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05.11.2012 11:13

Bessere Beweglichkeit – dank Betäubung

Dr. Ute Schönfelder Stabsstelle Kommunikation/Pressestelle
Friedrich-Schiller-Universität Jena

    Forscher der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Universitätsklinikums Jena verbessern Therapie für Schlaganfallpatienten

    Für die Medizin sind sie Segen: Medikamente, die das Schmerzempfinden ausschalten und so viele Therapien erst möglich machen. Dank moderner Anästhetika lassen sich heute nicht nur chirurgische Operationen schmerzfrei durchführen. Auch bei verschiedenen Diagnoseverfahren kommen sie zum Einsatz. Wie Psychologen und Mediziner der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Universitätsklinikums Jena nun zeigen, können Anästhetika auch bei der Therapie von Schlaganfallpatienten von hohem Nutzen sein. In einer aktuellen Publikation stellen die Forscher die Ergebnisse einer Studie vor, die belegt, dass durch eine Lokalanästhesie die motorischen Fähigkeiten von Patienten nach einem Schlaganfall deutlich verbessert werden können. Die Studie ist jüngst im „Journal of Neuroscience“ erschienen (DOI:10.1523/JNEUROSCI.5912-11.2012).

    „Viele Schlaganfallpatienten leiden unter Lähmungen etwa einer Hand oder des gesamten Armes“, erläutert Prof. Dr. Thomas Weiß. Der Psychologe vom Lehrstuhl für Biologische und Klinische Psychologie der Jenaer Universität arbeitet gemeinsam mit Fachkollegen sowie Neurologen des Jenaer Uniklinikums bereits seit einigen Jahren sehr erfolgreich mit einer speziellen Trainingstherapie, die die Beweglichkeit von Patienten nach einem Schlaganfall deutlich verbessert: Beim „Taubschen Bewegungstraining“ – auch „Constraint-Induced Movement Therapy“ (CIMT) genannt – wird der gesunde Arm der Patienten in einer Manschette vollständig fixiert, während Arm und Hand, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind, intensiv feinmotorische Aufgaben trainieren. Beispielsweise stapeln die Patienten kleine Bauklötzchen aufeinander oder stecken winzige Pins in ein Lochbrett. Auch Alltagstätigkeiten wie Händewaschen oder Trinken aus einer Tasse stehen auf dem Übungsprogramm. „Beinahe jeder Betroffene profitiert von diesem Training“, berichtet Weiß‘ Fachkollege Prof. Dr. Wolfgang Miltner. Der Lehrstuhlinhaber hat das Training gemeinsam mit amerikanischen Kollegen entwickelt und verweist auf umfangreiche Studienergebnisse zur Effizienz des Programms. „Wir freuen uns, dass wir gemeinsam mit unseren Kollegen aus der Psychologie diese Therapie in der neurologischen Tagesklinik bei vielen Patienten durchführen können“, ergänzt der Direktor der Klinik für Neurologie, Prof. Dr. Otto Witte.

    Wie das interdisziplinäre Jenaer Team nun zeigen konnte, lässt sich die Wirksamkeit des Bewegungstrainings zusätzlich deutlich steigern, wenn die Sensitivität des bewegungseingeschränkten Armes während des Trainings durch ein Anästhetikum herabgesetzt wird. In ihrer Studie haben die Forscher 36 Patienten untersucht. Während die eine Hälfte der Patienten ein Lokalanästhetikum in Form einer Salbe auf den gelähmten Unterarm aufgetragen bekam, erhielt die andere Patientengruppe lediglich ein Placebo. Anschließend absolvierten beide Patientengruppen einen Tag lang das Bewegungstraining.

    „Wie erwartet, hat sich die Beweglichkeit bei allen Patienten deutlich verbessert“, nennt Prof. Weiß ein Ergebnis. „Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass die Patienten, die das Anästhetikum erhalten haben, noch einmal deutlich mehr profitieren als die Placebo-Gruppe“, so Weiß. Die Ursache für diesen Effekt konnten die Forscher in Magnetenzephalogramm-Aufnahmen (MEG) der behandelten Patienten sichtbar machen. Wie diese Aufnahmen zeigen, führt das temporäre Ausschalten der Nervenreize aus dem Unterarm dazu, dass auch die Aktivität in den Hirnarealen abnimmt, die diese Reize verarbeiten. „Gleichzeitig kommt es aber zu einer stärkeren Aktivierung benachbarter Hirnregionen“, erläutert der Jenaer Psychologe. So reagiere das Gehirn auf ausbleibende Reize aus dem Unterarm mit einer gesteigerten Sensitivität in der Hand, in deren Folge sich auch die motorischen Fertigkeiten verbessern. „Dieser Prozess setzt innerhalb von Minuten ein“, sagt Thomas Weiß.

    Ob sich durch die Kombination von Lokalanästhesie und Bewegungstraining auch langfristig die Beweglichkeit von Schlaganfallpatienten verbessern lässt, soll eine nun folgende Studie klären.

    Original-Publikation:
    Sens E. et al.: Effects of Temporary Functional Deafferentation on the Brain, Sensation, and Behavior of Stroke Patients, Journal of Neuroscience Vol. 32 (34): 11773-11779, DOI: 10.1523/JNEUROSCI.5912-11.2012

    Informationen zum Taubschen Bewegungstraining an der Universität Jena sind zu finden unter: http://www.taubsches-training.uni-jena.de.

    Kontakt:
    Prof. Dr. Thomas Weiß
    Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
    Am Steiger 3/Haus 1, 07743 Jena
    Tel.: 03641 / 945143
    E-Mail: weiss[at]biopsy.uni-jena.de


    Weitere Informationen:

    http://www.uni-jena.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Medizin, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


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