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27.09.2012 12:47

Falsche Versorgung und Präventionsmangel belasten das Gesundheitswesen jährlich mit Milliardensum

Markus Brakel Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde e.V.

    11. Deutscher Kongress für Versorgungsforschung und 4. Nationaler
    Präventionskongress in Dresden: „Prävention und Versorgung 2012 für die
    Gesundheit 2030“

    27. September 2012 - Dresden. Wie sollten bestehende Fehlentwicklungen in der
    medizinischen und zahnmedizinischen Versorgung in Deutschland unter stärkerer
    Berücksichtigung der Prävention zukünftig gesteuert werden, um eine bessere Gesundheit
    und Orientierung der Patienten sowie gleichzeitig erhebliche Einsparpotentiale zu
    realisieren? – Dies ist die zentrale Fragestellung beim 11. Deutschen Kongress für
    Versorgungsforschung und 4. Nationalen Präventionskongress, der vom 27. bis 29.
    September 2012 im Deutschen Hygienemuseum in Dresden stattfindet. Antworten darauf
    werden von Medizinern und Zahnmedizinern sowie Experten für die gesundheitliche
    Versorgung und Sozialmedizin gemeinsam gesucht.
    Der Kongress steht unter dem Thema „Prävention und Versorgung 2012 für die Gesundheit
    2030“. Bei dieser erstmals von Zahnmedizinern organisierten Tagung, die federführend von
    der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) gemeinsam mit
    dem Deutschen Verband für Gesundheitswissenschaften und Public Health (DVGPH) sowie
    dem Deutschen Netzwerk für Versorgungsforschung (DNVF) durchgeführt wird, sollen
    Lösungen für Weichenstellungen im Gesundheitswesen gefunden werden, die zu einer
    angemessenen und gleichzeitig kostenbewussten medizinischen Versorgung der
    Bevölkerung führen. Die Notwendigkeit dazu zeigt schon ein Blick auf die Ausgaben: Allein
    die Vermeidung von Über- und Fehlversorgung (unter Berücksichtigung des Ausgleichs von
    Unterversorgung) bietet ein jährliches Einsparpotential von acht bis zehn Milliarden Euro, so
    die Einschätzung des Sachverständigenrates im Gesundheitswesen. Im Bereich chronischer
    Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Lungenkrebs ließen sich bei zielgerichteter
    Prävention auf Dauer noch einmal rund 30 Prozent der Gesamtausgaben im
    Gesundheitswesen einsparen.
    Auf die zunehmende Bedeutung des Faktors Prävention wies auf der Pressekonferenz zur
    Eröffnung des Kongresses Prof. Wilhelm Kirch, Direktor des Instituts für Klinische
    Pharmakologie der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität Dresden, hin:
    „Prävention als vorausschauende Vermeidung gesundheitlicher Risiken und Förderung von
    Gesundheitspotenzialen wird zu einer neuen Herausforderung: für die europäische und die
    Bundespolitik, für die Forschung der Gesundheitswissenschaftler an den Universitäten und
    die Praxis der Gesundheitsförderung in Gemeinden und Schulen, in der Wirtschaft und im
    Gesundheitswesen.“ Sowohl gewandeltes Krankheitsspektrum, die Globalisierung der
    Wirtschaft als auch die Alterung der Gesellschaft zwängen hoch entwickelte Gesellschaften
    zum Überdenken ihrer gesundheitspolitischen Strategien. Gesundheitsförderung und
    Prävention seien humane und effiziente Wege zur Bewältigung dieser Herausforderungen.
    Außerdem dienten sie der Förderung der Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft und zur
    Stabilisierung unserer sozialen Sicherungssysteme, sagte Prof. Kirch.
    Für Prof. Gerd Glaeske, Zentrum für Sozialpolitik (ZeS) der Universität Bremen und
    Hauptgeschäftsführer des Deutschen Netzwerks Versorgungsforschung (DNVF), bringt die
    Versorgungsforschung mehr Transparenz in die Qualität medizinischer Leistungen, es gehe
    dabei um deren Nutzen und um Aspekte von Unter-, Über- und Fehlversorgung. Prof.
    Glaeske führte als Beispiele für die Fehlversorgung u.a. die Tatsache an, dass Kinder immer
    noch zu viele Antibiotika bei Infektionen der oberen Atemwege verordnet bekämen. Dabei
    seien diese Infektionen meist virusbedingt und Antibiotika hier fehl am Platz. Als weiteres
    Beispiel ergänzte Prof. Glaeske: „Menschen mit Demenz bekommen zu viele Neuroleptika,
    viele dieser starken Beruhigungsmittel könnten eingespart werden, wenn neue
    Pflegekonzepte (‚Aktivierende Pflege’) berücksichtigt oder mehr physiotherapeutische
    Maßnahmen angewendet würden. Bei Menschen mit Demenz schaden Neuroleptika, sie
    führen nachweislich zur höheren Sterblichkeit im Vergleich zu Patienten, die keine
    Neuroleptika bekommen.“
    Unterversorgung sieht Prof. Glaeske dagegen bei der zahnmedizinischen Versorgung älterer
    Menschen in Pflege- und Altenheimen. Bei vielen sei die Zahnpflege ungenügend, Zahnärzte
    kämen nur bedingt in die Pflege- und Altenheime. Da aber der Zusammenhang zwischen der
    Zahnfleischentzündung (Parodontitis) und der Entwicklung oder Verschlechterung von
    Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck oder sogar Demenz inzwischen aufgedeckt sei,
    könne sich der Krankheitszustand älterer Patientinnen und Patienten durch diese mangelnde
    Versorgung gravierend verschlechtern. „Die Versorgungsforschung kann die spezifische
    Situation der Patienten beleuchten und Fehlentwicklungen aufdecken. Auf diese Weise
    werden solche Erkenntnisse zum Ausgangspunkt für mehr Qualität und Sicherheit in der
    Patientenversorgung und sollten in Leitlinien oder in neuen Versorgungskonzepten, z.B. der
    integrierten Versorgung, berücksichtigt werden“, forderte Prof. Glaeske. Kritik übte er auch
    an der Praxisgebühr, die nicht zu der angestrebten Verringerung von Arztkontakten geführt
    habe (Deutschland hält hier nach wie vor den Weltrekord mit 18 Arztkontakten pro
    Versichertem), dafür aber ältere Menschen daran hindere, rechtzeitig einen Arzt
    aufzusuchen.
    Auf die Erfolge der systematischen Bemühungen der Zahnmedizin in der Prävention von
    Munderkrankungen in der Bevölkerung wies Prof. Reiner Biffar, Poliklinik für zahnärztliche
    Prothetik, Alterszahnmedizin und Medizinische Werkstoffkunde, Universitätsmedizin
    Greifswald, hin. Diese seien deutlich sichtbar und epidemiologisch nachgewiesen. „Hieraus
    sind vielfältige Erfahrungen zur Effektivität, Compliance und Motivationsstrategien
    entstanden.“ Es liege daher nahe, „dass wechselseitig Erfahrungen und Strategien zur
    Prävention verstärkt zwischen Zahn- und Humanmedizin ausgetauscht werden können. Auf
    Basis gezielter Interventionen und langjähriger Programme in der Zahnmedizin können
    umfangreiche Erfahrungen der Motivation und Erhaltung der Compliance auf
    Bevölkerungsebene auch in der Medizin genutzt werden. Die Möglichkeiten im Mundbereich
    und der zahnärztliche Befundung werden als diagnostischer Zugang für Verdachtsdiagnosen
    von Allgemeinerkrankungen noch wenig genutzt“, erklärte Prof. Biffar.
    Die Notwendigkeit einer (Re-)Integration der Zahnmedizin in die Medizin stellte auch Prof.
    Thomas Hoffmann, Direktor der Poliklinik für Parodontologie und Geschäftsführender
    Direktor der UniversitätsZahnMedizin Dresden für die Deutsche Gesellschaft für Zahn-,
    Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK), heraus: „Ein Anliegen des Kongresses liegt darin, die
    Zahnmedizin erkennbar weiter (zurück) in die Medizin zu integrieren. Diese Reintegration
    stellt keine fixe Idee dar, sondern erscheint vor dem Hintergrund der demografischen
    Entwicklung und der immer wieder – sehr umfangreich im Fach Parodontologie –
    aufgezeigten Zusammenhänge zwischen oraler und systemischer Gesundheit als eine
    conditio sine qua non.“ Das gemeinsame Vorgehen könne zu einer neuen
    Versorgungsqualität der Patienten führen.
    In gemeinsamen Workshops und Sessions, in drei Plenarsitzungen aller Teilnehmer sowie in
    vierzig Parallelsitzungen und Posterpräsentationen wollen die Kongressteilnehmer neue
    Vorschläge zur Versorgungspraxis und Prävention in Deutschland entwickeln.


    Weitere Informationen:

    http://www.dkvf2012.de - weitere Informationen


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Gesellschaft, Medizin, Politik
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Wissenschaftliche Tagungen
    Deutsch


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