situationsübergreifend in Familie, Kindergarten, Schule und Freizeit. Das Verhaltensproblem ist vor dem sechsten Lebensjahr erkennbar. Mit einer Häufigkeit von drei bis sechs Prozent ist die ADHS eine der häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Die Hauptsymptome bleiben bei 40 bis 60 Prozent der Betroffenen bis ins Erwachsenenalter bestehen. Die ADHS geht demnach bei vielen Betroffenen mit erheblicher psychosozialer Beeinträchtigung einher, führt zu Belastungen im familiären und sozialen Umfeld und stellt damit auch ein Problem für die Gesellschaft dar.

    Im Kindes- und Jugendalter sind Psychopharmakotherapie und verhaltenstherapeutische Psychotherapie etablierte und evaluierte Behandlungsmethoden. In den meisten Fällen wird die Pharmakotherapie in der späten Adoleszenz beendet. „Bislang gab es jedoch für das Erwachsenenalter keine größeren kontrollierten Studien, die die Wirksamkeit von Pharmakotherapie und Psychotherapie vergleichen“, beschreibt der Sprecher des ADHD-net, Professor Dr. Andreas Warnke vom Universitätsklinikum Würzburg, die Problematik. „Der Forschungsverbund stellt diese Problematik in den Mittelpunkt seiner Forschungsbemühungen und untersucht die Wirksamkeit von Psychotherapie bei Kindern und Erwachsenen mit ADHS sowie den Zusammenhang von Behandlungserfolg mit Hirnstrukturen, Hirnfunktionen und genetischen Gegebenheiten.“

    Die wichtigsten Ergebnisse: In sieben Studienzentren wurden 433 Erwachsene mit ADHS auf die vier Behandlungsbedingungen (Gruppentherapie und Methylphenidat, Beratung und Methylphenidat, Gruppentherapie und Placebo, Beratung und Placebo) zufällig verteilt. Die Behandlung mit dem Medikament Methylphenidat war sowohl nach der intensiven Therapiephase nach 13 Wochen als auch über die Dauer eines Jahres unter weniger intensiven Behandlungsbedingungen (einmal monatliche Termine) der Behandlung mit Placebo hinsichtlich der Gesamtsymptomatik der ADHS signifikant überlegen. Es zeigte sich kein signifikanter Unterschied zwischen Beratung und Gruppentherapie. Es finden sich Hinweise auf eine Überlegenheit der Gruppentherapie im Vergleich zur Beratung in Bezug auf einige Kernsymptome der ADHS wie die Unruhe und emotionale Instabilität. Die Datenanalyse ist gegenwärtig noch nicht abgeschlossen.

    In einem weiteren Teilprojekt wurden 144 Mutter-Kind-Paare auf die beiden Behandlungsbedingungen zufällig verteilt: intensive Behandlung der ADHS der Mutter (Methylphenidat und Gruppentherapie) plus Eltern-Kind-Training; weniger intensive Behandlung der ADHS der Mutter (Beratung) plus Eltern-Kind-Training. Auch bei Kindern, die zum Großteil bereits medikamentös bezüglich ihrer ADHS behandelt waren, zeigten sich im Rahmen der Behandlungen noch deutliche Verbesserungen der Symptomatik. Dies war unabhängig davon, wie intensiv die Mutter bezüglich ihrer eigenen ADHS behandelt wurde.

    Forschungsverbund zur Psychotherapie bei psychotischen Erkrankungen (POSITIVE-Net)

    Menschen mit psychotischen Erkrankungen erleben ihre Umwelt oft als bedrohlich und beziehen Erlebnisse auf sich. Viele haben Ängste, verfolgt zu werden, ohne dass dies für Außenstehende nachvollziehbar ist. Bei Schizophrenien stehen solche Störungen des Denkens und Wahrnehmens ganz im Vordergrund. Diese Störungen werden unter der Bezeichnung Positiv-Symptomatik zusammengefasst. Diese Erkrankungen führen oft dazu, dass ein geregeltes Arbeitsleben und befriedigende Sozialkontakte kaum möglich sind. Es besteht ein oft langjähriger Behandlungs- und Rehabilitationsbedarf.

    Lange Zeit bestand in Fachkreisen die Auffassung, dass bei psychotischen Erkrankungen ausschließlich eine Behandlung mit antipsychotisch wirksamen Medikamenten erfolgversprechend ist. In angloamerikanischen Ländern wurde jedoch seit den neunziger Jahren intensiv die Wirksamkeit von störungsspezifischen Therapiestrategien aus dem Spektrum der kognitiven Verhaltenstherapie entwickelt und überprüft. Wirksamkeitsnachweise durch erfolgreiche Studien haben dazu geführt, dass Psychotherapie nunmehr für alle Betroffenen als wirksame Behandlungsmaßnahme empfohlen wird. In Deutschland sind diese Strategien jedoch kaum verbreitet und es galt zu zeigen, dass auch unter den Bedingungen des deutschen Gesundheitssystems die kognitive Verhaltenstherapie eine erfolgreiche Therapie darstellt, wie der Koordinator des Verbundes, Professor Dr. Stefan Klingberg vom Universitätsklinikum Tübingen betonte.

    In diesem Forschungsverbund wird eine große multizentrische Studie mit 330 Patienten durchgeführt, die auch den Rahmen für Forschungsprojekte zum psychologischen und neurobiologischen Verständnis der Symptomatik sowie zur Wirkungsweise und zur gesundheitsökonomischen Bewertung der Therapie bildet. Hinzu kommen Studien zur Entwicklung von modifizierten Therapiestrategien für die Behandlung von Jugendlichen sowie älteren Patienten mit psychotischen Störungen. Erstes wesentliches Ergebnis: Es zeigt sich, dass der erwartete Effekt der kognitiven Verhaltenstherapie nachgewiesen werden kann. Dies sollte Auswirkungen auf die künftige Gestaltung der Behandlung psychotischer Störungen in Deutschland nach sich ziehen und insbesondere die Konsequenz haben, die Psychotherapie als integralen Bestandteil der Behandlung psychotischer Störungen anzubieten.

    Weitere Informationen finden Sie in den beigefügten Langversionen der Presseinformationen der Forschungsverbünde.

    Zum Kongress informiert Sie Professorin Dr. Martina de Zwaan, dezwaan.martina@mh-hannover.de, Telefon (0511) 532-6570.

    Das Kongressprogramm finden Sie unter www.kongress.mh-hannover.de/psychotherapie_2012 unter dem Stichwort Programm.


    Anhang
    attachment icon Presseinformationen der Forschungsverbünde

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Tagungen
    Deutsch


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