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06.09.2012 09:27

Fast jedes fünfte krebskranke Kleinkind leidet an einer Traumastörung

Nathalie Huber Kommunikation
Universität Zürich

    Die Diagnose und die Behandlung von Krebs können nicht nur bei Erwachsenen und älteren Kindern zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen. Auch krebskranke Säuglinge und Kleinkinder leiden schon an Traumastörungen, wie Forscher der Universität und des Kinderspitals Zürich zum ersten Mal nachweisen. Diese Erkenntnis soll bei der Behandlung der Kleinsten berücksichtigt werden, damit diese nicht längerfristige Störungen entwickeln.

    Menschen, die an einer posttraumatischen Belastungs­störung leiden, erleben ihre traumatischen Erfahrungen in Form von Flashbacks und Albträumen wieder und im Kindesalter auch im traumatischen Spiel, bei dem sie das Erlebte immer und immer wieder nachspielen. Sie vermeiden Reize, die an das Trauma erinnern oder leiden an vegetativer Übererregung wie Schlafstörungen, übermässiger Wachsamkeit oder Konzentrationsproblemen. Forschende der Universität und des Kinderspitals Zürich weisen nun weltweit erstmals nach, dass auch Säuglinge und Kleinkinder infolge einer Krebskrankheit und der damit zusammen­hängen­den, oft sehr belastenden Behandlung mit Chemotherapie, Radiotherapie oder Operationen eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln können.

    Kleinkinder gefährdeter als Säuglinge
    Im Rahmen der Studie befragte die Doktorandin Anna Graf unter der Leitung von Professor Markus Landolt und mit Unterstützung der Kinderonkologin Eva Bergsträsser insgesamt 48 Mütter, deren Kinder an Krebs erkrankt waren. 9 oder 18,8 Prozent der untersuchten Säuglinge und Kleinkinder wiesen das Vollbild einer kleinkindlichen posttraumatischen Belas­tungs­störung auf. Bei weiteren 20 Kindern (41,7 Prozent) stellten sie zumindest einen Teil der Sympto­me einer Belastungsstörung fest. Am häufigsten waren Symptome des Wiedererlebens und Ängste. Kinder über 18 Monate hatten ein deutlich höheres Risiko für eine Störung als jüngere Kinder. Ebenso erhöhte eine posttraumatische Belastungsstörung bei der Mutter die Störungswahrscheinlichkeit beim Kind. Interessanterweise zeigte sich kein Zusammenhang zwischen der Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung und den untersuchten Krankheitsmerkmalen.

    Kinderfreundliche Behandlung
    «Unsere Studienbefunde zeigen, dass eine Krebserkrankung und deren Behandlung auch im Säuglings- und Kleinkindalter traumatisierend wirken kann», erklärt Prof. Landolt. Die betroffenen Kinder können länge­rdauernde Störungen entwickeln, welche ihre Entwicklung beeinträchtigen. Um dies zu verhindern, ergeben sich verschiedene Implikationen für die Behandlung von jungen Kindern mit Krebs: «Noch mehr sollte darauf geachtet werden, dass potentiell belastende Behandlungen wie z.B. die Knochenmarkspunktion möglichst kinderfreundlich und schmerzfrei durchgeführt werden», empfiehlt Prof. Landolt. Zudem sollen alle Massnahmen gefördert werden, die das Sicherheitsgefühl des Kindes im Spital und während der medizinischen Behandlung verbessern und damit die Angst reduzieren. Dafür braucht es zwingend speziell für das Kindesalter geschultes Personal und eine kindgerechte Infrastruktur. Nicht zuletzt sollen schliesslich auch die Eltern als absolut wichtigste Bezugspersonen und Ressourcen des Kindes während der Erkrankung des Kindes möglichst gut psychologisch unterstützt werden.

    48 Kinder im Alter von 8 bis 48 Monaten
    Die Untersuchung posttraumatischer Störungen bei ganz jungen Kindern stellt eine grosse
    Herausforderung dar, da sich die Symptome in diesem Alter anders zeigen als bei Erwachsenen
    oder älteren Kindern. Im Rahmen der Studie befragte die Doktorandin Anna Graf unter der Leitung
    von Professor Markus Landolt und mit Unterstützung der Kinderonkologin Eva Bergsträsser
    insgesamt 48 Mütter, deren Kind an Krebs erkrankt war. Die Kinder waren zum Zeitpunkt der Studie
    zwischen 8 und 48 Monate alt, im Durchschnitt waren seit der Diagnosestellung 15 Monate
    vergangen.

    Die häufigsten Diagnosen waren solide Tumoren, Leukämien, Lymphome und Hirntumoren. 85
    Prozent der Kinder hatten eine Chemotherapie erhalten, 56 Prozent waren operiert worden, knapp
    17 Prozent wurden bestrahlt und 12,5 Prozent erhielten eine Knochenmarktransplantation. 21
    Kinder (knapp 44 Prozent) waren zum Zeitpunkt der Untersuchung noch in medizinischer
    Behandlung.

    Oncosuisse und die Claus Cramer Stiftung haben diese Studie finanziell unterstützt.

    Literatur:
    Graf, Anna, Bergsträsser, Eva & Landolt, Markus A. Posttraumatic stress in infants and preschoolers with cancer. Psycho-Oncology. Doi: 10.1002/pon.3164


    Kontakt:
    Prof. Dr. phil. Markus Landolt
    Abteilung Psychosomatik und Psychiatrie
    Kinderspital Zürich
    Tel. +41 78 664 29 30
    E-Mail: markus.landolt@kispi.uzh.ch


    Weitere Informationen:

    http://www.mediadesk.uzh.ch - Medienmitteilung


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Medizin, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


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