idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Grafik: idw-Logo

idw - Informationsdienst
Wissenschaft

Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
05.09.2012 15:28

Erste kombinierte Leber- und Darmtransplantation bei einem Säugling

Dr. Ellen Katz Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universitätsklinikum Tübingen

    Am Universitätsklinikum Tübingen transplantierte ein Expertenteam der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin und der Klinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie erstmals im deutschsprachigen Raum einem Säugling gleichzeitig Leber und Darm.

    Diagnose: Kurzdarmsyndrom und Leberfunktionsstörung

    Bereits kurze Zeit nach seiner Geburt im Sommer 2011 verlor Lukas* durch eine Durchblutungsstörung einen Großteil seines Darms. Nur noch knapp 15 cm des ursprünglich drei Meter langen Dünndarms blieben nach der erforder-lichen Operation erhalten. An eine normale Nahrungsaufnahme war danach nicht mehr zu denken – Lukas musste künstlich ernährt werden (parenterale Ernährung über Infusionen). Diese Ernährung wird von vielen Patienten gut vertragen, bei Lukas jedoch führte sie nach einigen Monaten zu einer schwe-ren Leberfunktionsstörung. Bei einer Gewebeentnahme (Biopsie) stellten seine behandelnden Ärzte, Oberarzt Dr. Andreas Busch und Oberarzt Dr. Ekkehard Sturm (pädiatrische Gastroenterologen) fest, dass der Leberumbau (Leberfibrose) bereits sehr weit fortgeschritten war: „Bei dieser Kombination aus Kurzdarmsyndrom (verkürzter Darm) und Leberfunktionsstörung war klar, dass es eigentlich nur noch bergab geht und einzig eine kombinierte Leber- und Darmtransplantation Lukas helfen kann“, berichtet Dr. Sturm rückbli-ckend.

    Eine extreme chirurgische Herausforderung

    Lukas kam auf die Warteliste und hatte Glück: bereits nach erstaunlich kurzer Zeit bekam er geeignete Spenderorgane. Am 26. Juni 2012 wurden ihm die Spenderorgane in einer 8-stündigen Operation transplantiert: „Diese Operati-on erfordert eine komplexe operative Technik, die erst selten angewandt wur-de, im deutschsprachigen Raum bisher noch nie bei einem Kind. Der An-schluss der beiden Organe an das Verdauungs- und das Kreislaufsystem war eine extreme chirurgische Herausforderung“, erläutert Prof. Dr. Alfred Königs-rainer, Ärztlicher Direktor der Tübinger Universitätsklinik für Allgemeine, Vis-zeral- und Transplantationschirurgie. Der erfahrene Transplantationschirurg und sein leitender Oberarzt, Priv. Doz. Dr. Silvio Nadalin haben 2009 erstmals in Deutschland einem Kind den Dünndarm transplantiert. Bis heute ist das Universitätsklinikum Tübingen die einzige Klinik Deutschlands, die diese le-bensrettende Transplantation anbietet: „Mit dieser neuen innovativen kombi-nierten Transplantation von Darm und Leber gehen wir noch einen Schritt weiter. Für die deutschsprachigen Patienten, die früher zu diesem Eingriff ins Ausland reisen mussten, ist das eine enorme Verbesserung“, stellt Dr. Nada-lin fest. Dieser Erfolg ist nur möglich durch eine enge Zusammenarbeit der beteiligten Spezialisten, den Transplantationschirurgen und Kinderärzten, die auf Leber- und Darmerkrankungen spezialisiert sind sowie weiteren erfahre-nen Mitarbeitern der Kliniken, z. B. im Bereich der Pflege und der Ernäh-rungsberatung.

    Finanzierung durch Krankenkassen noch ungeklärt

    Dieser operative Eingriff ist so neu, dass es dafür im Vergütungssystem der Krankenkassen noch keine Gebührenziffer gibt. Prof. Dr. Rupert Handgretin-ger, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Kinder und Jugendmedizin, sieht hier dringenden Handlungsbedarf: „Lukas war so lebensgefährlich er-krankt, dass nur noch diese kombinierte Transplantation von Leber und Darm als letzte Hoffnung in Frage kam. Um sein Leben zu retten, sind wir in Vorleis-tung gegangen. Dies können wir natürlich nur in Einzelfällen tun. Jetzt sind die Krankenkassen am Zug. Wir hoffen, dass bei den nächsten Verhandlun-gen im Oktober diese neue innovative Leistung möglichst rasch in den Ge-bührenkatalog übernommen wird, damit wir auch anderen Patienten helfen können.“

    Nach der Transplantation: Ein ganz normales Leben führen

    Lukas hat bereits die kritische Phase überwunden: „Nach der Transplantation zeigte sich eine ungewöhnliche Abstoßungsreaktion – die Spenderzellen rich-teten sich gegen den Empfängerorganismus – eine sogenannte GvH-Reaktion (Graft-versus-Host-Reaktion, deutsch: Transplantat-gegen-Empfänger-Reaktion) Lukas bekam einen typischen Ausschlag, den wir er-folgreich mit Cortison behandeln konnten. Jetzt hat sich seine Lage stabilisiert und er kann bald mit seinen Eltern nachhause gehen“, erzählen die behan-delnden Kinderärzte Dr. Sturm und Dr. Busch.

    Noch führt auf Lukas' Bauch ein Schlauch in seinen Magen und in den Darm, aber nach und nach darf er normale Nahrung zu sich nehmen. Vor wenigen Tagen durfte er das erste Mal in seinem Leben essen - einen von der Diätas-sistentin zubereiteten Kürbisbrei. Zwar wird Lukas sein Leben lang Medika-mente nehmen müssen, die die Abwehrreaktionen seines Immunsystems unterdrücken (Immunsuppressiva), doch das Ziel der Tübinger Ärzte ist ein ganz normales Leben für Lukas: „Er soll eine vergleichbare Lebensqualität wie andere Kinder haben, normal essen und in den Kindergarten und in die Schule gehen können“, sagt Dr. Sturm. So wie Lenie, das erste Kind in Deutschland, das 2009 als Dreijährige von den Tübinger Experten transplan-tiert wurde und das in diesem Herbst eingeschult wird.

    * Name von der Redaktion geändert

    Medienkontakt

    Universitätsklinikum Tübingen
    Klinik für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie
    Prof. Dr. Alfred Königsrainer, Ärztlicher Direktor
    Alfred.Koenigsrainer@med.uni-tuebingen.de

    Universitätsklinikum Tübingen
    Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
    Dr. Andreas Busch, Oberarzt Gastroenterologie
    Andreas.Busch@med.uni-tuebingen.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Medizin
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft
    Deutsch


    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).